Verhandlung am Landgericht gegen Viersener Pfleger wegen Totschlags eröffnet

Am Montagmorgen begann vor dem Schwurgericht des Landgerichts Mönchengladbach das Verfahren wegen Totschlags gegen einen 64-jährigen Pfleger der LVR-Klinik Viersen. Die Anklage geht davon aus, dass der Beschuldigte einem Patienten über die Höchstdosis hinaus Beruhigungsmittel gegeben habe um ihn ruhig zu stellen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Mönchengladbach – Der Anklagepunkt des Totschlags wiegt schwer gegen den 64-Jährigen Viersener, für den am Montagmorgen die Verhandlung begann. Die examinierte Pflegekraft der LVR-Klinik Viersen soll einem Patienten mehrfach Beruhigungsmittel verabreicht haben, wodurch die Höchstdosis überschritten wurde und der Patient letztlich starb.

Der Verstorbene war seit 1994 im Maßregelvollzug aufgrund einer paranoiden Schizophrenie in der LVR-Klinik Viersen untergebracht. Nach einer Operation an der Hüfte kam es zu einer Verrenkung des Oberschenkels, weshalb der 55-jährige Verstorbene zur weiteren Behandlung in die Orthopädie der Klinik verlegt worden war. „Dort musste er aufgrund seiner psychischen Erkrankung 24 Stunden am Tag durch eine Pflegekraft betreut werden. Dem Verstorbenen war durch die behandelnden Ärzte ein Beruhigungsmittel als Bedarfsmedikation verordnet worden“, führte die Staatsanwaltschaft aus. „In der Nacht vom 26.04.2018 auf den 27.04.2018 sei der Verstorbene sehr unruhig gewesen. Der Angeklagte habe dann ohne eine Rücksprache mit einem Arzt wiederholt dem Verstorbenen das Beruhigungsmittel verabreicht, um ihn jeweils ruhig zu stellen. Hierbei habe der Angeklagte die verordnete Höchstdosis bewusst erheblich überschritten.“

Erst am Morgen, beim beginnenden Schichtwechsel, war der Verstorbene leblos in seinem Bett vorgefunden worden. Die durchgeführten Reanimationsmaßnahmen waren erfolglos geblieben. Der am ersten Verhandlungstag befragte Rechtsmediziner bestätigte die später erfolgte toxikologische Untersuchung, die eine erhebliche Vergiftung mit dem verordneten Beruhigungsmittel als Todesursache ergeben hatte. Wesentlich höher sei die Konzentration der Medizin im Körper des Verstorbenen gewesen. Gerade bei diesen hohen Werten lähme das Mittel Herz- und Atemfunktionen, wodurch der Tod innerhalb kürzester Zeit eintreten könne.

Den Tod des Patienten habe der Viersener nicht gewollt, so der 64-Jährige. Der verstorbene 55-Jährige sei rastlos und auffällig gewesen. Überhaupt war es eine Horrornacht in der LVR-Klinik, in welcher er aufgrund von Personalmangel alleine den Patienten betreute. Die Medikation war durch die behandelnden Ärzte der forensischen Abteilung erfolgt, darunter auch das Beruhigungsmittel, welches als Bedarfsmedikation aufgeführt war. Der Patient sei durch die fremde Umgebung schwierig gewesen, erinnerte sich der Angeklagte und erläuterte weiter, dass der Verstorbene zur Nacht hin immer aggressiver und unkontrollierter geworden sei. Mehrfach in das Zimmer habe er uriniert, habe ihn gestoßen. Hinzu kam das Wissen, dass der Patient bereits am Vortag mit einem Wasserglas einen Pfleger angegriffen und ebenfalls eine Schwester in den Magen geboxt habe, weshalb auch der Angeklagte einen Übergriff fürchtete.

Nachdem die Situation immer schwerer zu beherrschen war, habe der Patient selbst nach dem Beruhigungsmittel gefragt. Es sei etwas mehr als vom Arzt verordnet gewesen, so der Angeklagte, der zugab nicht an eine Überdosierung gedacht zu haben. Da die Wirkung nach dreißig Minuten verflog habe er ihm erneut eine Dosis gegeben. Wie oft, daran konnte sich der Angeklagte nicht erinnern, der die Behandlung nicht schriftlich festgehalten hatte. Seiner Aussage entgegen, dass der Patient sich selbst an der Flasche bedient haben könnte, als der Viersener einen Toilettengang vornahm, spricht die Zeugenaussage des Pflegers S., der am Morgen die neue Schicht begann. Der Angeklagte selbst hätte ihm berichtet, dass er dem Patienten eine ganze Flasche verabreichen musste um ihn ruhig zu stellen. Das Verfahren wird am kommenden Donnerstag fortgeführt. (nb)