Orpheum: „In der Hölle sitzt ein Vierscher und erzählt Witze“

Es gibt Jubiläen, die werden nur mit der Familie gefeiert, manchen feiert man mit Freunden und manche mit dem ganzen Niederrhein. Ein solches ist unzweifelhaft das der Großen Karnevalsgesellschaft Orpheum, die mit verdientem Stolz in diesem Jahr auf 150 Jahre zurückblicken darf.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen-Dülken – Gegründet 1869 gehört die Große Karnevalsgesellschaft Orpheum zu den älteren Vereinen der Region, hat alle Widrigkeiten der Zeiten überstanden und die Mitglieder begeistern heute wie damals mit ihren närrischen Theaterabenden und Gesängen. Ihre Spieleabende gehören zu den Veranstaltungshighlights und ziehen nicht nur Karnevalisten aus ganz Deutschland in die Dülkener Narrenstadt. Die zahlreichen Auftritte mit umjubelten Standing-Ovations werden in diesem Jahr nicht die einzige Möglichkeit zum gemeinsamen Feiern sein. So wird Präsident Günther Kamp nicht müde an jedem Orpheums-Abend erneut zu einer Jubiläumsfeier auf dem Alten Markt am 6. Juli einzuladen, bei dem die „Heidenkinder“, die Neulinge also, ihre Taufe im Dülkener Brunnen erhalten werden.

Foto: Rheinischer Spiegel

Die Jubiläumsabende sind auch in 2019 ein Füllhorn gekonnter Wortspiele, fantasievoller Verwicklungen, kunstvoller Bühnenbilder (gestaltet durch Bühnenbildner Angelo Pirisino sowie einem tatkräftigen Bühnenbauteam) und stimmgewaltigen Musikstücken (begleitet von der Band Clockwise und Dirigent Hans-Peter Faßbender) – und ebenso startet ein solcher Abend: Mit Gesang. Durch die Halle und bis hinaus ist das „Gloria tibi Dülken“ zu hören bevor es sportlich wird auf der Bühne des Bürgerhauses.

Das „Aat Dölker Stökske“ wird mittlerweile schon traditionell von André Schmitz geschrieben, den einen bekannt als Dülkener Nachtwächter, hier eher als „Comicus Coitivus“ allen ein Begriff. Mit „Dölke vor – noch ein Tor“ hat er, als Autor und Darsteller alias Wirtin Mariechen, dem Viersener FC ein Tagesvisum für die Stadt mit dem Stripke ausgestellt. Ein spannungsgeladenes Spiel um die Pille aus Leder beginnt, das Ende bleibt zumindest in diesem Bericht offen, schließlich soll nicht allzu viel verraten werden. Doch soviel sei verraten: Die Sticheleien gegen die Vierscher, Martin Recker erneut in seiner grandiosen Rolle als Fritzken, den berühmten stinkenden Wind aus Viersen und natürlich die Eheleute Sauerbrei (Hans Walter van den Bergh und Thomas Holt) dürfen nicht fehlen, wenn selbst die Zuschauer einstimmen in „Zicke, Zacke, Viersen Kacke“.

Foto: Rheinischer Spiegel

Noch mehr zurück in der Zeit nimmt das von Jürgen Roemen und Christian Dommers geschriebene Intermezzo die Gäste mit zu den Anfängen des Orpheums an den Stammtisch. Eine Erinnerung an das Gründungsjahr 1869, an den Kaiser und das Wissen, dass es Handys doch irgendwie auch in dieser Zeit schon gab. Witz und Gesang vereinen sich, bei dem Christian Dommers seine Singstimme unter Beweis stellen kann und ein Esel zum geheimen Star des Auftrittes wird bevor sich ein langjähriges Gerücht beweist: Nämlich, dass die Orpheumsmitglieder (fast) alle Engel sind und es nur wenige Viersener vorbei am Himmelstor schaffen.

Das musikalische Bühnenstück in zwei Akten von Marcus Büschges und Dietmar Creutz lässt einen Blick auf das Leben über den Dächern von Dülken mit Nörgel-, Guck- und Melde-Engel zu, bei dem auch Petrus und auch Tien Anton nicht fehlen dürfen – ebenso wie ein Ausflug in die Hölle. „Himmlisch diese Hölle“ beendet das diesjährige Programm des Abends, bei dem unter den angebotenen Strafen Luzifers ein Viersener Witze erzählend in einem der möglichen Räume sitzt und sich zu später Stunde kein Orpheumsgast mehr auf den Plätzen halten kann während die Zugaberufe den fast textsicheren Darstellern ihren Erfolg bestätigten und einen unvergesslichen Abend unterstreichten. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel