Vorurteile abbauen – Moscheen öffneten für den gemeinsamen Dialog

Über 1.000 Moscheen hatten bundesweit für die Besucher geöffnet. Damit wollen die muslimischen Gemeinden in jedem Jahr den Dialog stärken – so stand der diesjährige Tag unter dem Motto „Menschen machen Heimat/en“.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Viersen – Bereits seit 1997 laden bundesweit Moscheen zum TOM, zum Tag der offenen Moscheen ein und möchten an diesem Tag ins Gespräch mit Gästen und Interessierten kommen. Dass gerade dieser Tag genutzt wird, führt immer wieder zu Kritik, dennoch nehme viele die Möglichkeit wahr. Im Mittelpunkt stand das Motto: „Menschen machen Heimat/en“.

„Was ist „Heimat“? Ist sie nur der Ort, an dem wir unsere Kindheit und Jugend verbracht haben, wo unsere Familie, unsere Freunde leben? Das Land, aus dem unsere Eltern oder Großeltern stammen? Ist Heimat überall dort, wo wir uns zu Hause fühlen? Gibt es so etwas wie eine „spirituelle Heimat“, einen Ort, mit dem wir uns durch unseren Glauben verbunden fühlen? Oder ist Heimat inzwischen ein Kampfbegriff geworden, durch den das Althergebrachte vom Neuen, z. B. religiöse oder ethnische Minderheiten wie Sinti und Roma oder Juden, abgegrenzt wird? Anscheinend sind diese Fragen zu einem so diffusen Begriff nicht so einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint“, so Koordinationsrat der Muslime (KRM) zum diesjährigen TOM. „Offensichtlich hat das Thema Heimat mehrere Aspekte: sich zugehörig fühlen und angenommen werden. Menschen werden in einem Land, einer Region, Stadt oder einem Dorf geboren bzw. sind zugezogen. Sie wachsen dort auf, absolvieren eine Ausbildung oder ein Studium, finden eine Arbeit und gründen eine Familie. Sie können weder ihre Ethnie noch ihre Eltern selbst wählen. Sie entwickeln eine emotionale Verbindung zu dem Land, in dem sie geboren sind bzw. leben. Dabei werden Sprache, Kultur und Religion als wichtige Teile der eigenen Identität weiter gepflegt. Sie sind zuallererst Menschen. Erst danach fühlen und verstehen sie sich als Deutsche, aber eben auch als Türken, Araber, Albaner, Bosnier, etc.“

Foto: Rheinischer Spiegel

Dieser Tag ist auf vielfältige Weise zu einer Brücke geworden, die Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander verbindet und ihnen Gelegenheit zum Austausch und Verständigung gibt. So war es auch in der Viersener DITIB-Moschee an der Süchtelner Straße. Besucher spürten, dass sie willkommen sind – es ging um Frieden und Zusammenhalt, Einheit und Gemeinsamkeiten – ganz ohne Politik, auch wenn dieses Thema immer wieder die Besuche beherrscht. Umso wichtiger ist der Dialog mit den Muslimen, die hier zu Hause sind.

„Die 99 Namen sind symbolisch zu verstehen: 100 steht für die Unendlichkeit Allahs. 99 Namen und Eigenschaften, die das für den Menschen erfahrbare Wirken Allahs beschreiben sollen und der eine unbekannte Name Allahs, der eine Erinnerung daran sein soll, dass Allah niemals mit dem menschlichen Verstand erfasst werden kann.“ Fuat Arslan zeigt auf die goldene Kalligrafie, die die Wände des Gebetsraumes bedeckt. Direkt daneben eine moderne Digitaluhr, die die Gebetszeiten anzeigt. Der Gebetsraum der Männer mit seinen Kronleuchtern, den verzierten Wandfliesen und dem frisch gelegten blauen Teppich strahlt Ruhe aus, innere Ruhe, die die Besucher schnell selber spüren. Daneben, einige Stufen tiefer gelegen der Gebetsraum der Frauen. Nicht ganz so pompös dekoriert mit einem Flachbildschirm auf den die Gebete übertragen werden.

Interessiert folgen die Gäste den Ausführungen, weniger als im Vorjahr sind es. Viele Viersener waren bereits in den letzten Jahren zu Besuch, andere lassen sich leiten durch stetig wachsende Vorurteile. Dabei stehen die Moschee und seine Besucher für Frieden, das stellt auch der Vorsitzende Mehmet Uslu immer wieder heraus. „Ich möchte, dass die Moschee nicht nur ein Raum für Glauben ist, sondern auch für Zusammenarbeit und Projekte über alle kulturellen Grenzen hinweg“, so Uslu. Einige Besucher fragen nach dem Ablauf der Gebete und der rituellen Waschungen, die der Vorsitzende gerne erklärt.

Muslime und Nichtmuslime leben in vielfältigen Beziehungen zusammen, als Arbeitskollegen, Partner in Schule und Beruf, als Eltern in Bildungseinrichtungen und Kindergärten und nicht zuletzt als Nachbarn im Stadtteil. Die Moscheegemeinden, die bereits seit Jahrzehnten existieren, sind in den vergangenen Jahren nicht nur sichtbarer, sondern auch zu aktiven Akteuren auf der ehrenamtlichen Ebene geworden. Sie sind Nachbarn vieler Menschen und sind Orte eines guten Miteinanders.

Einem Ausspruch des Propheten Muhammad zufolge erinnerte ihn der Erzengel Gabriel so häufig an die Rechte des Nachbarn, dass der Prophet fast das Gefühl bekam, den Nachbarn würde das gegenseitige Erbrecht zugesprochen. „Nachbarschaft bildet nach der Familie die kleinste Einheit gesellschaftlichen Miteinanders. Wenn der Zusammenhalt hier gelingt, funktioniert das friedliche Zusammenleben auch auf gesellschaftlicher Ebene“, so Mehmet Uslu, zum diesjährigen Tag der offenen Moschee. Das bewusst gewählte Datum am Tag der Deutschen Einheit soll das Selbstverständnis der Muslime als Teil der deutschen Einheit und ihre Verbundenheit mit der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck bringen. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel