Von Baumfällungen und Wildschweinen: Ausschuss informierte sich vor Ort

Anstatt in den üblichen Räumen des Forums, hatte sich der Ausschuss für Bauen, Umwelt- und Klimaschutz gestern auf den Süchtelner Höhen zu einer Ortsbesichtigung zusammen gefunden, um sich persönlich ein Bild von dem Ausmaß der Zerstörung durch den Sturm zu machen. Ebenfalls auf der Tagesordnung das Wildgehege und die Entscheidung zur Umgestaltung „Alter Markt und Kirchplatz“, die nun, gegen allen Widerstand, die endgültige Pro-Abstimmung zu den Baumfällungen enthielt.

Entgegen der Grünen-Petition – dieser Baum wird ebenso wie 17 weitere gefällt.

Viersen – Die Wurzeln ragen allerorts aus dem Boden heraus, zahlreiche Baumstümpfe fallen sofort ins Auge. Orkan Friedericke hat wenige Bäume auf ihrem Weg auf den Süchtelner Höhen stehen lassen. Daneben wird fleißig am Wiederaufbau des Kletterwaldes Niederrhein gearbeitet. Im nördlichen Bereich, in der Nähe des Parkplatzes hofft der Betreiber am Dienstag nach Ostern in einem begrenzten Rahmen die Anlage wieder eröffnen zu können. „Der Wiederaufbau erfolgt an der Grenze zur Windwurffläche, die von Experten als ungeeigneter Standort definiert wurde“, so Dr. Volker Breme, Sprecher der Bürgerinitiative Viersen-Hamm, der zu den Besuchern gehört. „Der Aufbau erfolgt an den noch stehenden Fichten, die grundsätzlich von Klettergartenexperten als weniger geeignet für den Aufbau von Klettergärten bewertet werden. Entsteht hier unter Zeitdruck ein Klettergarten, der beim nächsten Sturm erneut erhebliche Schäden zeigen wird? Soll dann der Steuerzahler wieder die Kosten für die Aufräumung tragen?“

Ein Stück weiter ein Blick auf das Wildgehege. Die große Scheu des Damwildes kennen langjährige Besucher des Wildgeheges nicht. In dem zurzeit stark verkleinerten Gehege kommt sofort Unruhe auf. Mittlerweile wurden neun der zwölf ausgebrochenen Wildschweine erschossen, über den Verbleib der drei weiterhin fehlenden Tiere konnte keine Aussage gemacht werden. Danach treffen sich die Ausschussmitglieder und Besucher erneut, wie gewohnt im Cambridgeshire-Zimmer des Forums.

Ebenfalls die Bürgerinitiative „Wir für unsere Stadt“ hatte für den Erhalt der Bäume gekämpft.

Für viele Dülkener ein Schock, trotz zahlreicher Unterschriften der aktuell laufenden Petition der Grünen, der Ausschuss entschied sich für die Umgestaltung Alter Markt und Kirchplatz gegen die Stimmen der FDP, Grünen und Linken. Die Umgestaltung sieht vor im Rahmen der Erneuerung des Alten Marktes sämtliche 18 Bäume – Platanen, Linden und Mehlbeeren – zu fällen und durch 11 neue Bäume zu ersetzen.

Heinz Jürgen Antwerpes, Arbeitskreis für Behindertenfragen in der Stadt Viersen, wies noch einmal ausdrücklich auf eine behindertengerechte Gestaltung von Geschäftseingängen hin. Ein Einwand, der von der Viersener Baudezernentin Beatrice Kamper zurückgewiesen wurde, da die Flächen nur in begrenztem Umfang erneuert würden. Ebenfalls der Umgestaltung der Josefskirche wurde gegen den Widerstand des BUND einstimmig zugestimmt.

Martina Maaßen, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat hatte bereits in ihrer Pressemeldung eine klare Meinung vertreten, die bei den anderen Parteien kein Gehör fand: „… Die Bäume im Herzen der Dülkener Altstadt würden gerade den Charme des beliebten Platzes ausmachen, sagt Maaßen. Sie zitiert aus der Neujahrsansprache 2017 von Bürgermeisterin Anemüller: „Wir bieten eine unglaubliche Zahl von Stadtbäumen und innerstädtischen Parkanlagen. Die hohe Wohn- und Aufenthaltsqualität schätzen wir sehr und wollen wir bewahren.“ Und weiter aus der Neujahrsansprache 2018: „LED-Bäumchen mögen mehr Licht bringen und weniger Dreck machen als Eichen, Buchen, Pappeln. Aber wollen wir das?“ Trotzdem habe die Stadt nie ernsthaft geprüft, ob ein Umbau des Platzes bei Erhalt der Bäume möglich sei und was das kosten würde, beanstandet Fraktionschefin Maaßen.

Die neun Schwedischen Mehlbeeren sollen durch fünf Spiegelrinden-Säulenkirschen ersetzt werden. Diese exotischen Kirschbäume haben aber nur schmale Baumkronen. Durch die geplanten Standorte zwischen den Parkplätzen taugen sie auch nicht als Aufenthaltsort. Die Stadt wolle den eigentlichen Marktplatz baumfrei halten und so Platz für Veranstaltungen und Außengastronomie schaffen.

Die Linden vor der Kirche sollen vor allem wegen des Honigtaufalls weichen. Honigtau ist die zuckerhaltige, klebrige Ausscheidung von Blattläusen. Diese führt zwar zu Verunreinigungen, ist aber vollkommen ungefährlich. Außerdem ernähren sich Ameisen, Bienen und Hummeln von Honigtau. Die Stadt sprach trotzdem fälschlicherweise von dauerhaftem Befall mit Mehltau, einer Baumerkrankung. Den drei Platanen am nördlichen Ende des Alten Marktes wird eine gute Vitalität bescheinigt. Trotzdem sollen sie fallen, denn sie würden laut Stadt zu erhöhten Kosten bei der Pflege führen. Zudem stünden auch diese Bäume der Gastronomie und Veranstaltungen im Weg.

Maaßen: „Die Fällung aller Bäume zerstört den Charakter des historischen Stadtkerns für Jahrzehnte. Die Bäume sind aktuell weder krank noch gefährlich.“ Auch angesichts der immer kleiner werdenden Märkte und Kirmessen in Dülken – was ganz sicher nicht an den Bäumen liege – sollten die Bäume so lange wie möglich geschützt und erhalten werden. Und ob die Neuanpflanzungen die ersten Jahre überleben, könne schließlich auch niemand mit Sicherheit sagen. Martina Maaßen resümiert: „Wir lehnen deshalb die Fällung aller 18 Bäume strikt ab. Mit deutlich geringeren Kosten können die bestehenden Bäume verjüngt und die Baumscheiben saniert werden.“ (re/cs)

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