Verstarb Greta F. an einer Infektion? Verteidigung will Todesursache prüfen lassen

Geprägt von Anträgen der Verteidigung war der erste Verhandlungstag nach einer Woche Sitzungspause im „Greta-Prozess“. Insbesondere die Todesursache der kleinen Greta F. wurde in den Blick genommen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Nachdem der vorsitzende Richter Beckers am Landgericht Mönchengladbach am vergangenen Verhandlungstag aufgrund der umfangreichen Dokumente ein Selbstleseverfahren angeordnet hatte, wurde am heutigen Donnerstagmittag das Verfahren im „Greta-Prozess“ fortgesetzt.

Dem Antrag der Nebenklage, den Vorfall in Tönisvorst im Oktober 2019 als versuchten Mord zu werten, folgte das Gericht nicht, da die Angeschuldigte selbst Hilfe geholt hatte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Sandra M. dem im Juni 2016 geborenen Mädchen J., die an einem angeborenen Herzfehler leidet, den Brustkorb so sehr zusammengedrückte, dass es blau anlief und das Bewusstsein verlor. Es verbleibt weiterhin bei einer Anklage wegen heimtückischen Mordes sowie wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen. Ein Antrag der Verteidigung zielt allerdings darauf ab zu prüfen, ob Aufregung den Atemstillstand bei dem Mädchen ausgelöst haben könnte.

Foto: Rheinischer Spiegel

Nachdem die Staatsanwaltschaft die Beweisführung beendet hatte, konnte nun die Verteidigung ihre Anträge darlegen. Verhört werden soll deshalb ein Kinderorthopäde des Helios Klinikums Krefeld zu der körperlichen Entwicklung der kleinen Greta, welche in Viersen im Frühjahr 2020 verstorben war. Eine Prüfung soll weiterhin zeigen, ob die Petechien, die roten Punkte im Augenbereich, die auf eine Gewalteinwirkung von außen hinweisen, durch eine Atemmaske der Rettungskräfte entstanden sein können. Bereits bei der Polizei hatte die Angeklagte Sandra M. ausgesagt, dass ihr die Punkte bereits vor Eintreffen der Rettungskräfte aufgefallen waren.

Die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte Sandra M. hat als Erzieherin unter anderem in Kindertagesstätten in Krefeld, Kempen, Tönisvorst und Viersen gearbeitet. Am 21. April 2020 war es zu einem Notarzteinsatz in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen gekommen, nachdem die zu diesem Zeitpunkt noch nicht dreijährige Greta F. einen Atemstillstand erlitten hatte und in ein Krankenhaus überführt wurde. Erst am 4. Mai 2020 verstarb das Mädchen, einen Tag nach ihrem Geburtstag. Aufgrund einer medizinisch unklaren Lage verständigte das Krankenhaus bereits am 29. April 2020 die Polizei. Die Ermittlungen waren aufgenommen worden, weil an dem Mädchen die rötlichen Punkte im Augenbereich auffielen.

Letztendlich soll ein rechtsmedizinisches Sachverständigengutachten prüfen, ob die kleine Greta F. durch Streptokokken oder Influenza-Viren gestorben sein kann. Kurz nach Einlieferung in das Krankenhaus waren die Bakterien und Viren festgestellt worden. Es stehe laut dem Verteidiger daher fest, dass Greta bei ihrem Ableben mit einer Vielzahl von Bakterien und Viren infiziert war. So könnte Greta nach den Ausführungen der Verteidigung an einer multiplen Infektion gestorben sein. Die Verteidigung geht zudem davon aus, dass die Gerichtsmedizinerin, der die Krankenakte nicht vorgelegen hatte, das Ergebnis „Hypoxischer Hirnschaden, Fremdverschulden nicht ausschließbar“ ändern könnte. Anträge, die nun das Gericht prüft und sie dann zulässt oder ablehnt.

Richter Beckers wies bereits heute darauf hin, dass bereits der Chefarzt der Viersener Kinderklinik, Dr. med. Christoph Aring, in seiner Befragung ausgesagt hatte, dass kein natürlicher Grund für das Ablegen vorgelegen habe. Das Krankenhaus selbst hatte die Polizei hinzugeschaltet. „Dr. Aring ist nun kein Gerichtsmediziner, jedoch Chefarzt der renommierten Viersener Kinderklinik“, so Beckers. Ebenfalls eine Gerichtsmedizinerin hätte das Kind geprüft, seiner Meinung nach „beweistechnisch genau die richtigen“. Am morgigen Verhandlungstag werden die Stellungnahmen der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger zu den Anträgen der Verteidigung gehört. Dann pausiert das Verfahren erneut bis zum 22. Februar. Absehbar sei das Ende der Verhandlung, mit welchem aktuell spätestens Anfang März gerechnet wird. (nb)


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