Stadt Viersen funktioniert Tiefensammler um

Es war der nasseste März seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen, doch der Viersener Tiefensammler, der stolze 17.500 Kubikmeter Wasser zwischenspeichern kann, lief nicht annähernd voll. Damit die rund 20 Millionen Euro Kosten nicht umsonst waren, hat die Stadtverwaltung einen ungewöhnlichen Plan vorgelegt, der erneut die Freiheitsstraße zur riesigen Baustelle macht.

Viersen – Als im Januar 2019 der Startschuss für das Regenrückhaltebecken unter der Freiheitsstraße fiel, welches als Tiefensammler in die Stadtgeschichte einging, da konnten sich viele nicht vorstellen welche Einschränkungen und Probleme der jahrelange Bau mit sich bringen würde.

Zwischen Willy-Brandt-Ring/Vogteistraße und Ernst-Moritz-Arndt-Straße entstand über Jahre hinweg das 2,5 Kilometer lange Bauwerk, welches bei Starkregen 17.500 Kubikmeter zwischenspeichern kann. Längst ist bekannt, dass der Bau um stolze 2,8 Millionen Euro teurer wurde, nachdem die geplanten Baukosten von 20 Millionen Euro sowieso schon bei den Gebührenzahlern, genauer gesagt den Bürgern, hängen blieben.

Die Mehrkosten waren entstanden, als im Mai 2020 bei Unterwasserbauarbeiten in 13 Meter Tiefe mehrere Rohre aufgeschwemmt und beschädigt worden waren. Der Grundwasserspiegel liegt vier Meter unter der Straße, weshalb beispielsweise die betonierte Bodenplatte unter Wasser von Tauchern hergestellt werden musste.

Viel Geld floss und obwohl die Viersener froh sind, dass die Bauarbeiten endlich abgeschlossen wurden, könnte sich dieser Umstand in naher Zukunft wieder ändern. Nach dem nassesten März in diesem Jahr, der seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen registriert wurde, stellte die Viersener Verwaltung nun fest, dass der ganze Bau doch etwas zu groß sein könnte. Damit die Kosten nicht umsonst waren, hat ein Planungsteam nun einen Änderungsplan vorgelegt, mit dem eine 2018 geäußerte Idee der Stadtspitze in Erfüllung gehen könnte.

Diese nämlich hatte eine Fahrradspur auf der Freiheitsstraße ins Spiel gebracht. 2021 hatte der zuständige Straßenbaulastträger, Straßen.NRW, einen Radfahrweg dann auf der stark befahrenen Straße abgelehnt, möglich wäre am Ende nur ein zwei Meter breiter Radfahrstreifen ohne Sicherheitsabstand zu dem motorisierten Verkehr gewesen.

Wer hätte auch ahnen können, dass die tatsächliche Entscheidung nicht bei der Stadt Viersen liegt, als die Politik die Verwaltung beauftragt hatte eine klimafreundliche Verkehrsführung auf der Freiheitsstraße zu planen.
Zuständig für Ortsdurchfahrten ist nach §44 Straßen- und Wegegesetz zwar die Gemeinde, aber nur wenn sie bei der letzten Volkszählung mehr als 80.000 Einwohner hatte. Die lebten beim Zensus 2011 jedoch nicht in Viersen. Nun hätte Viersen erklären können die Straßenbaulast behalten zu wollen, die politische Mehrheitsentscheidung fiel jedoch dagegen aus.

Trotz dieser Entscheidung wurde übrigens ein Planungsbüro kostenpflichtig durch die Verwaltung beauftragt, welches zwischen Bachstraße und Krefelder Straße sowie zwischen Krefelder Straße und Willy-Brandt-Ring nach Möglichkeiten für die Fahrradspur suchte. Und nun? Nun finden Radfahrspur und Tiefensammler zusammen. Die aktuellen 724 Stahlbetonrohre sind riesig mit einem Innendurchmesser von drei Metern und die Strecke glatter als die Freiheitsstraße nach den Bauarbeiten. Gebraucht wird der Bau ohnehin nur wenige Tage im Jahr, warum das also nicht nutzen um endlich eine Fahrradspur zu erhalten – wo passenderweise unter Tage auch kein fremder Straßenbaulastträger ein (durch Viersen selbst verschuldetes) Mitspracherecht hat.

Zur Realisierung belaufen sich die Kosten zudem nur auf knapp 20 weitere Millionen Euro, die als Gebühren mit allen Einwohnern verrechnet werden (egal ob betroffen oder nicht), und bereits ab Herbst könnte die Baustelle für erneut 3 bis 4 Jahre die Innenstadt lahmlegen. Geplant ist eine Verlängerung bis zur Bachstraße und zum Willy-Brand-Ring mit einer fahrradfreundlichen Ein- und Ausfahrt sowie einer durchgehenden Beleuchtung.
Kommt es zum hohen Regenaufkommen wird der Tunnel kurzerhand automatisch gesperrt. Für die Verwaltungsspitzen der letzten vergangenen Jahrzehnte wäre das ein großer Erfolg, schließlich hatte es kein gewählter Bürgervertreter geschafft den maroden Fahrradweg entlang der Freiheitsstraße seit Beginn des stetigen Zerbröckelns wieder wirklich sicher und komfortabel befahrbar zu machen. Über den Vorschlag entscheidet die Politik in der nächsten Ratssitzung, in den Ausschüssen wurde bereits eine breite Zustimmung deutlich. (S. A. Tire)

Foto: Pixabay

Nein, es ist natürlich nicht der 1. April, denn an diesem Tag hätten Sie, geneigter Leser, ja mit einer solchen Meldung gerechnet. Gut, den Fahrradweg wird es in dieser Form eher nicht geben, dennoch gab es mit unserem kleinen Bericht einen Einblick in den täglichen Behördenwahnsinn, neben dem selbst der berühmte Passierschein A38 aus „Asterix erobert Rom“ verblasst. Ihr RS-Redakteur Dietmar Thelen/Pocke – Satiremagazin