Waldniel/Berlin – 100 Meilen Mauerweg – 161,3 km deutsche Geschichte

Es ist nicht nur ein sportliches Event, dass Axel Zachau, der für Athletik Waldniel startete, an Grenzen und zum Teil darüber hinaus brachte. Es ist auch ein geschichtsträchtiger Lauf gewesen an der Stelle, an der vor fast genau 60 Jahren der Satz geprägt wurde: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Berlin/Waldniel – Zum Teil „auf“ der Mauer selbst, zum Teil auf dem Postenweg und teils auch etwas entfernt, da die Fähigkeit über das Wasser zu laufen noch nicht ausgeprägt genug ist, startete Axel Zachau für Athletik Waldniel gemeinsam mit weiteren Läufern um den Mauerweg zu meistern.

Vor zwei Jahren, beim ersten Versuch, die Strecke zu erringen, hatte der Kopf nicht mitgespielt und Axel Zachau hatte nach 130 km aufgeben müssen. Dieses Jahr hatte er sich vorgenommen weiter zu kommen und sein Training entsprechend angepasst. Bis zum Mauerweg waren es alleine in 2021 ca. 4000 Trainingskilometer. Darunter fielen 30 Marathon und drei Ultraläufe. Die letzten beiden lief er am vorherigen Wochenende.

Der Veranstalter übertrug die Position der Läufer, sobald diese einen der 26 Verpflegungspunkte erreichten. Immer wieder prüften die Mitgefahren ihre Handys, ob es einen neuen Zwischenstand gab. So konnten sie feststellen, dass Axel Zachau mit längerer Dauer zunehmend langsamer wurde, jedoch noch auf der Strecke war. Als morgens gegen 7 Uhr der erlösende Anruf kam, dass er sich am letzten Verpflegungspunkt befand und er nur noch 4 km vor sich hatte, machten sie sich auf den Weg ins Ziel, um mit ihm diesen großen Moment erleben zu können.

Foto: Privat

Konnte Axel Zachau am Ende bis zum Zielstadion nur noch gehen, so hatte er dort auf der Ehrenrunde so viel Adrenalin im Körper, dass er diese letzten 400 Meter wieder laufen konnte und glücklich und erschöpft ins Ziel kam.
Dabei sah unterwegs alles anders aus … Die ersten 60 km hatte er Hady V Lawalata, einen befreundeten Läufer an seiner Seite. Sie unterhielten sich und konnten sich gegenseitig sehr gut ablenken. V Lawalata selbst hat bereits verschiedenste Ultraläufe absolviert. Vor zwei Jahren musste er nach 80 km verletzungsbedingt ausscheiden. Da ihm dieses Jahr das Training fehlte, wollte er die „anderen“ 80 km laufen und dann aufhören. So hatte er nach 60 km ein anderes Ziel und ein anderes Tempo vor Augen.
Axel Zachau hatte sich überlegt, dass er den Weg, der in maximal 30 Stunden absolviert werden musste, vielleicht in unter 24 Stunden schaffen könnte. Daher versuchte er sein Tempo aufrecht zu halten.

War es zu Beginn die Innenstadt von Berlin, die durchlaufen wurde – vorbei am Checkpoint Charly und der East Side Gallery, so ging es immer wieder in Waldgebiete und am Fluss entlang. Man lief auf Läufer auf, lief etwas mit ihnen überein, unterhielt sich etwas, und lief wieder auseinander. Immer wieder wurde man von Passanten angesprochen, was man machen würde. Die Antwort von Axel Zachau sorgte für etwas Respekt und sehr viel Kopfschütteln. Und ja … ein bisschen wahnsinnig ist es bestimmt.

Axel Zachau hatte das Gefühl, dass er es heute, bzw. morgen schaffen könnte, die 24 Stundenmarke zu erlaufen. Nach 12 Stunden hatte er bereits 91 km hinter sich gelassen und einen Vorsprung erlaufen. Den Aufenthalt an den verschiedenen Versorgungspunkten hielt er kurz. 100 km und 13,5 Stunden … An diesem Versorgungspunkt zog er sich Stirnlampe und Warnweste an, da es nun in die Nacht lief. An die Ersatzbatterien für die Lampe dachte er nicht. Als ihm das auffiel war er bereits wieder weiter und wollte nicht wieder zurück. Keine zusätzlichen Schritte, war die Devise. Nach weiten 15 km, gegen 22 Uhr ging es in die Nacht und er musste die Lampe anmachen. Von da an gingen der eine Teil der Gedanken hauptsächlich darum, dass er nicht im Dunkeln stehen wollte. Der andere Teil rechnete jeden Kilometer nach, ob er die Zeitvorgabe noch schaffen könnte. Immer wieder in die Beine horchen, ob alles in Ordnung ist. Und versuchen sich über das Thema „Lust“ und „Schlaf“ keine Gedanken zu machen.

Um 1 Uhr in der Nacht erreichte er den Versorgungspunkt nach 130 k . Dort hatte er ein paar wärmende Sachen eingepackt und einen Laufrucksack, den er aufziehen konnte. Leider keine Batterien.
Er wurde immer langsamer und die Kilometer wurden immer länger. Die Euphorie darüber, die Marke geschafft zu haben, wich sehr schnell dem Gedanken, dass er so nicht unter 24 Stunden ins Ziel kommen kann.
Die Motivation wieder zu finden, war nicht unbedingt leichter. Und es ging weiter. Die 24 Stundenmarke erreichte er nach 151 km.

Um 7:30 Uhr endlich letzter Versorgungspunkt und159 km beendet. Selbst an diesem Punkt ging der Gedanke durch seinen Kopf … einfach hinsetzen und abholen lassen und aufhören. „Ich habe keine Lust mehr.“ Die Helfer konnten ihn aus dieser Spirale herausholen und auf die letzten Kilometer schicken.
Um 8:20 Uhr in einer Zeit von 26:19:54 lief er endlich durchs Ziel. Völlig erschöpft und mit nur noch einem Gedanken: „Wo ist mein Bett?“

Der Lauf 100 Meilen Berliner Mauerweg, der jedes Jahr seine Laufrichtung ändert, hat über den sportlichen Charakter auch noch einen sehr emotionalen. Es ist der 9. Lauf, der stattfindet – und es wird vermutlich niemanden geben können, der an allen Läufen, die noch stattfinden sollen, teilnehmen kann.
Einer Studie zufolge soll es 327 Todesopfer an der innerdeutschen Grenze gegeben haben. Jeder einzelne Lauf soll an diese Todesopfer erinnern. Und jeder einzelne Lauf soll an ein Opfer ganz speziell erinnern.
Dieses Jahr wurde der Lauf Dieter Berger aus Glienicke gewidmet. Sein Bild trugen die Läufer auf der Brust auf der Startnummer und erhielten es später auf der Medaille. Er war Maurer von Beruf und vermutlich nur versehentlich betrunken in das Grenzgebiet gekommen und wurde dort erschossen. Er war gerade einmal 24 Jahre alt.

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen und langsam schafft Axel Zachau es, die Eindrücke zu verarbeiten. Er hat bereits drei weitere Marathonläufe absolviert. Diese fanden auf den Süchtelner Höhen, im Düsseldorfer Südpark und in Burgwald beim Märchenmarathon statt. Der August hatte mit 701 km einen weiteren Rekord in seiner Laufkarriere in sich. Sein weiteres Ziel für dieses Jahr ist der Versuch, die 50 Marathonläufe in 2021 zu schaffen. (paz)