Viersener Tagesmütter fühlen sich von der Politik allein gelassen

Von dem Appell, eine Kinderbetreuung zu Hause möglich zu machen spüren die Tagesmütter in Viersen nichts. Vielmehr werden wesentlich mehr Kinder zu den Tagesmüttern gegeben, als zunächst von der Regierung angenommen – ein zumindest teilweise vermeidbares Risiko während der Pandemie.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen – Während in der Notbetreuung des ersten Lockdowns nur Kinder von Eltern systemrelevanter Berufe betreut wurden, hat das Fehlen dieser Anordnung im aktuellen Lockdown eine unerwartete Nebenwirkung mit sich gebracht. Während in den KiTas die Betreuungszeiten um zehn Stunden gekürzt wurden, dürfen in der Tagespflege Kinder weiterhin in vollem Umfang betreut werden.

Die aktuelle Situation während der Pandemie birgt für die Tagesmütter ein Risiko, die mit bis zu fünf Kindern zeitgleich alleine arbeiten – im Gegensatz zu U3-Gruppen in Kindergärten, wo für bis zu 12 Kinder drei Erzieher anwesend sein müssen. „Erzieher in Gruppen mit älteren Kindern können sich mit FFP2-Masken schützen. Da die Tagespflege in der Regel 1-3-Jährige betreut, ist dies nicht möglich da Mimik und Gestik im Kleinkindalter wichtig sind“, erklärt Ebru Cornelißen, Ortsteilsprecherin der Interessengemeinschaft Tagesmütter Viersen. Gruppen- oder gar Kitaschließungen durch Corona wirkten sich nicht finanziell bei den Erziehern aus, die Tagespflegeperson trage als Selbstständige immer das Risiko. So haben Erzieher der Stadt Viersen im vergangenen Jahr einen Coronabonus erhalten, die Tagespflegepersonen nicht, hinzu kommen vermeidbare Kontakte während der Pandemie.

Foto: Tagesmütter Viersen

Ein Großteil der Tagespflegepersonen habe eigene minderjährige Kinder, von denen viele unter 12 Jahren sind, die mit im eigenen Haushalt leben und aktuell Zuhause beschult werden. Tagespflegepersonen die zur Risikogruppe gehören oder Familienmitglieder die zur Risikogruppe gehören werden jedoch nicht freigestellt.
„An die Eltern ging nur ein Appell von der Regierung ihre Kinder soweit wie möglich zu Hause zu halten, dafür müssen die Eltern den Januarbeitrag nicht zahlen, egal ob sie die Betreuung nutzen oder nicht“, so Ebru Cornelißen. „In der Praxis sehen wir, dass etliche Eltern ihre Kinder bringen, trotz Appell, und sich freuen, dass sie sogar nicht dafür zahlen müssen.“ Der Appell allein reiche nicht aus, ist sich die Tagesmutter sicher, denn die Kinder würden trotz Schniefnase oder gar Husten in der Regel nicht getestet werden, selbst wenn es sich dabei um Geschwister von Kindern handelt, die aktuell aufgrund von Erstkontakt unter Quarantäne gesetzt werden.

Hinzu kommt, dass der Spagat zwischen frühkindlicher Förderung und Betreuung der eigenen Kinder im Homeschooling nur schwer zu stemmen sei. „Tagespflegepersonen mit eigenen Kindern in Kitas müssen ihre Kinder jeden Tag zwei Stunden eher abholen, im Zweifel in der eigentlichen Mittagsschlafzeit der Tageskinder.“ Wenn dann Eltern auf den Appell hingewiesen werden, würden einzelne drohen das Tagespflegeverhältnis zu kündigen.

