Schnappschildkröten im De Wittsee sorgen für Aufruhr – Kreis Viersen dementiert Erschießungen

Die angebliche Erschießung von zwei aufgefundenen Schnappschildkröten im Nettetaler De Wittsee hat eine Diskussion um die Haltung und den Schutz der Tiere angestoßen. Zwei Tierschützer haben deshalb Strafanzeige gegen den Kreis Viersen erstattet.
Von RS-Redakteurin Ebru Ataman

Nettetal/Kreis Viersen – Wurden denn nun zwei Schnappschildkröten aus dem De Wittsee erschossen oder nicht? Tierschützer sagen vielleicht, der Kreis Viersen sagt nein – die gesicherten Tiere wären bei zwei Züchtern untergebracht, die eine Sondererlaubnis für die sonst verbotene Haltung erhalten hatten.
Bereits am 1. Juni 2020 waren die im De Wittsee gefundenen Tiere aus der Obhut eines Sachverständigen geholt worden, danach hatte es erste Berichte einer geplanten Erschießung der Tiere gegeben. Hiernach erhielten Dr. med. vet. Markus Baur, ein Fachtierarzt für Reptilien aus München, und Uwe Ringelhan von der Auffangstation Rheinberg laut ihrer Anzeige die Information, dass „eine Tötung der Tiere nunmehr möglich sei und die Tiere durch Schuss (!) in der Folge getötet würden. Als Begründung wurde angegeben, dass es sich um eine sogenannte Faunenverfälscher-Art handele, die bekämpft werden müsse. Hierfür sei die Tötung durch Schuss eine nunmehr
erlaubte Maßnahme“.

Der Kreis Viersen dementierte mittlerweile, doch das Schreiben der Auffangstation für Reptilien, München e.V. an die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach steht nun erst einmal im Raum und bringt dabei die Diskussion rund um die aktuelle Situation der Tiere in Deutschland und die Übernahme der Folgekosten für die Behörden auf. „Schnappschildkröten haben einen schlechten Ruf und sind in Deutschland nicht heimisch. Sie werden groß und scheinen unleidig, zusätzlich sind sie auch nicht besonders „hübsch“. In manchen Bundesländern stehen sie auf Gefahrtierlisten, weil sie kraftvoll zubeißen können“, so Dr. Bauer und Ringelhan, „ihr Besitz ist in Deutschland verboten, weil sie Faunen-Verfälscher (Alien Species) sein könnten und man die Gefahr befürchtet, sie könnten sich bei uns vermehren. Für uns als Auffangstation sind sie aufgrund ihres rechtlichen Status eines der kompliziertesten Tiere, da uns die Vermittlung zum größten Teil untersagt wird – obwohl es anerkannte und auch sachkundige Halter gäbe.“

Gefährlich werden die Tiere zudem nicht nur für andere Tiere, auch für den Menschen birgt die Größe der wehrhaften Schnappschildkröten eine Gefahr, die mittlerweile auch an Badegewässern ihre Eier ablegen. Foto: Scottslm/Pixabay

Seit 2013 wurden bereits rund 40 Tiere rund um den See gesichert und in den Terrazoo nach Rheinberg gebracht. Da eine Unterbringung laut Kreis Viersen bis zu 1.000 Euro kosten kann, wurden weitere Möglichkeiten erörtert, darunter die Tötung der Tiere. Da diese in einer anderen Einrichtung jedoch artgerecht gehalten werden können, käme eine Tötung zurzeit nicht in Betracht.

Längst sind ausgesetzte Schildkröten und Exoten keine Seltenheit mehr in den heimischen Gewässern. Nicht nur für die heimische Natur werden die Tiere zum Problem, sie stellen auch Behörden und Tierschützer vor eine schwierige Aufgabe, denn die neuen Bewohner verdrängen ihre heimischen Artgenossen und haben Geschmack an kleinen Vögeln oder Fischen gefunden. Beim Kauf sind diese sehr wehrhaften und als aggressiv geltenden Tiere gewohnt süß und klein, mit der Zeit wird die Haltung schwieriger und so kommt es zunehmend häufiger vor, dass die Tierbesitzer ihre „Lieblinge“ im nächsten Weiher aussehen – schließlich leben hier bereits Schildkröten.

Nach Möglichkeit werden sie von den Tierschützern gemeinsam mit den Mitarbeitern der Unteren Naturschutzbehörde eingefangen, doch auch hier sind Grenzen gesetzt – denn wohin dann mit den Tieren, wenn die meisten Tierheime in diesem Bereich schon aus allen Nähten platzen. Die Tiere, die hier nun plötzlich durch das Schilf wandern, sind ihren Besitzern zu unbequem, zu aufwändig oder zu teuer geworden. Mit dem Aussetzen denken zudem viele Tierhalter, dem Tier wäre mit ihrem neuen Lebensraum etwas Gutes getan worden. Weit gefehlt, denn nicht nur dass das Aussetzen der wärmeliebenden Tiere strafbar ist, sie sterben in harten Wintern qualvoll, weil die Teiche nicht tief genug sind und meist zu wenig Schlamm im Bodenbereich aufweisen. Gefährlich werden die Tiere zudem nicht nur für andere Tiere, auch für den Menschen birgt die Größe der wehrhaften Schnappschildkröten eine Gefahr, die mittlerweile auch an Badegewässern ihre Eier ablegen – pro Weibchen gerne mal 70 bis 80 Eier. Ihr Gebiss ist kräftig und der menschliche Eindringling wird zum Angreifer. Einmal zugeschnappt kann die Schildkröte sogar Zehen oder Finger durchbeißen. Umso wichtiger ist es, ein gefundenes Tier beim Ordnungsamt oder der Unteren Naturschutzbehörde zu melden, denn so kann das Tier nicht nur vor dem Erfrierungstod bewahrt werden, auch Mensch und Natur werden durch die Meldung geschützt. Steigt die Temperatur in unseren Breitengraden weiter an, wird die Population der Schildkröten explodieren und dann werden die tierischen Einwanderer zu einer Tiervernichtungsmaschine heimischer Arten, der kaum noch Herr zu werden sein wird. (ea)

Perfektes Wetter für Schildkröten, die im Regenwasserrückhalteteich in Viersen-Hamm ausgesetzt wurden. Foto: Rheinischer Spiegel