Wachsendes Tierleid im Kreis Viersen bringt Tierschützer an Grenzen – „Wir sind nicht die Fußabtreter der Nation.“

„Der Tierschutz ist doch scheiße. Ihr seid schuld, wenn dat Vieh jetzt verreckt!“ Solche oder so ähnliche Sätze hören die Mitglieder der „Notfelle Niederrhein“ nicht selten. Wir sprachen mit dem Verein, der bereits seit 2013 stetig tierische Not vor Ort lindert.
Von RS-Redakteurin Ebru Ataman

Viersen/Region – Ein Blick auf das Leben neben dem ehrenamtlichen Engagement. Viel zu häufig wird vergessen, dass die Tierschützer ihre Zeit freiwillig und unbezahlt zur Verfügung stellen. Dass hinter diesem Engagement vollständige Leben stehen mit einer Arbeit, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, mit Familien und sogar einem Recht auf Schlaf. Tanja Kawaters, Vorstandsmitglied der Notfelle Niederrhein, gab einen Einblick in den stetigen Kreislauf der Schattenseiten, den fast „alltäglichen Wahnsinn“ und hofft auf Mut zur Selbsthilfe.

Mit ganzem Herzen ist Tanja Kawaters Tierschützerin und nutzt jede freie Minute, um dem weiterhin wachsenden Leid zahlreicher Tiere im Kreis Viersen entgegenzuwirken. Einfach war der Tierschutz noch nie, doch wer einmal dabei war, den lässt dieses Engagement nur selten wieder los.

„So stressig und schlimm der Tag als Tierschützer auch ist, was einen fertig macht und an die Nerven geht, das sind die Menschen die vergessen, dass wir uns ehrenamtlich kümmern und keine staatliche Einrichtung oder Behörde sind“, sagt die Tierschützerin. Sätze wie „Der Tierschutz ist doch scheiße. Ihr seid schuld, wenn dat Vieh jetzt verreckt!“, „Wieso geht denn keiner dran? Nachts um 3.00 Uhr?“, „Warum können Sie denn diesen einen Vogel jetzt nicht aufnehmen?“ oder, ihr Lieblingssatz, „Wofür seit ihr denn da?“ seien längst keine Seltenheit mehr. „Also ich, ich bin da, also auf der Welt, um mein Leben zu leben, so wie jeder von uns“, so Tanja Kawaters. „Ich bin mir nicht sicher, ob noch Lebensberechtigungsscheine ausgestellt werden und ob ich nur leben darf, wenn ich Tierschützer bin, aber ich lasse mich gerne aufklären, wenn dem so ist. Wir alle im Tierschutz machen unsere Arbeit ehrenamtlich. Das wissen viele, aber viele denken nicht darüber nach was das heißt. Auch wir Tierschützer haben, zumindest manchmal noch, sowas wie ein eigenes Leben.“

Die ortsansässigen Tierschutzvereine machen wiederholt auf die kritische Lage und die Verwahrlosung von Freigängerkatzen aufmerksam. Foto: Rheinischer Spiegel

Viel zu häufig würde dabei vergessen werden, dass niemand den Strom für die Ehrenamtlichen zahlt oder sich die Zeit zum Einkaufen nimmt. „Wir müssen arbeiten, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. Die meisten tun das 40 Stunden die Woche. Manche sind sogar so egoistisch und haben eigene Tiere oder noch schlimmer – Familie!“, ergänzt die engagierte Tierschützerin und redet sich den Frust von der Seele. „Da muss doch glatt das Kind zum Arzt, das Essen steht auf dem Tisch, der Chef verlangt Überstunden, man ist mit den Hunden im Feld oder, Gott bewahre, man schläft. Davon, dass auch Tierschützer vielleicht mal Freunde treffen, ja, manche von uns haben noch welche, oder auch mal entspannt in der Sonne liegen möchten, rede ich gar nicht, das macht von April bis Oktober keiner von uns.“

Bis ans Limit gehen die Mitglieder nicht nur der Notfelle Niederrhein e. V. bei ihrem Engagement und tun was sie können. Platz wird noch „in der kleinsten Ecke“ gemacht, damit doch noch ein Tier aufgenommen werden kann. „Wir stehen nachts um 2.00 Uhr an einer Fangstelle, wir sitzen an einem Sonntag oder Feiertag beim Tierarzt, unsere Autos sehen aus wie Sau, unsere Küchenschränke sind voll mit Tierbedarf, unsere Wohnzimmer sind umgestaltet zu Quarantäne-Stationen.“ Nachts muss die Tierschützerin regelmäßig drei Mal raus für die Flaschenkinder, der Hausputz dauert vier Stunden länger und Zeit für einen selber bliebe gar nicht. Mehr ginge einfach nicht.

„Wenn jemand sauer sein will, wenn grade ihm nicht geholfen wird, dann sollte er überlegen auf wen er sauer ist“, so Kawaters. „Auf den Staat? Weil es keine öffentlichen Auffangstationen gibt? Auf den, der das Tier angefahren hat? Auf einen selbst, weil man lieber Playstation gespielt hat anstatt sich schlau zu machen wie man einem Tier hilft? Die meisten Sachen kann wirklich jeder. Zumindest jeder der will. Alle haben Internet und können sich schlau lesen, zum Beispiel auf unserer Internetseite. Alle haben die Möglichkeit ein Tier zum Arzt zu bringen und jemanden im Freundes- oder Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft zu finden der mitfährt. Kinder? Haben wir auch. Einpacken und los. Einen Hund oder ne Katze? Fundtier inne Box, in einen Karton und ins Bad stellen.

