Ostern: Als das Osterfest nahte, waren wir Erstklässler voller Erwartung auf unser erstes Zeugnis

Jeder Frühling erzeugte ein hoffnungsvolles Glücksgefühl in mir mit seinen warmen Sonnenstrahlen, die junge Pflänzchen aus dem Boden locken und dem begleitenden Vogelgezwitscher. Noch heute empfinde ich die Tage des Jahres am schönsten, an denen man mit offenem Mantel gehen kann.

Ostern/Unterhaltung – Als das Osterfest nahte, waren wir Erstklässler voller Erwartung auf unser erstes Zeugnis. Brav saßen wir hintereinander in unseren Bänken und lauschten den aufgerufenen Namen. Jeder bekam ein Heftchen in die Hand, auf dessen erster Seite mit einem Füllfederhalter die Zeilen „Betragen“ und „Fleiß und Aufmerksamkeit“ ausgefüllt waren. In beiden war bei mir ein „sehr gut“ zu lesen. Stolz trug ich es nach Hause und konnte mir des Lobes sicher sein. Dieses sollte nun auch unbedingt mein Großvater zu sehen bekommen. Er war Altphilologe am örtlichen Gymnasium. Ihm entlockte es gerade mal ein „schön!“ und dann fuhr er mit seiner Unterhaltung fort. Meine Großmutter hingegen bestaunte jede Zeile einzeln mit einem enormen Redeschwall, zückte zu dem ihr Portemonnaie und legte auf jede Zeile ein silbernes „Gröschelchen“.

Foto: Michal Jarmoluk

Am Ostersonntag begleitete ich meinen Vater in unsere Dorfkirche. Die Predigt war sehr langweilig, vermutlich, weil ich sie nicht richtig verstand, dafür fand ich die Lieder, die voller Inbrunst von allen gesungen wurden, herrlich.
Jedoch ein musikalisches Zwischenspiel entlockte allen Kirchenbesuchern ein verschmitztes Lächeln. Denn einige Schulkameraden wurden von Ihren Eltern zu anderen, nicht ganz freiwilligen Freizeitvergnügen herangeführt. So auch ein regelrechter rothaariger Lausbube mit einer frechen Meckifrisur aus der 3. Klasse. Er hatte offensichtlich Spaß daran, kleine Mädchen an den Zöpfen zu ziehen oder ihnen die Schürzenbänder aufzureißen. Mit seinen Klassenkameraden gab es fast in jeder Pause eine Keilerei. Dieser Fritz war der Sohn einer angesehenen Familie des Dorfes, denn sein Vater war in der Pfarrei Küster und hatte damit auch die musikalische Leitung des Kirchenchores mit seinen Orchestermitgliedern. Somit lag es nahe, dass sein Sohn sich mit dem ruhigen Spiel eines Cellos daran beteiligte. An diesem Ostersonntag hatte er in dem feierlichen Hochamt sein Debüt. Die andächtig lauschende Gemeinde vernahm unüberhörbar sein „schrumm-schrumm“. Nach Beendigung dieses Kunstgenusses hörte man von der Orgelempore leises Wispern und dann in die Stille ein entschiedenes: „… dann maak et doch beter!!“
Nach dem Schlusssegen eilten wir schnellen Schrittes nach Hause. Als wir um die Ecke bogen, sah ich schon einige bunt leuchtende Tupfen durch unseren Gartenzaun blinzeln. War doch der „Osterhase“ mit seiner vollen Kiepe durch unseren Garten gehoppelt. Schon lange glaubte ich nicht mehr an den fleißigen „Meister Langohr“.
Denn lange Ohren hat er nicht, dafür eine lange Schürze und das am Abend zuvor. Da musste es in unserer Küche hoch hergehen. Ich hörte meinen Vater ständig schimpfen über zu heiße Eier und über verspritzter oder verschütteter Farbe.
Aber es war wunderbar mit ihm am nächsten Tag um die Wette nach den Ostereiern zu suchen, wobei er sich ständig vergriff und statt bunter Eier nur Kartoffeln oder Kiesel in den Händen hielt.

Während dessen richtete meine Mutter das Festessen. Durch das geöffnete Fenster hörte man das Klappern der Teller und Bestecke und ein Appetit anregender Bratenduft zog einem in die Nase. Später wurde dann nach der Suppe der Braten aufgetischt, ein knusprig glänzender Geflügelbraten. Beim Tranchieren kam unweigerlich das Gespräch auf Gänse, Hühner, Hähne … „Wo ist eigentlich unser Habakuck, den habe ich länger nicht mehr gesehen?“, fragte ich. Betretenes Schweigen erfüllte den Raum. Meine Eltern sahen sich ratlos an und ich ahnte, wo er sich befand. Weinend lief ich in mein Zimmer und habe den ganzen Tag nichts mehr gegessen.
Nur an mein Einmachglas, das in meinem Zimmer stand, bin ich gegangen. Darin hatte ich alle Süßigkeiten gesammelt, die ich in der Fastenzeit, von Karneval bis Ostern, geschenkt bekam. Ständig haben meine Freundin und ich die Menge des Inhaltes verglichen. Jeder war stolz, den anderen hin und wieder mit Enthaltsamkeit übertrumpft zu haben.

Aus: Jutta Jansen, Oh du fröhliche Nachkriegszeit (Ein humorvoller Zeitspiegel aus der Sicht eines „Nachkriegs-Kindes“)
ISBN 978-3-940063-75-5, Taschenbuch, 14,8 x 21 cm, 108 Seiten, 8,95 €, Kater Literaturverlag