Tierschützer in großer Sorge um Viersener Friedhofskatzen

Vor einigen Wochen hatte die Stadt Viersen drei Futterstellen auf dem Viersener Löhfriedhof eingesammelt, mit denen seit rund zwölf Jahren Tier- und Naturschützer ausgesetzte Hauskatzen vor dem Tode bewahrten. Nun sprechen aktive Ehrenamtler über diese für sie unverständliche Aktion.

Viersen – Es war völlig egal ob die Sonne schien, es stürmte oder schneite erinnert sich Almut Grytzmann-Meister vom BUND an die letzten Jahre zurück. Vor rund zwölf Jahren hatte die mittlerweile verstorbene Marita Fruhen für den Verein Vier Pfötchen e. V. angefangen jeden Tag die verwilderten Hauskatzen auf dem Viersener Hauptfriedhof zu füttern, die dort ausgesetzt und vergessen worden waren. Schon damals war es eigentlich verboten Tiere auf dem Friedhof zu füttern, doch sie konnte mit der Friedhofsverwaltung mit dem Hinweis, dass es sich um Haustiere handelt, eine mündliche Duldung vereinbaren, denn schließlich nahm sie der Stadt Verantwortung und Arbeit ab. Auf ihrem Grund und Boden war und ist die Stadt laut Tierschutzgesetz in der Fürsorgepflicht. Während andere Kommunen diese Problematik bereits beispielsweise durch eine Katzenkastrationspflicht von Freigängern angingen, schieben sich in Viersen Kreis und Stadt seit Jahren die Verantwortung bei Fällen gerne gegenseitig zu, verweisen auf den bürokratischen Passus, ob es sich denn nun um ein Fundtier oder eine ausgesetzte Katze handelt.

Als Marita Fruhen vor einem Jahr verstarb, übernahm Almut Grytzmann-Meister im Auftrag des Katzenschutz-Vereins mit zwei weiteren Mitgliedern die Aufgabe täglich die drei vorhandenen Futterstellen zu besuchen bis zu dem Tag, als die Stadt Viersen plötzlich die Futterstellen abräumte, nach Anfrage auf das Verbot der Fütterung verwies, eine über zehnjährige Duldung bestritt und erklärte, dass ein Anwohner Ratten auf dem Friedhof gemeldet hätte. Den Tierschützern wurde zudem verboten die dort lebenden Katzen mit Futter zu ködern um sie einzufangen und zu schützen, denn mit der Meldung der Ratten leitete die Stadt eine Rattenbekämpfung mit Gift auf dem Friedhof ein. Anrufe bei Viersens Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) liefen laut Grytzmann-Meister ins Leere. Ebenfalls ein anwaltliches Schreiben mit dem Hinweis auf § 3 Abs. 1 Ziff. 3 mit Bezug auf die Fürsorgepflicht blieb unbeantwortet. Dafür erhielt Almut Grytzmann-Meister jetzt zwei Schreiben der Stadt Viersen mit dem Hinweis auf eine von ihr begangene Ordnungswidrigkeit beim Füttern der Katzen und mit der Androhung eines Bußgeldes bei Zuwiderhandlung. „In diesem Schreiben werden Punkte aufgelistet, die so nicht stimmen und die wir klar widerlegen können“, sagt Almut Grytzmann-Meister. „Nur ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass die Stadt von neun Futterstellen spricht, alle dort aktiven Tierschützer und auch informierte Besucher können jedoch aussagen, dass immer nur drei Futterstellen vorhanden waren.“ Mittlerweile meldete sich zudem ein Biologe zu Wort, der das Vorhandensein von Ratten in Verbindung mit den Futterstellen in Frage stellt, denn die Futternäpfe waren morgens teilweise nicht leer, ein untrügliches Zeichen seiner Meinung nach, dass dort keine Ratten mitgegessen hätten. Mit der Tatsache, dass zwölf Jahre lang keine Ratten im Katzen-Revier der ausgesetzten Katzen gesehen wurden, unterstreicht er seine Aussage.

