Todesfall der dreijährigen Greta F. – Landesjugendamt konkretisiert KiTa-Handreichung

Erst mit dem Tod der kleinen Greta F. in Viersen wurde eine Verbindung zu den Vorfällen in anderen Einrichtungen hergestellt. Zunächst war die Ursache im medizinischen Bereich gesucht worden. Das Landesjugendamt hat die bestehende Handreichung für Kitas zum Umgang mit Meldungen konkretisiert und auch Rettungswagen-Einsätze aufgenommen.

Viersen/Region – Die Anklage zeichnet ein grausames Bild der Vorfälle, die bereits in dem Anerkennungsjahr der Angeklagten Sandra M. begonnen haben sollen. Von 2017 bis 2018 habe sie bei drei Gelegenheiten auf den ihr anvertrauten Jungen S. körperlich so eingewirkt, dass der Junge „nicht mehr ansprechbar war, die Augen verdrehte und röchelte. Er zuckte an den Armen und Beinen, aus seinem Mund habe der Junge geblutet“. Ein Notarzt wurde hinzugezogen, der Vorfall jedoch nicht gemeldet.

Nur knapp zwei Monate später bereits, am 31.08.2018, sei es in ihrer nächsten Arbeitsstelle in Kempen erneut zu Vorfällen gekommen. Hier wirkte sie auf den gerade einmal zweijährigen Jungen M. ein, wodurch Atemnot bis zum Atemstillstand, Leblosigkeit und Krämpfe verursacht worden seien. Vier Fälle wurden hier mittlerweile bekannt. Immer wieder war auch hier der Notarzt gerufen worden, bis zum November 2018. Erst knapp ein Jahr später sei es zu einem weiteren Vorfall in einer Kita in Tönisvorst gekommen, als Sandra M. einer Zweijährigen den Brustkorb zusammengedrückt habe. Das Mädchen, welches an einem angeborenen Herzfehler litt, sei blau angelaufen und habe das Bewusstsein verloren.

Erst mit dem Tod der kleinen Greta F. in Viersen im Frühjahr 2020 und einer Meldung aus Viersen an das Landesjugendamt Rheinland wurde eine Verbindung zu den Vorfällen hergestellt. Der Ermittlungsleiter Guido Roßkamp erklärte hierzu, dass die Ursache zunächst im klinischen Bereich gesucht worden war. Mittlerweile hat das Landesjugendamt Rheinland die Meldeketten angepasst. Leiter Lorenz Bahr verwies darauf, dass auch Rettungswageneinsätze zentral gemeldet werden müssen um diese einer genaueren Untersuchung unterziehen zu können.

Nach dem schrecklichen Vorfall in der Viersener Kita hatten sich auch das Familienministerium und der Landtag mit der Sachlage beschäftigt, denn keiner der Träger, bis auf die Einrichtung in Viersen, hatte eine Information an das LVR-Landesjugendamt geschickt. Zuvor war bekannt geworden, dass zudem eine Meldung zu älteren Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat mit Erkenntnissen zur psychischen Verfassung der Kindergärtnerin nicht gemeldet worden waren. Lediglich die Unfallkassen seien mit Blick auf die medizinischen Diagnosen informiert worden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Alleine 2019 wurden dem Landesjugendamt LVR, welches die Betriebserlaubnisse für Kindergärten im Rheinland stellt, 1.467 Meldungen Ereignisse von möglicher Kindeswohlgefährdung gemeldet. In einer Stellungnahme im Sommer dieses Jahres wies das Landesjugendamt Rheinland darauf hin, eine regelmäßige Überprüfung von Kitas nicht vorgesehen sei – das Landesjugendamt selbst sei keine Aufsichtsbehörde, hierzu müsse zunächst die Gesetzgebung geändert werden. Zudem bestehe keine gesetzliche Verpflichtung zur Prüfung von Arbeitszeugnissen für Kita-Träger, eine Personalwahl sei Sache der Arbeitgeber.

Zwar müssen alle „Ereignissen oder Entwicklungen, die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen“ schon immer gemeldet werden, da jedoch von einem medizinischen Hintergrund der Kinder und von einer Vorerkrankung ausgegangen worden sei, war eine Meldung bei drei von vier Trägern nicht an das Landesjugendamt erfolgt. Eine Meldepflichtverletzung läge daher nicht vor, auch wenn es sich bei den Fällen jeweils um dasselbe Kind gehandelt habe.

Vor dem Hintergrund der Bearbeitung und Aufarbeitung eines Vorfalls in einer Tageseinrichtung für Kinder in Viersen im April 2020, infolgedessen ein dreijähriges Mädchen im Mai verstorben ist, wurde deutlich, dass einzelnen Trägern implementierte Meldeverfahren in den Einrichtungen fehlen. Die Meldepflichten für Kindertageseinrichtungen wurden seitens des LVR-Landesjugendamts Rheinland aufgrund der bereits gegebenen Vorgaben nicht verändert. Das Landesjugendamt hat jedoch die bestehende Handreichung für Kitas zum Umgang mit Meldungen konkretisiert und unter der beispielhaften Aufführung von Ereignissen, die gemeldet werden müssen, auch Rettungswagen-Einsätze aufgenommen. (nb)


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