Seit 100 Jahren für Menschen in Not da – Caritasverband unterhält über 30 Dienste und Einrichtungen in der Region

Auf eine 100-jährige verbandliche Tradition blickt der Caritasverband für die Region Kempen-Viersen. Was 1920 mit der Gründung eines Ortsverbandes der Caritas in Viersen begann, ist heute ein moderner Wohlfahrtsverband mit 580 hauptamtlichen und rund 340 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Kreis Viersen/Viersen – Es war ein langer Anlauf: Ganze acht Jahre dauerte es, bis der Caritasverband in der Stadt Viersen gegründet wurde. Denn bereits 1912 schrieb der Viersener Lehrer Richard Schulzen an den Deutschen Caritasverband in Freiburg, den der Priester Lorenz Werthmann 1897 in Köln gegründet hatte. Schulzen wollte einen Ortsverband ins Leben rufen, um die bereits bestehenden caritativen Aktivitäten zu bündeln und zu koordinieren. „Heute würden wir sagen: Durch die Gründung eines Caritasverbandes sollten Synergieeffekte genutzt werden“, sagt Caritas-Vorstand Peter Babinetz.

Damals kümmerten sich ganz unterschiedliche Vereine um Menschen in Not. Dazu gehörten die Vincenz- und Elisabethenvereine in den Pfarreien sowie Fürsorgevereine für Frauen und Männer. Das Problem: Jede Gruppe arbeitete für sich, „wobei große Mißstände sich eingerissen haben besonders in Bezug auf die Verteilung der Gaben“, wie Schulzen in seinem Brief feststellte. Er wollte alle katholischen Vereine in einem Caritasverband vereinen.

100 Jahre verbandliche Caritas in der Region – darüber freuen sich (v.l.) Caritas-Vorstand Peter Babinetz, Altenpflegerin Sandra Kessel und Caritas-Vorstand Christian Schrödter. Foto: Caritasverband

„Vermutlich verhinderte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die angestrebte Gründung, die dann zwei Jahre nach Kriegsende erfolgte“, erläutert Caritas-Vorstand Christian Schrödter. Zum Caritas-Sonntag im November 1921 wandte sich der Caritasverband Viersen mit einer Veranstaltungsreihe erstmals an die Öffentlichkeit und erläuterte seine Ziele, zu denen neben der Linderung materieller Not auch Hilfen bei seelischer und gesundheitlicher Not zählten. Erster Vorsitzender war der Viersener Oberpfarrer Michael Schüten, der von Beginn an den Kontakt zur städtischen und staatlichen Wohlfahrtspflege suchte.

Ab Anfang der 30-er Jahre war der Caritasverband auch im Gebiet des damaligen Kreises Kempen-Krefeld aktiv. Während der nationalsozialistischen Herrschaft stand die Caritas als Wohlfahrtsverband der Kirche unter dem Schutz des Konkordates. Sie wurde jedoch überall in Deutschland bedroht und eingeengt. Dennoch arbeitete der Verband weiter.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich der Caritasverband im Kreis Kempen-Krefeld der bitteren Not. Es war die Zeit der Ehrenamtlichen: Sie organisierten Essensausgaben, Wärmestuben, Kleidertauschstellen. Der Verband war in der Hand von Priestern und Leitern katholischer Einrichtungen. Fast 40 Jahre lang prägte der Geistliche Dr. Bernhard Brück als Vorsitzender und Caritasdirektor die Arbeit des Caritasverbandes in der Region. Ihm folgte 1986 mit Peter Van Vlodrop der erste Nicht-Priester im Vorsitz. Auch dessen Nachfolger Felix Pieroth und Dr. Ingeborg Odenthal waren Laien.

Bis Ende der 60er Jahre war die Arbeit fast ausschließlich ehrenamtlich geprägt. Dann eröffnete der Verband 1969 seine erste professionell betriebene Einrichtung – die „Tagesbildungsstätte für geistig behinderte Kinder“ in Oedt, aus der später die integrativen Familienzentren St. Christophorus in Dülken und St. Clemens in Süchteln hervorgingen. Mitte der 70er Jahre stellte die Caritas die Weichen für ihre Entwicklung zu einer modernen, professionell geprägten Wohlfahrtsorganisation: Sie erhielt mit Leonhard Paschmanns den ersten hauptamtlichen Geschäftsführer und gab sich 1974 unter dem Namen „Caritasverband für die Region Kempen-Viersen e.V.“ eine neue Satzung. Damals arbeiteten drei hauptamtlich Beschäftigte in der Geschäftsstelle.

Heute sind 580 hauptamtliche und rund 340 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den regionalen Caritasverband tätig. „In mehr als 30 Einrichtungen und Diensten unterstützen wir pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige, Familien, überschuldete Frauen und Männer, ehrenamtlich Engagierte, Trauernde sowie Senioren bei der Lebensgestaltung im Ruhestand“, erklärt Peter Babinetz. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Pflege von alten und kranken Menschen in der Region: Der Caritasverband unterhält sechs Pflegestationen, vier Tagespflegen und drei Altenheime.

