Regelbetrieb unmöglich: Stadtgrün – Es geht darum, zu retten, was noch zu retten ist

Sturmschäden und das sich verändernde Klima haben deutliche Spuren im Stadtgrün hinterlassen. Im Ausschuss für Bauen, Umwelt- und Klimaschutz gab Stadtförster Rainer Kammann einen Sachstandsbericht, der eher ein Sachschadensbericht war.

Viersen – Ausgangspunkt seiner Darstellung waren die Stürme Friederike im Januar 2018 und Eberhard im März 2019. Hinzu kommt der Tornado in Boisheim vom Mai vergangenen Jahres. Zahlreiche Bäume in Wald und in der Stadt fielen diesen Ereignissen unmittelbar zum Opfer. Ebenso folgenschwer ist die klimatische Entwicklung: 2018 lagen die Temperaturen um 1,4 Grad über dem langjährigen Mittel. Zugleich fiel in Nordrhein-Westfalen während der Vegetationsperiode nur gut die Hälfte des sonst üblichen Regens. Dieser Trend setzt sich im laufenden Jahr weiter fort.

Der Stadtförster skizzierte die Folgen dieser Gegebenheiten. So seien viele Bäume und Sträucher zwar während der Stürme nicht umgestürzt, hätten aber Schäden im Feinwurzelsystem erlitten. Abgerissene Feinwurzeln schwächten die Pflanzen. Damit seien sie anfälliger für weitere Schädigungen. Der geringe Niederschlag und die hohen Temperaturen hätten die Schwächung noch verstärkt.

Auf der anderen Seite seien höhere Temperaturen und weniger Regen ideale Bedingungen für Pflanzenschädlinge. Das gelte besonders für Insekten und Pilze. Damit habe sich das unter normalen Voraussetzungen ausgewogene Verhältnis zu Ungunsten der Bäume verschoben. Stadtbäume, die ohnehin unter schwierigen Standortverhältnissen litten, seien besonders betroffen. Weil auch Sträucher, beispielsweise Rhododendren, und Bodendecker unter diesen Umständen ausfielen, entstünden zudem Freiflächen. Diese verschlechterten das Mikroklima.

Auch der Borkenkäfer hat den Bäumen zugesetzt.
Foto: Rheinischer Spiegel

Für die aktuelle Situation bedeute das zum Beispiel, dass die Vermehrung des Borkenkäfers trotz umfangreicher Gegenmaßnahmen nicht gestoppt werden könne. Viele Buchen, Eichen und Birken, aber auch Vertreter anderer Baumarten, seien bereits abgestorben und werden in der nächsten Zeit folgen. Das gelte beispielsweise auch für einzelne Altbuchen am Hohen Busch und am Heiligenberg.

Die Rußrindenkrankheit führe zu einem Massensterben beim Bergahorn. Zudem sei hier die Entsorgung der geschädigten Bäume aufwendig und teuer. Bei Platanen beobachte er eine massive Zunahme des Massaria-Befalls. Diese Pilzkrankheit breitet sich seit knapp zwei Jahrzehnten in Deutschland aus. Er gefährdet die Verkehrssicherheit der Bäume, weil selbst große Äste absterben können. Die Massenvermehrung des Eichenprozessionsspinners bindet weitere Kapazitäten bei den Städtischen Betrieben.

Bis zum Jahresende 2019 rechnet Kammann mit 2000 toten Nadel- und 500 toten Laubbäumen. Die meisten müssten aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Wo immer das möglich sei, blieben in enger Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde zunächst zumindest die Stämme als sogenannte Habitatbäume stehen. Diese Stämme bieten zahlreichen Tieren Unterschlupf.

Neben diese unmittelbaren Folgen treten weitere negative Entwicklungen. So sei der Holzmarkt überschwemmt. Das gelte besonders für Fichtenholz. Der Preisverfall bewege sich zwischen einem Drittel und der Hälfte des üblichen Erlöses. Das Geld fehle dann für Wiederaufforstungen. Diese seien ohnehin schon teurer als bisher. Durch die massive Nachfrage sei der Preis für Forstpflanzen um bis zu 25 Prozent nach oben geschnellt.

Die Aufarbeitung der Schäden werde zunehmend schwieriger. Es gelinge kaum noch, Unternehmer zur Unterstützung zu gewinnen. Diese seien „maximal ausgelastet“. Bereits mehrfach habe es auf städtische Ausschreibungen überhaupt keine Angebote mehr gegeben. Das führt im Ergebnis dazu, dass die städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fast ausschließlich mit außerplanmäßigen Arbeiten beschäftigt sein. Kammann: „Ein Regelbetrieb ist nicht mehr möglich.“

Bäume und Pflanzflächen werden soweit möglich mit Wasser versorgt, um weitere Schäden zu verhindern oder zumindest abzumildern. Die Feuerwehr unterstützt dabei die Städtischen Betriebe. Darüber hinaus hat die Stadt die Bürgerinnen und Bürger zur Mithilfe aufgerufen. Zwischenbegrünungen sollen ebenso helfen wie Wiederaufforstungen mit klimaresistenten Baumarten.

Bis diese Wiederaufforstungen wirksam werden, wird allerdings viel Zeit vergehen. Bis dahin, sagte der Stadtförster vor dem Ausschuss, gehe es darum, zu retten, was noch zu retten sei. Die Gestalt des Stadtgrüns und der Wälder werde sich in den kommenden Jahren deutlich verändern.