Weihnachten: Dem Christkind ein Stück näher

Eine literarische Erinnerung – Anfang Dezember war nach einigen frostigen Tagen aus dem Nieselregen meist schon längst Schnee geworden.
In den warmen, mit Kohleöfen geheizten Stuben, roch es nach Bratäpfeln mit Zimt.

Weihnachten – Die Vorweihnachtszeit kam mir unheimlich lang vor. Obwohl ich oft an meinem märchenhaften Adventkalender saß und mich in ihn hineinträumte. Es war ein dreiteiliger Kalender, der durch seine nach vorn geklappten Seiten, einen plastischen Eindruck des aufgemalten Weihnachtsmarktes, im dicken Schnee vermittelte. Silberflitter glitzerte im Schein der Kerzen unseres Adventkranzes, besser Adventtellers, auf dem vier Kerzen mit heißem Wachs geklebt und mit Tannenzweigen umkränzt waren. Jeden Tag ein neues Türchen öffnen zu können, das mich dem Christkind ein Stück näher brachte, erfüllte mich mit Freude.

Foto: Michal Jarmoluk

Dann war es endlich soweit. Mit meinem Vater suchte ich beim Gärtner den Christbaum aus, den wir dann auf den mitgebrachten Schlitten banden und ihn gemeinsam nach Hause zogen. Er wurde in einen gusseisernen Ständer geschraubt und bekam seinen Ehrenplatz auf der Kommode. Das pickende Ungetüm musste noch mehrmals gedreht werden, bis er dann schließlich mit schwarzem Bindfaden an den Bildernägeln in der Wand fixiert wurde, um ihn einigermaßen gerade aussehen zu lassen.
„Wenn er geschmückt ist, fällt das gar nicht mehr auf.“ Diesen Satz konnte man jedes Jahr hören.
Meine Aufgabe war es, die darunter aufgestellte Krippe zu bestücken. Das Jesuskind mit Maria, Josef, Ochs und Esel in die Mitte war klar, aber dann wurde es sonderbar. Die drei hl. Könige marschierten durch die sandige Wüste an einem Ententeich vorbei. Die Hirten und Schafe lagerten auf einem selbst gehäkelten Teppich. Hinter einer Papptanne lugte ein Hirsch mit großem Geweih hervor. War diese Landschaft gestaltet, wurde es langsam Zeit sich für den Hl. Abend selbst herzurichten.
Bei dem sich anschließenden Weihnachtsspaziergang, stapften mein Vater und ich durch den knirschenden Schnee. Eine klare, kalte Luft mahnte uns zu einem strammen Schritt. Doch hin und wieder zeigte mein Vater auf die leuchtenden Sterne am Himmel. „Sieh nur den großen hellen Stern, das ist der Nordstern“ und „Über dem Haus dort drüben, erkennst du mit einer langen Deichsel den Wagen“. Das war wohl interessant, aber in den Häusern an unserem Weg wurde hier und da schon zur Bescherung gesungen und hinter den Gardinen blitzten die Lichter vom Christbaum. Das hieß für mich: hier war das Christkind schon! Alsdann wurden meine Schritte immer schneller. Aber mein Vater hatte wohl vom „Christkind“ eine Zeitvorgabe erhalten und ließ sich immer etwas Neues einfallen, um mich zurück zu halten. Doch dann wurde auch er machtlos. Vor unserem Haus angekommen gab es für ihn ein Zeichen am Fenster, von dem ich jedoch nichts wusste. Kräftig wurde dann noch einmal gesungen:

„Christkindelein, Christkindelein,
was bleibst du lange aus?
Wann kommst du denn, wann kommst du denn
in unser, unser Haus?“

Endlich klingelte das helle Glöckchen zum dritten Mal und die Tür zum Wohnzimmer öffnete sich …
Strahlend im flackernden Kerzenlicht mit zischenden, spritzenden Wunderkerzen stand er da, der Weihnachtsbaum, geschmückt mit flitterndem Lametta, glänzenden bunten Kugeln und Zuckerringen. Die ganze Pracht war überspannt mit weißem Engelhaar.
Daneben stand meine Mutter in einem langen schwarzen Kleid, mit einem Medaillon an einem Samtband um den Hals. Sie sah aus wie eine Königin!
Ihr war nicht mehr die Hektik anzumerken, mit der sie in einer Stunde den Baum schmückte, das Zimmer aufräumte, das Essen richtete, die bunten Teller füllte, sich ankleidete, die Geschenke ausbreitete und für die nötige Stimmung sorgte. Überwältigt von dem beeindruckenden Augenblick standen wir stumm da, bis mein Vater das Lied anstimmte: „Stille Nacht, Heilige Nacht …“
Die ergreifende Stimmung brachte jedem einen „Klos“ in den Hals und manchmal rollte eine Träne über die Backe vor Glück und Zufriedenheit.
Im Schein der Kerzen beäugte ich meine Geschenke. Es war einfach wundervoll: so viele neue Sachen zum Spielen und zum Anziehen. Neben einem Kochherd aus leichtem Blech mit passenden Töpfen, der mit weißen Stückchen, die mit Spiritus getränkt waren, befeuert wurde, stand ein Korb-Puppenwagen mit einer Babypuppe. Sie sollte, meine Lieblingspuppe werden. Aufgefallen war mir jedoch, dass das Christkind meine Eltern ein wenig benachteiligt hatte. Mein Vater freute sich an diesem Weihnachten über ein Paar neue Hausschuhe und eine rote Schachtel „Over stolz“-Zigaretten und meine Mutter hatte eine Rundbürste für ihr Haar bekommen, ach, und einen roten Schal, den sie noch viele Jahre getragen hat.
Jetzt musste aber aufgepasst werden! Die Wachskerzen am Weihnachtsbaum fingen an sich zu biegen. Nach einem Sprung, über die Geschenke, blies mein Vater die gefährlichen Lichter aus. Im Hintergrund sangen Kinderchöre die schönsten Weihnachtslieder, ein wenig krächzend, aus dem alten Radio und meine Mutter rief zum Festtagsmahl: Kartoffelsalat mit Würstchen.

Aus: Jutta Jansen, Oh du fröhliche Nachkriegszeit (Ein humorvoller Zeitspiegel aus der Sicht eines „Nachkriegs-Kindes“)
ISBN 978-3-940063-75-5, Taschenbuch, 14,8 x 21 cm, 108 Seiten, 8,95 €, Kater Literaturverlag