Zu Gast bei Wolfgang Bosbach: „Es gibt eine Sehnsucht nach einer klaren Meinung.“

Wolfgang Bosbach ist ein „Urgestein“ in der deutschen Politik. Sein Rückzug aus dem Bundestag hat daran wenig geändert. Auch weiterhin sind seine Meinung und seine Erfahrung über Parteigrenzen hinaus gefragt. „Ein Wort – ein Bosbach“ – wenn er sich eine Meinung zu einer Sachfrage gebildet hat, dann bedarf es schon vieler guter Argumente, ihn nochmals zu einer anderen Aussage zu bewegen.

Impuls – Wolfgang #Bosbach ist dafür bekannt, dass er seine Standpunkte nicht leichtfertig auswählt. Und ist er nach umfangreicher Recherche erst einmal zu einer Meinung gekommen, dann steht er auch dazu – ohne Wenn und Aber. Für diese Klarheit bewundern ihn viele Menschen. Durch diese Klarheit eckt er aber bis heute auch ab und zu an. „Ich posaune meine Meinung nicht heraus, – aber wer mich danach fragt, der muss auch damit rechnen, dass ich ihm meinen Standpunkt sage und ihn auch behalte“, sagt er. Wolfgang Bosbach – weise, aber kein bisschen leise. „Gott sei Dank“, denken viele. Meike Jänsch durfte mit dem CDU-Politiker sprechen – im wunderschönen (Winter-)Garten des Hotels Malerwinkel in Bensberg. Hier fühlt sich Bosbach mittlerweile ein wenig zu Hause.

Herr Bosbach, wie geht es Ihnen?
Den Umständen entsprechend gut, aber ich hätte gerne, wie Millionen andere auch, mein altes Leben zurück.
Meinen Sie das wegen der Corona-Pandemie oder im Allgemeinen?
Nein, seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich mein Leben schon radikal verändert. Es gab drei Phasen. In der ersten Phase habe ich gedacht: „Gut, alle Veranstaltungen werden abgesagt, jetzt hast du mal Zeit, deine Schreibtische aufzuräumen“. Ich habe dann in der Parteizentrale, in der Kanzlei und zu Hause alles abgearbeitet. Als die Schreibtische blank waren, kam die zweite Phase. Da habe ich mir gedacht: „Oh, Überraschung, jetzt hast du seit vielen Jahrzehnten wieder Freizeit.“ Jetzt bin ich mitten in der dritten Phase: Mir machte mein traditionelles Leben, obwohl es sehr anstrengend war, so sehr Spaß, dass ich das gerne wieder zurückhätte.

Foto: KKV/Conversio-PR – Soest

Wie hat sich Ihr Alltag in den letzten Jahren geändert?
Nachdem ich nach 23 Jahren aus dem Bundestag ausgeschieden bin, hatte ich das Gefühl: „Jetzt gehen die Einladungen merklich zurück. Jetzt kannst du dich mehr mit anderen Dingen beschäftigen oder auch mehr mit der Familie machen.“ Aber weit gefehlt. Es waren früher zwischen 5.000–6.000 Einladungen jährlich. Das hat sich jetzt halbiert, aber ich habe immer noch wesentlich mehr Einladungen als das Jahr Tage hat. Ich bin also nach wie vor fast jeden Tag bundesweit im Einsatz. Was ich jetzt allerdings gemerkt habe, ist, dass mir die Unterstützung durch ein Büro fehlt. Ich habe jetzt erst gemerkt, was mir meine Büroleiterin Frau Sittig alles an Arbeit abgenommen hat. Flüge buchen, Züge buchen, Hotels buchen, Mietwagen buchen und das alles so, dass es reibungslos funktioniert. Das hat meine Büroleiterin über die Jahre perfekt gemacht und jetzt sehe ich erst, was für eine Arbeit dahintersteckt.

Wie würden Sie Ihre Rolle heute definieren?
Ich bin ein klassischer politischer Pensionär, der nach wie vor hoch interessiert ist. Ich mische mich nicht ungefragt ein, aber wenn ich um einen Rat oder um Hilfe gebeten werde, tue ich das gerne und sofort. Ich habe jetzt zwei Jahre lang die Sicherheitskommission des Landes Nordrhein-Westfalen geleitet. Das war eine ehrenamtliche Aufgabe, die auch mit viel Arbeit und viel Zeitaufwand verbunden war. Aber ich habe es gerne gemacht und als Armin Laschet mich gefragt hat, ob ich dazu bereit wäre, habe ich keine Minute gezögert. Ich habe nur gesagt, dass das erst im Anschluss an meine Tätigkeit im Deutschen Bundestag ginge. Mein Terminkalender hat sich, bis die Corona-Pandemie kam, von alleine wieder gefüllt.

Wenn man Sie beobachtet, dann beeindrucken Sie in Ihrer Klarheit in Meinung, Sprache etc. Wie entwickeln Sie diese Klarheit?
Bevor ich mich äußere, beschäftige ich mich intensiv mit den Sachverhalten. Ich wäge die Argumente ab, bilde mir eine Meinung und bei der bleibe ich dann auch. Mich muss man am nächsten Tag nicht anrufen und nachfragen, ob das immer noch meine Meinung sei. Ich mache mir die Gedanken vorher. Ich habe auch viele Anfragen, bei denen ich sage: „Das ist ein interessantes und spannendes Thema, aber es ist nicht mein Thema.“ Ich möchte mich nur zu Dingen äußern, bei denen ich nicht nur meine eigene Meinung habe, sondern auch Ahnung.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Leute es akzeptieren, wenn man eine Meinung einnimmt, auch wenn sie diese Meinung nicht teilen. Ich habe schon manche getroffen, die zu mir gesagt haben: „Ich habe bei diesem oder bei jenem Thema eine andere Meinung als Sie, aber ich finde es gut, dass Sie bei Ihrer Überzeugung bleiben.“ Es gibt eine Sehnsucht nach einer klaren Meinung. Es gibt in der Politik zu viele, die sich zwar mit einem Thema auskennen, aber immer mit „einerseits, andererseits“ kommen. Und wenn man sie dann fragt: „Was ist denn deine Meinung?“, dann sagen sie: „Ja, das kann man so oder so sehen.“ Politik ist keine Mathematik. Der eine sieht das so, der andere anders. Unterschiedliche Meinungen ringen miteinander. Die Leute wollen aber wissen, wer jetzt für welche Meinung steht.

Waren Sie schon immer so gradlinig? Eine eigene Meinung zu vertreten braucht Mut. Woher nehmen Sie diesen und warum fehlt er vielen Menschen / Politikern heute?
Wir wollen gerne unangreifbar sein. Als Politiker wissen wir, dass wir es nicht allen recht machen können. Deswegen versuchen wir immer so zu formulieren, dass wir sagen können: „Ja, aber das habe ich doch sagen wollen.“ Oder „Das steckt doch auch in dieser Aussage drin.“ Jeder, auch der Politiker, will gemocht werden. Und in Wahlkampfzeiten möchte man am Wahltag gewählt werden. Man möchte keine Gegnerschaft und keinen Widerstand haben. Deswegen gibt es oft windelweiche Formulierungen und damit unterschätzen wir die Wählerinnen und Wähler. Die bekommen sehr genau mit, ob jemand eine klare Haltung vertritt oder ob er mal so oder mal so argumentiert.

Foto: KKV/Conversio-PR – Soest

Sie haben davon geredet, dass die Menschen sich nach Klarheit sehnen. Manche würden auch von Vorbildern oder Führung reden. Jetzt ist das Wort Führung in dem Zusammenhang etwas verpönt in Deutschland.
Ich weiß, was Sie meinen. Ich würde eher von Orientierung reden. Ich möchte auch nicht, dass man der politischen Führung wie Schäfchen hinterhertrottet, nach dem Motto: „Der Schäfer wird schon wissen, was richtig ist“, sondern man muss auch mitdenken und Einfluss auf den Weg nehmen.

Aber eine Orientierung, eine Begründung, hilft mir dabei, dass ich mich so entscheide, wie ich mich entscheide. Ich habe auch den Eindruck, uns gehen so ein bisschen die Typen verloren.

Werden die Politiker beliebiger?
Das ist ein bisschen hart. Ich würde „austauschbarer“ sagen. Wenn Sie heute in der Politik Sätze hören, können Sie nicht sagen, ob die von der CDU, der SPD, der FDP oder von den Grünen kommen, weil es sehr schwer ist, die Parteien programmatisch zu unterscheiden. Wir müssen aber auch darauf aufpassen, dass wir nicht jeden sofort in die Tonne treten, der mal was raushaut. Das ist nämlich ein gesellschaftliches Phänomen. Wir dürfen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Wenn man sich auf YouTube alte Filme anschaut über Fußballer und was die nach dem Spiel, noch verschwitzt, rausgehauen haben, über den Schiedsrichter, die Mitspieler und so weiter, dann denkt man sich: „Um Gottes Willen!“ Heute, nachdem die geduscht und mit ihrem Medienberater gesprochen haben, sind die Aussagen derart geschliffen, dass sich keiner angegriffen fühlen kann.

Wie gehen Sie mit Kritik um? Gibt es da einen Unterschied zwischen dem Politiker und dem Menschen Bosbach?
Ich habe gemerkt, dass ich im Laufe der Zeit dünnhäutiger geworden bin. Ich kenne aber auch genug Leute, die im Laufe der Zeit dann dickhäutiger wurden und immer sagen: „Einfach ignorieren! Einfach löschen!“

Und der Ton ist härter geworden: Mit einer sachlichen Kritik kann ich wirklich gut umgehen, aber wenn einer nicht mit dem Hämmerchen kommt, sondern direkt den Vorschlaghammer nimmt, dann gebe ich auch in der gleichen Tonlage zurück. Das ist mitunter auch ganz lustig: Man wird unsäglich angemacht, schlägt in gleicher Weise zurück und dann kommt die Antwort: „Ja, so können Sie aber nicht mit mir umgehen.“ Als wenn wir Politiker Fußabtreter wären, an denen jeder mal seinen Frust loswerden kann. Bei Drohungen, auch gegen die Familie, hört der Spaß auf. Dann wird auch eine Strafanzeige gestellt. Irgendwann muss mal Schluss sein!

Sehen Sie auch die Neuen Medien ein Stück weit in der Mitverantwortung für dieses Verhalten?
Ja, eindeutig. Reaktionen sind nichts Neues. Die hat es schon immer gegeben. Aber der Unterschied ist: Sie sehen eine Talkshow und ärgern sich. Früher haben Sie Briefpapier gesucht. Das Papier wurde in eine Schreibmaschine gespannt, der Brief wurde angefangen. Dann hatte man keine Briefmarke da. Dann blieb der Brief liegen. Am nächsten Tag wurde der Brief fertig geschrieben. Dann hat es geregnet. Man ging nicht zum Briefkasten. Dann blieb der Brief noch einmal liegen.

Heute sehe ich um wie viel Uhr die E-Mails abgeschickt worden sind. Da hat man innerhalb von zwei Stunden in der Nacht 50 – 100 Zuschriften und dann geht es sofort um Zustimmung und Kritik. Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob Sie jemandem gegenübersitzen oder ob Sie, vielleicht auch handschriftlich, einen Brief schreiben. Oder ob Sie etwas in den PC hauen, versehen mit „Dagobert84“, und dann absenden. Ich finde, auch diese Anonymisierung und Pseudonymisierung im Internet ist alles andere als ein Segen. Warum soll sich jemand hinter einer Maske verstecken? Er soll seinen Namen sagen, seine Adresse nennen, damit ich überhaupt weiß, mit wem ich es zu tun habe.
Wir leben nicht in einem diktatorischen Regime, in dem man Angst haben muss, dass man in dunklen Gefängnissen verschwindet, sobald man eine Aussage macht.

Was meinen Sie? Wie viel ist im Leben Schicksal und wie viel ist steuerbar?
Das meiste ist nicht steuerbar. Das fängt schon mit der Geburt an. Ich kann mir die Freunde aussuchen, aber nicht die Familie, in die ich geboren werde. Da haben meine Schwester und ich so unendlich großes Glück, dafür kann man nur dankbar sein. Für das, was uns Eltern und Lehrer mit auf den Weg geben, muss man dankbar sein. Wie will man das beeinflussen? Ein Teil ist sicherlich genetisch bedingt, aber ein großer Teil ist auch anerzogen. Auch wenn der Vergleich ein bisschen schräg ist: im Fußball fallen viele Tore auch durch Zufall. Da springt der eine Ball von der Unterkante der Latte ins Tor und der andere springt wieder raus. Das ist auch Zufall. Natürlich lässt sich der Spieler dann als Torschütze feiern, aber es ist nicht herausgespielt worden, als Ergebnis von Trainingsfleiß, sondern ist zufällig entstanden.

