Wenn die Apotheke an der Ecke plötzlich fehlt

Mit dem Rollator hat die 84-Jährige den Weg von der Berliner Höhe bis an die Gladbacher Straße gemeistert, steht nun entsetzt und hilflos vor der geschlossenen Türe der Bebericher Apotheke. Ein Nachfolger hat sich nicht gefunden, die nächsten Apotheken liegen an der Hauptstraße und Großen Bruchstraße.

Foto: Nadja Becker

Viersen – „Für mich und viele ältere Senioren ist der Weg in die Innenstadt zu weit. Wir sind nicht mehr mobil und meine Tochter wohnt nicht in Viersen“, sagt Hildegard B. während wir sie ein Stück auf ihrem Weg zur Bebericher Höhe begleiten. „Sie wird mir jetzt meine Medikamente mit der Post schicken lassen. Was soll ich sonst tun. Vor 50 Jahren gab es im Umkreis vieles fußläufig: Eine Bäckerei, eine Sparkasse mit Service. Heute hat sich alles geändert.“ Gerne würde sie den örtlichen Handel unterstützen, aber bis in die Stadtmitte hinein: „Das schaffe ich einfach nicht mehr und ich bin nicht alleine. Viele hier haben dasselbe Problem.“

Bei Schnupfen oder Heiserkeit mal schnell um die Apotheke an der Ecke, das geht nun nicht mehr. Dabei ist die Bebericher Apotheke kein Einzelfall. Nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums ist die Zahl der Apotheken bundesweit von 21.548 (2009) auf 19.880 (2017) gesunken und monatlich schließen weitere. Dabei hat NRW noch die größte Dichte an Apotheken zu verzeichnen. 2016 waren 4.280 zu verzeichnen – auch hier ist die Anzahl kontinuierlich. Aktuell reiche die Apothekendichte laut aktuellen Studien der Krankenkassen noch aus, doch bereits jetzt fallen die ersten Kunden durchs Raster. Ein Faktor, der die Schließungen begünstigt ist der steigende Anteil im online Versand von Medikamenten. Mit den meist ähnlichen oder günstigeren Preisen fällt jedoch auch die fachkundige Beratung und damit auch die Prüfung von Arzneimittel-Neben- und Wechselwirkungen oder fehlerhafter Dosierung weg. Gehälter, Mieten vor Ort – unterstützt wird durch diese Bestellung nicht mehr der Nachbar vor Ort, sondern ein großer Konzern irgendwo auf der Welt.

Besonders bedrohlich zeigt sich die wirtschaftliche Lage in kleinen und mittleren Städten, die bereits für 47 % aller Apotheken als schlecht anzusehen ist. 5.200 (von 7.600) von diesen Apotheken mit kleineren Einzugsgebieten sind von einer Schließung bedroht. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich häufig kein Nachfolger findet, der das Geschäft übernehmen möchte und so ist es spätestens bei Erreichen der Altersgrenze vorbei mit der Apotheke um die Ecke. Mittlerweile weist der Apothekerberuf einen starken Engpass auf dem Fachkräftemarkt auf, wurde bereits 2016 von der Bundesagentur für Arbeit als sogenannter Mangelberuf eingestuft. Zahlen, die Hildegard B. nicht interessieren. Sie gehört zu den aktuell rund 17,51 Millionen Menschen in Deutschland, die über 65 Jahre und älter sind (2060 werden es 34 % sein). Viele von ihnen werden ebenso wie Hildegard B. vor der geschlossenen Türe einer Apotheke irgendwo in Deutschland stehen. Umso wichtige ist es, dem Apotheker an der Ecke die Treue zu halten bevor der schnelle Klick am Rechner erfolgt. Damit auch 2060 die Apotheke an der Ecke noch eine Überlebenschance und einen Nachfolger hat. (nb)