Trend – Die Armut im Land wächst

Immer mehr Deutschen geht es gut bis sehr gut: Trotzdem müssen viele Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten. Dies hat Auswirkungen, insbesondere auf die Altersarmut.

KKV-Impuls – Wer Hartz IV bekommt, der ist nicht arm“ – dieses Statement von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schlug hohe Wellen der Empörung, und das zu recht. Es entzündete sich hieran eine anhaltende Debatte über Hartz IV sowie darüber, wer in einem reichen Industrieland wie Deutschland eigentlich als arm bezeichnet werden kann.

Aus christlicher Sicht gilt: Auch relative Armut ist ein Mangel nicht nur an finanziellen, sondern auch an sozialen und kulturellen Ressourcen und bedeutet für die Betroffenen zumeist die Exklusion aus der Mehrheitsgesellschaft.
Ethisches Leitbild der Kirchen in Deutschland aber ist gemäß dem Sozialwort von 2014 die umfassende Inklusion und Partizipation aller Menschen in unserem Land. Armutsdiskurse sind ein zentraler Ort, an dem sich die Stimme der Katholischen Soziallehre und Christlichen Sozialethik bewähren muss. „Eine arme Kirche für die Armen“ fordert Papst Franziskus und stellt damit ganz grundlegend die Armen wieder in den Fokus kirchlichen Handelns.

Eine Option für die Armen gibt es als zentrales Prinzip in der Sozialethik aber schon seit den wegweisenden Bischofssynoden im kolumbianischen Medellín 1968 und im mexikanischen Puebla 1979. Die Option für die Armen gründet auf biblischem Humus, dabei besonders auf den Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu Christi. Gemäß dem bewährten Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln schaut Christliche Sozialethik im Sinne einer Gegenwartsanalyse dabei zunächst einmal nach den „Zeichen der Zeit“, nach dem, was ist. Dementsprechend können mit Blick auf die Lage bei uns derzeit drei besonders ungerechte Dimensionen von Armut ausgemacht werden.

Foto: anaterate/pixabay

Ja, wer Hartz IV bekommt, ist (relativ) arm. Und da laut Arbeitsagentur etwa 380.000 Menschen trotz Vollzeitstelle und trotz des (noch immer noch zu niedrigen) Mindestlohns ergänzend aufstocken müssen, kann hier die besonders ungerechte Armut trotz Arbeit identifiziert werden. Zu schlecht bezahlte Arbeit ermöglicht letztlich nur sehr wenig gesellschaftliche Inklusion. Sie ist ein Ergebnis des durch die Agenda-Politik massiv ausgeweiteten Niedriglohnsektors.
Auch die Kinder der Menschen, die ohne oder mit Arbeit auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, leben erschreckend oft in Armut. Nach Zahlen des jüngsten Armutsberichts des Paritätischen ist jeder fünfte arme Mensch in diesem Land ein Kind – Kinderarmut ist daher eine weitere besonders beklagenswerte Form von Armut.

Der Niedriglohnsektor ist aber auch ein Mitursache noch einer weiteren Armutsdimension, nämlich der zunehmenden Altersarmut. Wer etwa 40 Jahre, wie Bundessozialminister Hubertus Heil bei der Vorstellung seines Grundrentenkonzepts nachgerechnet hat, auf Mindestlohnbasis Vollzeit gearbeitet hat, erhält später nur eine gesetzliche Rente von rund 514 Euro; eine Folge nicht nur der Arbeitsmarkt-, sondern auch der Rentenpolitik (Stichwort: Absenkung des Rentenniveaus) der Nuller Jahre. Von daher ist es gut, dass jetzt politisch über verschiedene Modelle einer Mindestsicherung innerhalb der Rentenversicherung für jahrzehntelang Erwerbstätige gestritten wird.

Eines aber stimmt auch: Vielen und immer mehr Menschen in Deutschland geht es gut bis sehr gut, wir leben in vielerlei Hinsicht im besten Deutschland, das wir je hatten, und auch unser Sozialstaat ist insgesamt stark. Doch die wachsende Armut im Land ist ein gegenläufiger Trend, der ebenfalls viele Menschen betrifft, laut besagtem Armutsbericht rund 13,7 Millionen, ein Drittel davon ist erwerbstätig. Die stetige Zunahme der Besucher der Tafeln spiegelt das Problem besonders anschaulich.
Hier ist nicht nur die Politik, sondern letztlich auch die Kirche gefragt mit ihrer Soziallehre, ihrer Sozialsorge und ihren Sozialverbänden. Dabei sollten lehramtliche Sozialverkündigung, wissenschaftliche Sozialethik, die Caritas sowie engagierte Christen in Initiativen und in den katholischen Verbänden im besten Fall in je eigener Verantwortung „arbeitsteilig“ zusammenwirken, wenn es darum geht, auf verschiedenen Ebenen nach Maßgabe Jesu Christi für soziale Gerechtigkeit und letztlich auch für soziale Liebe einzutreten.

Impulsgeber
Lars Schäfers, Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach

Foto: KSZ Mönchengladbach

Mag. theol. Lars Schäfers, 1988 geboren in Wuppertal, ist wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft.

Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!

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