Können Sie diese Zufälle gut annehmen oder haben Sie lieber die Kontrolle?
Mit gutem Ergebnis ja, mit schlechtem nicht. Also ich habe schon lieber die Kontrolle. Ich bin jedenfalls nicht sehr emotional unterwegs. Ich lenke lieber und versuche das Ergebnis zu beeinflussen.

Was ist für Sie Glück?
Es gibt ein wunderschönes kleines Lied vom Kabarettisten Lars Reichow mit dem Titel „Glück“. In diesem Lied ist alles als Glück bezeichnet, was ich auch so bezeichnen würde. Es sind die kleinen Dinge des Lebens. Natürlich auch Kinder. Ein Leben ohne Kinder hätte ich mir nicht vorstellen können. Es war für mich vollkommen klar, dass ich nicht nur ein Kind, sondern viele Kinder haben möchte. Von meinen drei Töchtern wohnt zwar keine mehr zu Hause, aber wenn man zu mir sagt: „Du hast drei erwachsene Töchter“, sage ich „Nein, volljährig.“ Da würde ich schon einen Unterschied machen. Es bleiben meine Kinder. Kinder zu haben, und so drei tolle Kinder, auf die jeder Papa stolz ist, das ist Glück. Ansonsten sind es die kleinen Dinge des Lebens.

Wie wichtig ist Ihnen, trotz Ihres ganzen Wissens, Ihr Bauchgefühl? Verlassen Sie sich darauf?
Ich habe ein Bauchgefühl, aber verlassen würde ich mich darauf nicht. Wenn ich die Wahl habe zwischen Kopf und Bauch, nehme ich immer den Kopf. Der Lieblingssatz meiner Mutter war: „Schlaf doch nochmal eine Nacht drüber.“ Da ist viel Wahres dran.

Sind Sie religiös?
Nicht in dem Sinne von besonders fromm. Da bin ich eher rheinischer Katholik: Hier unten so leben, dass man oben noch reinkommt. Ich bin nicht besonders fromm, aber ein gläubiger Mensch.

Ist Glauben für Sie auch wichtig?
Ja, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die der Mensch nicht erforschen kann. Wir sind auf Gottes Fügung angewiesen. Wir können zwar versuchen, unser Leben selbst zu gestalten, aber von Geburt bis zum Tod sind wir in Gottes Hand. Das ist meine feste Überzeugung.

Sprechen Sie mit Gott?
Ja. Ich gehe regelmäßig in unsere kleine Dorfkirche. Es ist eine ganz kleine Dorfkirche bei Bergisch Gladbach – Herrenstrunden. Ich bin auch sehr froh, dass die selbst in Corona-Zeiten nie geschlossen war. Es gibt zwar kein Weihwasser und keine Gebetbücher, aber ansonsten kann man bis 17 Uhr die Kirche besuchen. Ich habe ein gutes Verhältnis zum lieben Gott und ich hoffe, er auch zu mir. In der Kirche habe ich Ruhe und nehme mir auch die Zeit, zu Gott zu beten und mit Gott zu sprechen. Das bedeutet mir auch viel, vielleicht weil es dann gerade so eine intime Atmosphäre ist.

