Ostern: Als der Osterhase mit einer Kiepe durch den Garten hoppelte

Das Osterfest rückte immer näher und bei unseren Sonntagsspaziergängen durch die Wiesen und Felder, vorbei an Brachland und mit Wasser gefüllten Bombentrichtern, sah ich öfter schon den Osterhasen mit einer Kiepe auf dem Rücken hoppeln. Wenn wir an die Stelle seines Weges kamen, lagen da tatsächlich bunte Zuckereier, die er verloren hatte.

Foto: Devanath

Ostern/Unterhaltung – Im Garten meiner Oma konnte man sogar die Pfotenabdrücke auf dem feuchten Lehm erkennen. Sie hatten die Größe von vier Fingerkuppen. Es war aber eindeutig der Osterhase, weil ja bunte Eier daneben lagen.

Meine Großmutter hatte Ostersonntag zum großen Familienfest geladen. Vorbereitungen dazu liefen schon Tage vorher an. Sie kaufte riesige Mengen ein, von denen sie eine ganze Kompanie hätte versorgen können. Mein Onkel, der extra angereist kam, hatte die ehrenvolle Aufgabe den Braten zu richten. Wir kamen gerade auf einer Stippvisite dazu, als er in der Wohnküche einem Hasen das Fell über die Ohren zog. Es stank bestialisch! Wegen der langen Ohren vermutete ich, dass es der Osterhase sei. Als mir die Tränen in die Augen stiegen und die Erwachsenen dieses bemerkten, erfüllte im Moment betretenes Schweigen, den Raum. Beherzt ergriff meine Oma das Wort und sagte: „Dieses Kaninchen hat die Arbeit des Osterhasen ständig gestört.“ Damit war ich zufrieden und konnte weiter auf bunte Ostereier hoffen.
Am Festtag kam meine Tante mit ihren zwei Kindern dazu. Sie waren etwas jünger als ich und sehr lebendig. Ständig liefen sie in der Wohnung hin und her. Dann holten sie beide aus der Handtasche ihrer Mutter jeder eine Sonnenbrille hervor. Diese hatten weiche, biegsame Bügel. Der eine klemmte sich eine hellblaue hinter die Ohren und der andere eine rote. Dann rannten sie wieder los und – rums, gegen den Küchenschrank. Sie drehten sich um und stießen gegen den Türpfosten. Selbst, als sie einen Hocker mit lautem Getöse verrutschten, behielten sie stolz ihre dunklen Brillen auf. Alle sollten doch sehen, welch großartige Überraschung sie aus einer Wundertüte bekommen hatten.

Nach dem Festmahl wurde der obligatorische Osterspaziergang unternommen. Wir Kinder hatten jeder ein Körbchen oder Täschchen in der Hand und los ging es mit unseren Vätern in ein nahe gelegenes Waldstückchen. Hier wohnten die Osterhasen und hatten ihre Eiermal-Werkstätten. Überall lagen bunte Eier umher, die sie in der Eile verloren hatten.
Wir wollten eine Schlucht überqueren. Hier war die Brücke im Krieg zerstört worden und nun lag ein riesiger Baumstamm darüber. Einer nach dem anderen wurde darüber hinweggeführt. Ich hatte dabei ein großes Kribbeln im Bauch und war heilfroh, auf der anderen Seite angelangt zu sein.
Bei einem Spaziergang in späteren Jahren habe ich feststellen müssen, dass die „Schlucht“ nur etwa einen Meter tief war und die neu errichtete Brücke über ein Rinnsal von Bächlein hinwegführte.
Mit gefüllten Taschen zogen wir wieder heimwärts. Es gab bei der Oma noch Kaffee bzw. Kakao und Kuchen und nach dem Abendessen verschwanden die Frauen im Keller. Dort verteilte die Oma gefüllte Einmachgläser. So ging es dann schwer beladen mit vollen Bäuchen und zufrieden nach Hause.

Aus: Jutta Jansen, Oh du fröhliche Nachkriegszeit (Ein humorvoller Zeitspiegel aus der Sicht eines „Nachkriegs-Kindes“)
ISBN 978-3-940063-75-5, Taschenbuch, 14,8 x 21 cm, 108 Seiten, 8,95 €, Kater Literaturverlag