Sterben die Engel, stirbt die Menschlichkeit: „Bedrohte Arten – Engel und Bäume“

Zum Ausklang des Kirchenjahres, mit dem die Evangelische Stadtkirche in Süchteln ihr 350-jähriges Jubiläum feierte, wird der Kirchenraum zum Ort der Ausstellung „Engel und Bäume“ des Viersener Malers und Bildhauers Horst Meister. Eine Ausstellung, die einen kritischen und gleichzeitig künstlerischen Blick auf zwei bedrohte Arten wirft: Engel und Bäume.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Viersen-Süchteln – Horst Meister ist für seine politische und gesellschaftskritische Kunst weit über die Grenzen seiner Wahlheimat Viersen bekannt. Seine Werke haben unter anderem in der Uni Düsseldorf, in Yad Vashem Jerusalem oder der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ebenso einen Platz gefunden, wie im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Mit seiner Ausstellung „Bedrohte Arten – Engel und Bäume“ wirft er einen weiteren kritischen Blick auf zwei Geschöpfe Gottes, die so unterschiedlich sie wirken, beide auf der „roten Liste“ innerhalb der sich verändernden Gesellschaft stehen.

Seine Skulpturen und Bilder haben nun bis zum 22. Dezember in der Evangelischen Stadtkirche in Süchteln einen Platz gefunden, denn auch die Mitglieder der Gemeinde gehörten einmal zu den „bedrohten Arten“. Pfarrer Stephan Sander erinnerte in seiner Eröffnungsrede zum Ausstellungsbeginn an die Anfänge, bevor am 1. September 1966 der erste Gottesdienst in dieser Kirche stattfinden konnte. Er erinnerte daran, wie sich die Gläubigen zum Gottesdienst im Geheimen in einer Scheune trafen und an die Zeit, zu der evangelische Christen verfolgt wurden. Ein Geheimgang, den es heute noch gibt, zeugt davon, dass diese Art der Bedrohung auch noch viele Jahrzehnte der Süchtelner Kirchengeschichte anhielt.

Foto: Rheinischer Spiegel

„Von daher ergibt sich durchaus ein unmittelbarer historischer Bezug zu unserer Ausstellung ‚Bedrohte Arten‘, die wir heute eröffnen“, so Pfarrer Stephan Sander. „Allerdings gibt es bedrohte Arten aktuell immer noch. Es sind aber ganz neue Bedrohungen, die wir erleben und zu erleiden haben. Und das weiß Horst Meister mit seinen Bildern und Skulpturen sehr deutlich zu veranschaulichen.“ Das größte Problem sei seines Erachtens das säkuläre Denken und Handeln, welches zwar immer mehr Probleme abnimmt, aber auch stetig neue Probleme schaffe. Er sprach die Ökonomisierung ebenso dabei an, wie das Denken und Handeln den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen. „Nur allmählich stellen wir fest, dass wir Geld nicht essen können“, sagte er. „Deutlicher gesagt, wenn der Profit einiger und der Lebensstandard von uns allen ganz oben auf der Prioritätenliste steht, dann kommt gleichzeitig unsere Umwelt immer öfter unter die Räder.“

Begleitet wurde die Ausstellung ebenfalls von kraftvollen Orgelstücken und einem besinnlichen Klavierstück des Organisten Friedrich Stahl und Gedichten, vorgetragen durch die Schauspielerin Almut Grytzmann, die Stücke von Hermann Hesse, Bertolt Brecht und Johann Wolfgang Goethe passend zur Ausstellung zusammengestellt hatte. „Die gestutzte Eiche“ fand dabei ebenso ihren Platz wie „Die abgehauenen Nussbäume“.
„An der Art, wie wir heutzutage mit dem Lebewesen Baum umgehen, lässt sich sehr deutlich ablesen, wie es um unser eigenes Verhältnis und unsere Sensibilität mit der Natur, mit der Umwelt, mit den Tieren und mit den natürlichen Ressourcen bestellt ist“, so der Künstler Horst Meister. „Dass Engel ebenfalls zu den bedrohten Arten zählen, wie die Bäume und viele andere Lebewesen auch, wird vor allem daran sichtbar, dass wir Menschen diese unsichtbaren Himmelswesen uns dadurch dienstbar machen wollen, indem wir sie immer mehr vermenschlichen – und damit verkitschen.“

Foto: Rheinischer Spiegel

Horst Meister ist sich sicher, dass es eine Hoffnung gäbe, wenn die Menschen alle Lebewesen, die sichtbaren und unsichtbaren, wieder als das wahrnehmen, wozu sie geschaffen sind: Lebendige Wesen zu sein und verantwortungsbewusst gegenüber allen Mit-Lebewesen. „Und dass wir den Willen haben, diese Erde am Leben erhalten zu wollen: Die einen als Gemeinschaft von Millionen von Bäumen und Pflanzen, die damit nicht nur ihr eigenes Überleben sichern, sondern das aller anderen Lebewesen ebenfalls“, so Horst Meister. „Und die anderen, nämlich wir Menschen, die wieder begreifen lernen müssen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern eine – wenn auch sehr dominierende Art von Lebewesen, die diesen Globus mitbewohnt.“ Bäume und Engel hätten oft genug bewiesen, dass sie, obwohl von uns Menschen allzu oft gequält, verhöhnt und eliminiert, nie nachtragend sind.
Zu besichtigen sind die Kunstwerke vom 1. bis 22. Dezember während der Markttage dienstags und freitags von 9 – 12 Uhr und nach Absprache (Tel: 0173 801 84 09). (cs)

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