Weihnachten: Drinnen erzählt der Vater vom Nikolaus …

Eine literarische Erinnerung – Während des dunklen, nassen Herbstes freute man sich immer auf das Nachhausekommen in eine wohlig warme Stube. Der braun glänzende Majolikaofen mit seinem silbernen hochragenden Ofenrohr wurde durch die gute Befeuerung mit Anthrazitkohle zu einem glühenden Objekt.

Weihnachten – Oft wurde es dann so warm, dass meine Mutter die Fenster öffnete und zufrieden lächelnd uns den frischen Sauerstoff anpries. Mein Vater bemerkte dann nur im Hinblick auf den Deputatbrand: „Du kannst feuern, soviel du willst, draußen wird es doch nicht wärmer.“
Wenn es dann noch heftig stürmte, erinnere ich mich an den Anfang eines Gedichtes:

„Die Winde wehen um das Haus,
drinnen erzählt der Vater vom Nikolaus …“

Bald war es auch soweit. Die ersten Schneeflocken fielen oft schon zu Allerheiligen. Dann flackerte ein Meer von roten Lämpchen auf den schneebedeckten Gräbern unseres kleinen Friedhofes. Es war nicht nur wunderschön anzusehen, sondern man spürte, dass noch eine innige Bindung zu den Verstorbenen bestand.

Foto: Igor Ovsyannykov

Die Adventzeit kam mir später nie mehr so lang vor, wie in jenen Jahren. Dieses Warten auf das Christkind war manchmal unerträglich. Besonders wenn mein Vater erzählte, dass er unterwegs Englein hat fliegen sehen. Der Beweis baumelte kurz darauf in Schokoladenform an einem Tannenzweig im Schlüsselloch des verschlossenen Zimmers. Voller Spannung beobachtete ich immer wieder den Sternenhimmel.
Dabei stellten sich mir Fragen über Fragen: Warum ist die Sichel des Mondes mal links und mal rechts herum und wie kann er plötzlich ganz rund sein. Wie entsteht eigentlich Winter und Sommer, woher kommen die Wolken …? Wenn meine Freundinnen Gutenachtgeschichten vorgelesen bekamen und darauf sicher bald einschliefen, dann wurde es bei mir interessant. Mit Apfel und Apfelsine, die in kreisenden Bewegungen um den Kopf meines Vaters geführt wurden, erklärte er mir die Funktionen im Weltall und als ehemaliger Jagdflieger vermittelte er mir genauso verständlich Kenntnisse der Thermik.
Das Fliegen des Nikolaus mit seinem Schlitten und den begleitenden Englein bedurften einer höheren Macht und brauchten keine Erklärung. Am Abend vor Weihnachten jedoch gab es beim Zubettgehen ein herrliches Gedicht:

„Die Nacht vor dem hl. Abend,
da liegen die Kinder im Traum.
Sie träumen von schönen Sachen und von dem Weihnachtsbaum.
Und während sie liegen und schlafen,
da wird es am Himmel klar
und zwei Englein tragen das Christkind – wunderbar.“

Beim Erwachen am nächsten Morgen das beglückende Gefühl: heute ist Heiligabend, heute kommt das Christkind – endlich!
Nachdem wir uns alle fein gemacht hatten und mein Vater und ich warm angezogen beim Weihnachtspaziergang durch den Schnee gestapft sind, kamen wir mit roten Nasen und immer schneller werdenden Schritten nach Hause. Voller Aufregung entdeckte ich durch den Gardinenspalt den glitzernden Weihnachtsbaum.
Während ein Kinderchor seine Lieder im Radio sang, klingelte das Bescherungsglöckchen. Beim dritten Mal öffnete sich die Wohnzimmertür und die gesamte Pracht ergoss sich vor unseren Augen. – Und was war das? Ich konnte es kaum glauben. An die Kommode gelehnt, blitzten im Kerzenschein die silbernen Speichen eines hellblauen Fahrrades. Noch am selben Abend durfte ich es auf der Straße mit ihrer festgefahrenen Schneedecke ausprobieren. Als ich jedoch selber merkte, dass dieses eine rutschige Angelegenheit war, habe ich auf eine längere Probefahrt verzichtet. In diesem Winter musste ich noch eine ganze Weile auf eine freie Straße warten.

Stattdessen konnte der neue Holzschlitten richtig eingeweiht werden. Hinter unserem Haus erstreckte sich ein bewaldeter Hügel, der sich zum Rodeln ideal eignete. Kinder aus der Nachbarschaft und einige aus dem Dorf hatten schon eine große Bahn angelegt und sausten einzeln oder zu mehreren, sitzend oder bäuchlings liegend den Hang hinab. Ein Gekreische und Gejohle begleiteten die rasanten Abfahrten.
Ein wenig ängstlich bestieg ich meinen Schlitten und hielt mich krampfhaft an den vorderen Holmen fest. Mein Vater beruhigte mich: „Ich bin doch dabei und muss ja lenken.“ So setzte er sich hinter mich und gab mir damit die nötige Sicherheit. Dann ging’s los. Erst langsam, dann immer schneller über lustige Buckel und – krach! Da brach mein Vater auf den Endstücken der Holzlatten sitzend mit diesen ab und ich sauste mit hoher Geschwindigkeit allein die gesamte Bahn hinab, bis ich in einem mit Pulverschnee gefüllten Graben verschwand. Hilfreiche Hände buddelten mich sogleich aus und an ihren erschrockenen Minen merkte ich, dass das nicht ganz ungefährlich war. Damit war dann für uns der Rodelspaß zu Ende und wir bauten lieber einen riesigen Schneemann in unserem Garten.

Aus: Jutta Jansen, Oh du fröhliche Nachkriegszeit (Ein humorvoller Zeitspiegel aus der Sicht eines „Nachkriegs-Kindes“)
ISBN 978-3-940063-75-5, Taschenbuch, 14,8 x 21 cm, 108 Seiten, 8,95 €, Kater Literaturverlag

Ein Kommentar

Kommentare sind geschlossen.