„Wir Tagespflegepersonen lieben unseren Job, sonst würden wir ihn mit all seinen Schwierigkeiten nicht ausüben! Uns ist bewusst, dass die Pandemie schon so lange geht und an unser aller Kräften zerrt, auch wir wünschen uns wieder sehnlichst den Normalbetrieb ohne Corona. Wir sind für alle liebend gerne da, die in dieser schweren Zeit Beruf und Familie vereinbaren müssen“, sagt Ebru Cornelißen. „Uns wäre aber schon geholfen, wenn wenigstens alle Kinder, wo ein Elternteil zu Hause ist, nicht kommen würden und die Betreuungszeiten der Kinder arbeitender Eltern auf die wirkliche Arbeitszeit begrenzt wird. Auch wir sind nur Menschen und nur bis zu einer gewissen Grenze belastbar. Zudem kommt unsere eigene Sorge uns anzustecken, auch wenn die Gruppen klein sind, jeder Kontakt zählt! Die Betreuung mit zusätzlich eigenen Kindern im Homeschooling ist mehr eine Verwahrung als ordentliche Förderung, wie sie sein sollte … Leider sind uns und auch dem Jugendamt mit dem letzten Beschluss die Hände gebunden.“
Sehr gerne unterstützen die Tagesmütter die arbeitenden Familien, wissentlich in welcher Not sie stecken Beruf, Familie sowie Pandemie unter einen Hut zu bringen, und möchten ihren Beruf fortführen. Dennoch ist der Appell auch hier jeden Kontakt zu überdenken.

Wesentlich mehr werden aktuell zudem ebenfalls die KiTa-Plätze genutzt, als von der Landesregierung kommuniziert. Eine Situation, die von der Politik bisher nicht auf die Agenda gebracht wurde, weshalb die Tagesmütter Alarm schlagen. „Die Schulen werden geschlossen, das Bildungssystem, die Kinder und deren Eltern sind an ihren Grenzen, aber die Kinderbetreuung, in denen das Personal nicht geschützt wird, bleibt offen…. finden Sie den Fehler… und dann wird beschlossen, dass Arbeitgeber für den Schutz durch Masken und geeigneten Arbeitsplätzen nach Maßstäben der Hygienevorschriften für ihre Angestellten sorgen müssen. Wir in der Tagespflege durften uns, nachdem wir danach gefragt haben, fünf FFP2-Masken beim Amt abholen, für den Kontakt in der Bring- und Abholzeit … Da stimmt doch vorne und hinten was nicht!“ (nb)

6 Kommentare

  1. Tagesmütter können sich in der Coronakrise nicht schützen. Das ist unverantwortlich für beide Seiten. Hier muss die Politik nacharbeiten.

  2. Die Tagesmütter haben völlig Recht, auch im Kindergarten werden Kinder abgegeben von Eltern bei denen ein Elternteil zuhause ist. Die Mütter sind überfordert und nehmen die Gefahr von Kontakten, Ausbreitung und Krankheit wissentlich in Kauf. Auf dem Rücken der Kinder!

  3. Liebe und geschätzte Tagesmütter, den berufstätigen Eltern/Alleinerziehenden ist wohl kaum ein Vorwurf zu machen.
    Sicher haben sie ein Recht auf mehr „Pandemie bedingte Krankschreibung “ von bis zu 40 Tagen je Kind (Allein Erziehende ), doch die WENIGSTEN Arbeitgeber machen da mit und unterstützen.
    Viele Arbeitgeber halten dies für nicht tragbar und drohen sogar mit Entlassung.
    Also, bringt euere, absolut berechtigte, Beschwerde an die richtigen Stellen.
    Helft den Eltern und euch ist auch geholfen.

  4. Ein Appell reicht nicht aus, die Politik hat an diese Probleme nicht gedacht. Es muss dringend gehandelt werden schließlich gibt es viele Eltern die dieLücke nutzen um ihr Kind im Lockdown unterzubringen weil sie zu Hause Ruhe haben wollen.

    1. Sicher gibt es einige, die ihre Kinder „abschieben“ um Ruhe zu haben. Jedoch die meisten haben das bereits erwähnte Problem mit den Arbeitgebern.
      Dann kommt das Problem Homeoffice: Arbeiten und Kinderbetreuung beißen sich nun mal.
      Andererseits kommen auch Beschwerden von Tagesmüttern, die ihren Job nicht machen können, weil Eltern ihre Kinder nicht mehr zur Betreuung geben, wegen Corona.
      Ein Teufelskreis…….

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