Angst was falsch zu machen und ein Tier sterben zu sehen – ja, wir auch! Die meisten Tierärzte behandeln verletzte Fundtiere, grade Wildtiere umsonst. Nicht jeder Tierarzt kennt sich damit aus, aber alles ist besser als dem Tier nicht zu helfen. Die Tierkliniken sind meist rund um die Uhr besetzt. Wenn wir nicht ans Telefon gehen, dann ist das nicht weil „wir mit unserem faulen Arsch bis 11 im Bett liegen“ oder „uns die Tiere doch völlig egal sind und wir nur Spenden sammeln“ oder „wir einfach zu blöd sind uns richtig zu organisieren“. Es ist, weil wir dann grade etwas tun das es verhindert. Entweder wir helfen grade einem anderen Tier, sind arbeiten oder auch einfach mal privat verhindert.“

Der Tierschutz, das seien nicht Tausende Ehrenamtliche, die zu Hause sitzen und nicht wissen wie sie ihre Freizeit gestalten sollen und froh sind um jeden Anruf. „Der Tierschutz, das sind Freiwillige, die auf dem Zahnfleisch gehen, weil andere sich einen Dreck um Mitgeschöpfe kümmern. Wir sind eine Handvoll aktive Leute. Bei uns besteht der harte Kern aus fünf Menschen. Es gibt zum Glück Einige, die ab und an regelmäßig oder unregelmäßig helfen, aber bei jeder Aktion, die über den Verein läuft, ist einer dieser fünf mit eingespannt.“

Sie ist sich sicher: Würde jeder nur zwei Mal im Jahr, ca. eine Stunde im Jahr, sich um ein Tier, das Hilfe braucht, kümmern, dann könnten sich auch die aktiveren Tierschützer geduldig und freundlich mehr Zeit nehmen und sich um die restlichen Belange kümmern. „Geht aber wohl nicht. Deswegen sind wir oft gestresst, kurz angebunden oder bei der 100. blöden Aussage oder Frage auch einfach mal nicht mehr freundlich. Wir sind aber nicht die Fußabtreter der Nation. Wir sind auch nur Menschen, die irgendwann nicht mehr können. Umso wichtiger ist es, dass jeder selber etwas Verantwortung übernimmt. Wer helfen möchte ist bei uns und bestimmt auch in anderen Vereinen herzlich willkommen.“ (ea)

9 Kommentare

  1. Sehr guter Bericht, vielen Dank für die klaren, offenen Worte. Diese Seite wird viel zu selten gezeigt und wir müssen dankbar dafür sein, wenn Menschen ihre freie Zeit für den Tierschutz opfern.

  2. Genauso ist das und nicht erst seit Corona. Tierschützer arbeiten ehrenamltich und haben ein Leben.

  3. Sorry, aber Tierhilfe wird garantiert nicht besser, wenn man hier mit verbalen Attacken einen „Rund-um-Schlag“ tätig. Nicht jeder Mensch ist bereit, sich aktiv in Ihre Vereinsarbeit einzubringen und trotzdem kann dieser Mensch aber tierlieb, tierfreundlich sein. Lt. Ihrer Web-Site gibt es im Kreis Viersen rund 10.000 Streuner*innen, da nutzen die wenigen durchgeführten Kastrationen nur bedingt.

    1. Ja dann würde ich an ihrer stelle mal darüber nachdenken wie man hefen kann.
      dume Fraßen sind mit sicherheit fehl am Platz

  4. Wow , ehrliche Sätze ! Gut so ! Dann denkt vielleicht der eine oder andere einmal nach !

  5. Das ist kein Rund-um-Schlag, sondern die Bitte zu berücksichtigen, dass auch Tierschützer nur Menschen sind, und dass die wenigen ehrenamtlichen einfach nicht allen helfen können, und man sie nicht auch noch beschimpfen muss.
    Was ist denn Ihrer Meinung nach die Alternative zu „wenig“ Kastrationen? Gar keine?

  6. Sie hat vollkommen Recht mit ihren Aussagen, deshalb jetzt und hier: Vielen Dank, dass es euch gibt. Bitte hört nicht auf weil welche rumspacken.

  7. Fakten lassen sich nicht leugnen.
    Sie üben eine ehrenvolle, notwendige und belastende Arbeit aus, ohne echte Gegenleistung, RESPEKT!
    Jetzt, wo wir alle wieder mehr Freiheit genießen dürfen, wird es wohl so kommen, dass die „CORONA-TIERE“ wieder massenweise ausgesetzt und in Heime gebracht werden. Eine echte SAUEREI!
    Diese Tierschützer brauchen auch Tierschutz, denn sie sind wirklich „arme Schweine“ !
    Sorry, dass ich das so krass ausdrücke, aber es ist so und die Meckerfritzen hier, sollten besser den Mund halten!!!

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