Er engagiert sich ebenfalls in den Bereichen „Familie und Erziehung“ sowie „Caritas in Gemeinden“ – beispielsweise mit dem Freiwilligen-Zentrum Willich, der Begegnungsstätte Schiefbahn (seit 2012) und dem dortigen Quartiersbüro (seit 2018), dem Mehrgenerationenhaus Viersen, dem Treffpunkt Höhenstraße und dem Bürgerbüro Breyell. Im Westkreis Viersen ist die Schuldner- und Insolvenzberatung des Verbandes mit drei Standorten in Viersen, Dülken und Schwalmtal vertreten.

In den vergangenen Jahren hat der Caritasverband sein Angebot kontinuierlich erweitert. Ein Meilenstein war dabei die Eröffnung des neuen Hauses der Caritas im Zentrum der Stadt Viersen mit Geschäftsstelle, Mehrgenerationenhaus, Caritas-Pflegestation, mehreren Beratungsstellen, neun Senioren-Appartements im Rahmen des Betreuten Wohnens und der Senioreneinrichtung Paulus-Stift. 2013 eröffnete die Caritas ein neu errichtetes Wohn- und Dienstleistungszentrum in Dülken, in dem neben sechs barrierefreien Mietwohnungen auch eine Tagespflege sowie ein Service- und Beratungsbüro eingerichtet sind. Auch in Süchteln wurden eine Tagespflege, 24 Wohnungen mit Betreuung und ein kleines Altenheim mit 40 Plätzen eingerichtet.

Pionierarbeit leistete der Caritasverband auf dem Gebiet der systemischen Beratung von schwerstkranken und sterbenden Menschen und ihren Angehörigen. Im Rahmen des Projektes „Würdige Sterbebegleitung“ wurde dazu eine einjährige Fortbildung für Pflegefachkräfte entwickelt. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin zeichnete das innovative Konzept mit ihrem Anerkennungs- und Förderpreis für ambulante Palliativversorgung aus. Der neuartige Ansatz fand bundesweit Beachtung.

Neue Aufgaben übernahm der Verband im Arbeitsbereich „Familie und Erziehung“: Er koordiniert die Netzwerke „Frühe Hilfen“ sowie „Sicherung der Teilhabe an Bildung und Gesundheit“ in Willich. Zudem übertrug ihm die Stadt Willich die Trägerschaft der Fachberatungsstelle Kindertagespflege. „Uns ist wichtig, dass wir kreisweit für die Menschen tätig sind und dass wir Kooperationen schließen, wo es Sinn macht“, sagt Peter Babinetz. Ein Beispiel dafür sei die Gründung der neuen Akademie für Gesundheits- und Pflegeberufe Viersen GmbH (AGP). Die gemeinsame Ausbildungsstätte haben der Caritasverband, das Allgemeine Krankenhaus Viersen und das St. Irmgardis-Krankenhaus Süchteln gegründet.

„Auch wenn die Herausforderungen heute ganz andere sind als vor 100 Jahren, ist der Kern unserer Arbeit doch unverändert geblieben: Wir sind vor Ort für Menschen in Not da, und unser Antrieb ist die praktizierte christliche Nächstenliebe. Das gehört zur DNA von Caritas“, betont Babinetz, der seit 1997 als Geschäftsführer und hauptamtlicher Vorstand im regionalen Verband arbeitet.

Eine wesentliche Aufgabe sei heute die Gewinnung von Fachkräften, „damit wir die Menschen auch in Zukunft gut unterstützen können“, erläutert Christian Schrödter. In den vergangenen beiden Jahren hat sich der Verband intensiv mit einer Personalpolitik beschäftigt, die stärker auf die verschiedenen Lebensphasen von Mitarbeitenden eingeht und ihre Bedürfnisse mehr in den Blick nimmt. Schwerpunkte waren eine verlässliche Dienstplanung und die Erarbeitung neuer Führungsleitlinien.

Der Caritasverband zeichne sich durch konkrete, zuverlässige tägliche Hilfeleistung aus, sagt Schrödter: „Jeden Tag finden in unserer Region viele hundert Begegnungen zwischen Menschen unter dem Zeichen der Caritas statt.“ Von diesen Begegnungen will der Verband in den kommenden Monaten auf seiner Website und in den sozialen Medien erzählen.

Viele schöne Begegnungen erlebt Sandra Kessel bei ihrer Arbeit. Die 24-jährige Altenpflegerin kümmert sich um Bewohnerinnen und Bewohner im Paulus-Stift. Ihre Ausbildung bei der Caritas hat sie 2018 abgeschlossen und sich inzwischen zur Praxisanleiterin weitergebildet. „Die Altenpflege ist ein unglaublich abwechslungsreicher Beruf, der mir viele Herausforderungen und Möglichkeiten bietet“, sagt sie. Es erfülle sie, alte Menschen zu begleiten. „Ich möchte nichts anderes mehr machen und bin froh, dass ich diesen Weg beim Caritasverband gegangen bin“, betont sie.

Besondere Begegnungen wird es sicher auch beim offiziellen Festakt geben. Am 7. Februar feiert die Caritas ihr Jubiläum mit Mitarbeitenden, Kooperationspartnern sowie Vertretern der Pfarren und Kommunen im Kreis. Alle gut 1.600 Mitglieder des Verbandes werden zu dezentralen Veranstaltungen in den drei „Arbeitsgemeinschaften Caritas“ eingeladen. Für Juni ist als Dankeschön ein Mitarbeiterfest geplant.