Wie sehen Sie die Institution Kirche?
Leider zunehmend kritisch. Ich kann das an einem guten Beispiel deutlich machen: Einer meiner besten Freunde ist vor einigen Monaten aus der Kirche ausgetreten. Davon war ich völlig überrascht, weil er auch regelmäßig in den Gottesdienst gegangen ist. Er war für mich immer ein gläubiger Katholik. Ich habe ihn gefragt, ob die Entscheidung für ihn richtig war und er hat mir gesagt: „Ja, es hat mich noch nicht einmal wer gefragt, warum ich aus der Kirche ausgetreten bin.“ Er stammt aus einer Familie, die in der Kirchengemeinde verankert war und von dieser Gemeinde hat ihn niemand gefragt: „Warum bist du eigentlich aus der Kirche ausgetreten?“

Ich persönlich käme nicht auf den Gedanken auszutreten. Ich bin ein katholischer Christ und wenn die Beziehung zur Institution Kirche schwieriger wird, ändert das nichts an meiner religiösen Überzeugung. Aber, wenn ich zum Beispiel bei einer Predigt das Problem habe, es ginge mehr um die Politik als um den Glauben, dann habe ich damit ein Problem. Dann gehe ich nach Hause. Ich habe von morgens bis abends mit Politik zu tun. Wenn ich in die Kirche gehe, will ich nicht auch noch politisch belehrt werden.

Hat die Kirche den Kontakt zu den Menschen verloren?
Ein anderes Beispiel, für Dinge, die, wie ich finde, eigentlich nicht gehen: Ich wollte mit meiner Tochter eine Kirche besuchen.
Eine schöne, kleine Dorfkirche –, nur um sie mir anzuschauen. Wir bekamen die Antwort: „Nein, das geht nicht. Wir machen gleich zu.“ Es heißt nicht: „Entschuldigung, aber halten Sie sich bitte nicht lange auf, die Kirche ist nur bis 19 Uhr geöffnet.“ Es heißt: „Nein, wir machen hier gleich zu. Das geht jetzt nicht.“ Dann hat er mich erkannt. „Ja, gut, aber nur ein paar Minuten“, hieß es dann. Das geht auch nicht. Wenn jemand Interesse an einem Gotteshaus zeigt, würde ich doch nicht auf die Uhr gucken. Fünf Minuten, zehn Minuten und nach einer Viertelstunde würde ich sagen: „Seien Sie mir bitte nicht böse, aber ich muss die Kirche jetzt abschließen.“ Aber wenn es heißt, die Kirche ist bis 19 Uhr geöffnet und um Punkt 19 Uhr lasse ich keinen mehr rein, der nur einmal gucken will, habe ich ein Problem damit.

Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber die vermitteln auch immer einen Eindruck von Kirche. Zumal die Leute, die in den Gottesdienst gehen, nicht mehr werden. Nur bei der „Jahreshauptversammlung“, an Heiligabend, ist die Kirche voll.

Wenn ich Kirche wäre, würde ich zuerst damit anfangen, mit jedem, der aus der Kirche austreten will, ein Gespräch zu führen. Jetzt nicht gleich den Bischof beauftragen, sondern eher den Ortspfarrer und sagen: „Der ist aus der Kirche ausgetreten. Sprich doch mal mit ihm. Ruf ihn mal an.“ Man wird nicht alle zurückgewinnen können, aber einen Teil schon. Davon bin ich fest überzeugt. Für viele ist es auch ein Ruf: „Ey Leute, ich bin mit euch unzufrieden.“ Die Kirche verweist dann darauf, dass die Austritte mit den Missbrauchsfällen zusammenhängen. Das glaube ich auch, aber das ist nicht der einzige Grund.

Da muss die Kirche auf die Leute zugehen. Zumal sie dann einen Grund hat, und nicht den Leuten auf den Nerv geht, wenn man fragt: „Es tut uns unendlich leid, dass Sie aus unserer Glaubensgemeinschaft ausgetreten sind, aber dürfen wir den Grund erfahren?“ Da wird der eine sagen, dass er die Kirchensteuer sparen muss. Der andere nennt die Missbrauchsfälle und ist enttäuscht von der mangelhaften Aufarbeitung der Kirche. Wiederum andere haben ganz andere Gründe. Es wäre für mich doch wichtig zu wissen, warum mir wer von der Fahne geht.

Finden Sie, dass die kirchlichen Werte heutzutage in der Gesellschaft ein Stück weit fehlen?

Man findet beides. Man findet überragende Beispiele der Nächstenliebe – etwa in der Flüchtlingspolitik. Ohne das ehrenamtliche Engagement, auch der Kirchengemeinden, wäre der Staat vollkommen überfordert gewesen. Was in den Jahren 2015 und 2016 geleistet worden ist, ist wirklich hervorragend.