„Als die Stadt Viersen vor Jahren Kenntnis über das Aussetzen der Tiere auf dem Friedhof erlangte, hätte sie schon damals ihrer Verantwortung nachkommen müssen“, so Grytzmann-Meister weiter. „Getan hat sie nichts, handelte dadurch selber ordnungswidrig und greift jetzt auch noch die ehrenamtlichen Natur- und Tierschützer an, die bei dem Problem der anwachsenden Katzenpopulation ohne städtische Hilfe zeitlich wie finanziell aktiv tätig waren. „Dass wir dabei die Aufgabe der Stadt erledigten, dafür gab es weder Dank noch einen Kostenzuschuss, stattdessen sollen wir dafür bestraft werden.“

Ähnlich sei es bei den im Tierheim abgegebenen Katzen. Stellt das Tierheim fest, dass die Tiere bereits zu „verwildert“ sind um als Haustier gehalten werden zu können, muss das Tierheim das Tier wieder an den Fundort zurückbringen. „Wie soll dann diese Rückführung geschehen, wenn die Stadt es nicht mehr erlaubt?“

Während auf der einen Seite die Verwaltung gegen die Ehrenamtler arbeitete, mussten die Tierschützer bis spät in die Nacht aktiv werden und die Katzen unter großen Schwierigkeiten sowie finanziellen Aufwendungen einfangen, die nun fast alle auf einem gepachteten Waldstück der Notfelle Niederrhein e. V. untergebracht werden konnten. Zu dieser Zeit zeigte sich den Tierschützern zudem eine neue Katze auf dem Löhfriedhof, die nach einer weiteren nächtlichen Einfangaktion einer Tierärztin vorgestellt wurde. Erneut trugen die Tier- und Naturschützer die Kosten der Untersuchung und Kastration aus eigener Tasche. Das nicht gechipte oder tätowierte noch recht junge Tier schien gerade erst Mutter geworden zu sein, doch von ihren Kitten fanden die Tierschützer keine Spur. Wenige Tage später wurden dem Ordnungsamt fünf Katzenbabys gemeldet, die auf einem Grabstein in der Nähe der öffentlichen Toilette im Löhfriedhof gefunden wurden. Die kleinen Kätzchen, die vom Ordnungsamt dem Tierheim übergeben worden sind, wurden dort mit viel Hingabe und Liebe aufgepäppelt. Eine Zusammenführung mit einer ebenfalls auf dem Löhfriedhof eingefangenen, vermeintlichen Mutter war jedoch nicht erfolgreich; vielmehr scheint es den Tier- und Naturschützern, dass die rund drei Wochen alten Kitten gerade erst erneut ausgesetzt wurden – ohne dass die Verwaltung Anstalten machte, diese strafbare Handlung zu verfolgen.

Bereits während den erzwungenen und aufwändigen Einfangaktionen der Tier- und Naturschützer begann die Stadt Viersen mit der Ausbringung von Rattengift auf dem Löhfriedhof. Auf die Ungefährlichkeit für andere Tiere verwies sie mit einem Vorzeigekäfig, in den nur Ratten den Weg finden würden. Dagegen fanden Friedhofsbesucher weitere Fallen, darunter eine in Form eines Rohres, angeklebt an der Friedhofswand, die jeder Friedhofs-Besucher ohne Schwierigkeit entwenden kann. Für Besucher und Tierschützer wurde diese Aktion immer mehr zur Farce. Selbst Mitarbeiter der Verwaltung stellten sich in Gesprächen auf die Seite der Tierschützer. Der andere Seite der Medaille: der eigenen Fürsorgepflicht auf städtischem Grund und Boden kam die Verwaltung bis heute nicht nach.

„Wir fordern die Verwaltung und die Politik auf, anstatt uns anzuzeigen, auf Augenhöhe und öffentlich mit uns als Natur- und Tierschützer über die unhaltbare Situation  von verwilderten Hauskatzen in Viersen zu sprechen“, fordert Almut Grytzmann-Meister. „Es ist davon auszugehen, dass weitere Katzen ausgesetzt werden, die spätestens zum Winter dort wenige Überlebenschancen haben, wenn sich keiner darum kümmert. Das wäre ein eindeutiger Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Wir haben in Viersen ein Problem, für das alle gemeinsam eine schnelle Lösung finden müssen. Übrigens: Die Verwaltung wusste 12 Jahre lang von den Futterstellen, auch wer sie betreibt. Ein Anruf der Friedhofsverwaltung bei uns hätte genügt, um sie von uns Tierschützern abbauen zu lassen.“ (re)

Foto: Grytzmann-Meister