Stolpersteine in Viersen: „Nicht ohne Einverständnis der Eigentümer“

Mit knapper Mehrheit hat der Viersener Stadtrat über die Richtlinien zur Verlegung von Stolpersteinen in Viersen entschieden. Über die Wichtigkeit dieser Zeichen sind sich die Politiker einig, allerdings soll weiterhin die Verlegung nicht am Eigentümer vorbei entschieden werden. Ein knappes Ergebnis, dem eine emotionale Diskussion voraus gegangen war. Dabei sind Stolpersteine schon lange ein Politikum mit Befürwortern, jedoch auch vielen Kritikern gerade in den jüdischen Gemeinden.  

Foto: Rheinischer Spiegel, Walter Henning

Viersen – Nach einer halben Stunde war die Diskussion des Tagesordnungspunktes noch nicht entschieden. Die Stadtverwaltung hatte ursprünglich empfohlen die Hauseigentümer nicht mehr fragen zu wollen, ob sie mit der Verlegung von Stolpersteinen vor ihrem Eigentum einverstanden sind. Gegen diesen Vorschlag, die Meinung der betroffenen Bürger in Zukunft nicht mehr zugrunde zu legen, entschied der Stadtrat mit einer knappen Mehrheit. „Wir möchten in diese Entscheidung die Hausbesitzer mit einbinden“, so Stephan Sillekens, Fraktionsvorsitzender der CDU Viersen. Es sei ein falsches Signal einen Menschen mit seinen Gedanken an dieser Stelle auszuschließen, die Erinnerungskultur könne nur gelingen, wenn man gemeinsam im Gespräch bleibe. „Wir haben gesagt, wenn zum Beispiel ein solcher Stolperstein an einer prominenten Stelle an einer Straße angebracht wird, dann kann man durchaus an die Menschen erinnern, die in dieser Straße gewohnt haben, wenn das direkt vor dem Haus nicht möglich ist.“ Erneut wiesen CDU und FDP darauf hin, dass es bei der Diskussion nicht um das Ziel der Stolpersteine ging, ganz im Gegenteil, mehr müsse die Stadt Viersen tun um an das dunkle Kapitel in der deutschen Geschichte zu erinnern, denn auch in der Viersener Stadtgeschichte zählen 214 jüdische Bürger zu den Opfern. SPD, Linke und Grüne hatten sich mit ihrer Meinung der SPD-Verwaltungsspitze angeschlossen, wollten die bisherige Partizipationsmöglichkeit der Eigentümer kippen.

An einige erinnern bereits quadratische Messingplatten, die der Kölner Künstler Gunter Demnig in den Straßenboden bündig einlässt um auf die Opfer der nationalsozialistischen Völkermorde aufmerksam zu machen. Auf ihnen ist der Name, Lebensdaten und Todesart des Menschen zu lesen – ein Mahnmal. Eigentlich sollten 26 neue Steine in Süchteln verlegt werden, zwei Hausbesitzer legten einen Einspruch ein, brachten die Diskussion ins Rollen.

Dabei gibt es durchaus Städte, die die Verlegung dieser Stolpersteine auf öffentlichem Gebiet vollständig ablehnen. Bereits 2004 und 2015 hat der Münchener Stadtrat die Verlegung abgelehnt, ein Gericht wies die Klage einer Initiative ab, die die Entscheidung kippen wollte, denn eine Verlegung auf privatem Grund ist möglich, die teilweise polemische Diskussion, auch in jüdischen Gemeinden zum Pro oder Contra der Stolpersteine wird verhindert. München steht dabei nicht alleine, auch Osterholz-Scharmbeck bei Bremen entschied 2011 einstimmig gegen Stolpersteine im öffentlichen Raum. Nicht, weil diese Städte nicht mahnen und gedenken wollen, sondern weil die Stolpersteine selbst zu einem Politikum geworden sind, die Meinungen spalten.

Entscheidungen, die von prominenter, jüdischer Seite unterstützt wurden. Keine Geringere als Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach sich bereits vor Jahren gegen das Projekt des Künstlers Gunter Demnig aus. Als ein „unwürdiges Gedenken im Straßenschmutz“ betitelte sie die Steine, die von vielen übersehen werden. Immer wieder wies sie darauf hin, dass sie die Pflasterung mit Stolpersteinen als eine Wiederholung nationalsozialistischer Demütigungsrituale ansähe. Bei einer Anfrage des Osterholz-Scharmbecker Bürgermeisters, wo gegen die Stolpersteine und für Granitstelen entschieden wurde, beim Landesverband der jüdischen Gemeinden erhielt dieser vom damaligen Vorsitzenden zur Antwort: „Ich persönlich bin kein großer Freund dieser Steine, weil es mehr eine Aktion der nichtjüdischen Bevölkerung ist, quasi ein Gedenkstein, über den man gehen kann, aber auch durchaus seine Notdurft verrichten könnte.“ In Frechen protestierten Juden sogar gegen die Legung der Steine.

Ellen Presser, in ihrer Eigenschaft als Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München, geht in ihrer Kolumne in der Jüdischen Allgemeine sogar noch einen Schritt weiter, erinnert daran, dass nicht nur Juden verfolgt wurden, spricht dem Künstler die Kompetenz einer sachkundigen Prüfung ab: „Er verwaltet ein Monopol. Und da kommt Verwirrendes, Falsches, Unerträgliches zusammen. Und wie kann der Monopolist weiter Stolpersteine verlegen für Menschen, die gar nicht umkamen? Der Wirksamkeit halber verzichtet er dabei inzwischen auf das Wort ‚überlebt‘. Dann endet der Text schlicht mit ‚Flucht‘. Dabei verstehe ich Nachfahren und Opferpaten sowieso nicht, die für ein Gedenken im Straßentrottoir eintreten. Wurden Juden doch auf die Knie gezwungen, manchmal sogar mit bloßen Händen, die Straße zu reinigen. Wer die Kritik von Stolpersteingegnern gegen eine Erinnerung am Boden als semantische Haarspalterei abtut, übersieht, dass diese Form der Demütigung eine lange und unheilvolle Tradition hat.“

Während zu Beginn die positiven Stimmen überwogen, wächst immer mehr die Kritik an den Stolpersteinen. Ellen Presser bringt es dabei auf den Punkt: „In Internetforen läuft die Debatte aggressiv, anonym, populistisch. Statt Sachkenntnis zählt ‚Like-it‘-Quote. Wäre es nicht wichtiger – statt in Gedenksteine – in die Fürsorge für Lebende zu investieren? Für die Opfer von einst und für die Opfer unserer Tage. Und sage mir keiner, man könne das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das geschieht ja eben nicht, jedenfalls nicht im erforderlichen Maße.“

So spalten die Stolpersteine nicht nur den Viersener Stadtrat mit der Frage ob Eigentümer ein Veto-Recht haben, sie spalten die Menschen und es bleibt die Frage, ob eine Spaltung der richtige Weg ist beim Kampf gegen den wachsenden Antisemitismus. (wh)