Viersen: Stilles Gedenken an verstorbene 3-Jährige

An dem Kindergarten im Viersener Neubaugebiet reihen sich die bemalten Steine eng aneinander. Sie sind die Stimmen der Trauernden, die keine Worte für den Tod der kleinen Greta F. finden, welche nach einem Vorfall Anfang Mai verstorben war.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Kommentar – Der Vorfall liegt bereits mehr als einen Monat zurück. Am 21. April 2020 kam es in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen zu einem Notarzteinsatz. Die dreijährige Greta F. erlitt nur einen Tag nach ihrem Geburtstag einen Atemstillstand, trotz der zunächst erfolgreichen Wiederbelebung verstarb das Mädchen am 4. Mai. Mittlerweile wurden umfangreiche Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft durchgeführt und das Ergebnis einer rechtsmedizinischen Untersuchung brachten den Verdacht auf, dass das Mädchen durch Fremdeinwirkung zu Tode gekommen sein könnte.
Am vergangenen Dienstag, 19. Mai 2020, nahmen die Ermittler eine ehemalige, 25-jährige Erzieherin fest, einen Tag später wurde sie durch die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach einem Haftrichter vorgeführt. Seitdem befindet sich die Beschuldigte in Untersuchungshaft.

Es ist Freitagnachmittag, als die Pressemeldung der Polizei und Staatsanwaltschaft in der Redaktion eingeht. Ich habe an diesem Brückentag redaktionellen Dienst im Home-Office. Meine Finger zittern auf der Tastatur, als ich versuche den Bericht zu veröffentlichen. Ohnmacht, Entsetzen, Trauer vermischen sich miteinander, machen sprachlos. Nicht einmal erahnen kann ich, wie es der Familie gehen muss, nicht einmal erahnen kann ich, wie es den Erziehern gehen muss, die zudem in der städtischen Kindertagesstätte arbeiten.

Nicht lange nach dem Eintreffen der Pressemeldung wird ebenfalls bekannt, in welcher Kindertagesstätte sich dieser unbegreifliche Vorfall ereignet hat. Immer weitere Details kommen an Licht. Doch nicht durch die Polizei, Staatsanwaltschaft oder Stadt Viersen, die mit Blick auf die Eltern und aktuelle Situation keine weiteren Details veröffentlicht haben. Die „fehlenden“ Informationen sollen die Angehörigen und Erzieher schützen – zu Recht.
Nur wenige Minuten später schickt mir mein Mitredakteur die ersten Links zu weiteren Berichten. Fotos der Kindertagesstätte stechen mir groß entgegen, die Todesanzeige des Mädchens wurde in die Headline eingearbeitet. Fast gleichzeitig geht eine Nachricht ein, eine Frau bietet uns nähere Details an – gegen Bezahlung. Die Wut steigt in mir auf. Sie versucht tatsächlich aus dieser Situation Profit zu schlagen und im Laufe des Tages wird sie nicht die bzw. der Einzige bleiben.

Nicht eine Sekunde lang muss ich darüber nachdenken, ob ich solche Informationen ankaufe. Ich muss noch nicht einmal bei meiner Redaktionsleitung nachfragen, denn wir sind einer Meinung – Nein! Seit vielen Jahren bin ich journalistisch tätig – immer mit dem Ziel offen, ehrlich und integer zu berichten. Integer! Die Bedeutung dieses Wortes schießt mir sofort durch den Kopf, mein Professor hat es uns vorgelebt und ich habe diesen Weg nie verlassen. So wandert der Name des Kindergartens in den Papierkorb, das erhaltene Foto wird gelöscht.
Wo stehen wir mit unserer Gesellschaft, wenn wir Profit aus dem Tod eines 3-jährigen Kindes schlagen wollen? Der Kloß in meinem Hals ist riesig. Das ist nicht die Zeit Details zu veröffentlichen oder erste Züge von Selbstjustizaufrufen zu verbreiten. Es ist Zeit die Eltern, Erzieher und anderen Kinder zu schützen und in stillem Gedenken zu trauern – so, wie es die bunten Steine am Kindergarten tun. (cs)

Foto: Rheinischer Spiegel

Tot der dreijährigen Greta F. – Ermittler bewerten den Todesfall als heimtückischen Mord