Ansonsten muss ich leider feststellen, dass die Bindungswirkung in modernen Gesellschaften nachlässt. Ich habe auch das Gefühl, vielleicht ist es aber nur ein Vorurteil, dass das in Großstädten schneller passiert, da im ländlichen Raum das Miteinander, etwa durch das Vereinsleben, einen höheren Stellenwert hat. In großstädtischen Gebieten gibt es eher eine Individualisierung.

Glauben Sie, dass Corona die Gesellschaft verändert?
Not schweißt zusammen und bringt die guten Seiten von uns Menschen zum Vorschein. Aber auch die Corona-Pandemie wird irgendwann vorbeigehen und ich teile nicht den Satz: „Nach Corona wird alles anders sein als vor Corona.“ Den habe ich schon zu häufig gehört. Den gab es nach dem 11. September 2001 so auch. Manches wird anders sein, aber vieles wird so sein wie zuvor.

Wie motivieren Sie junge Menschen sich für dieses Land, für ihre Mitmenschen zu engagieren?
Wir diskutieren zurzeit über ein verbindliches soziales Jahr. Das ist eines der spannendsten Themen. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt und jetzt soll das Freiwillige Soziale Jahr verbindlich werden. Ich sehe das aus rechtlichen und praktischen Gründen sehr kritisch. Aber nehmen Sie zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz: Die haben dreimal mehr Nachfragen als Plätze. Es gibt also in der jungen Generation einen sehr starken Wunsch danach, sich für eine bestimmte Zeit sozial, ökologisch oder karitativ zu engagieren. Wir sprechen im Moment nur über „freiwillig“ oder „verpflichtend“.

Es gäbe aber noch eine Alternative: Einen Rechtsanspruch auf einen solchen Platz. Wir zwingen niemanden, ein solches Jahr zu machen, aber wer sich bereit erklärt, sich für das öffentliche Wohl einzusetzen, dem garantieren wir dann einen Platz. Ob es der Wunschplatz sein wird, ist eine andere Frage, aber wir garantieren einen Platz. Es ist schade, dass darüber momentan nicht diskutiert wird. Ich glaube, dass gerade junge Menschen sich schnell für eine gute Sache begeistern lassen. Ich erlebe es selbst in der politischen Jugendarbeit, wie schwer das ist. Ich bin in der Jungen Union groß geworden und bin über Jahrzehnte am Ball geblieben. Das wird immer weniger. Ich merke das bei meinen drei Töchtern: Nur eine meiner Töchter ist dabeigeblieben, die anderen nicht. Sie macht das auch nicht, weil ich sie dazu zwinge, sondern weil sie es gerne macht. Die beiden anderen sagen: „Papa, für ein bestimmtes Ziel sind wir gerne dabei, aber nicht auf Dauer.“ Es gilt dabei der Satz von John F. Kennedy: „Frage dich nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“ Gerade junge Menschen sind sehr begeisterungsfähig, wenn sie einen Sinn erkennen und das, was sie tun, für notwendig erachten und sie glauben, davon selbst zu profitieren.

Ich kann jedem Arbeitgeber nur empfehlen, bei Bewerbungen auch darauf zu achten, wie sich die Bewerber auch außerhalb der Ausbildung engagiert haben. Ob im Sportverein, beim THW, beim Roten Kreuz, ist erst mal egal. Es geht um das gesellschaftliche Interesse.

Ein Freund von mir hat sich um eine Führungsstelle in den USA beworben. Er war bei einem großen, amerikanischen Unternehmen beschäftigt und wollte Karriere machen und musste deswegen auch in Amerika arbeiten. Er hat sich formvollendet beworben. Die erste Reaktion auf die Bewerbung war sehr interessant: Er sollte mitteilen, für welche sozialen und karitativen Zwecke er gespendet hat. Es sei Teil der Unternehmenskultur, dass gerade die Führungskräfte mitteilen, an welche Organisation sie warum und wie viel gespendet haben, hieß es. Das fand ich sehr interessant.

Das „Tue Gutes und sprich darüber“ ist in Deutschland ja eigentlich etwas verpönt, oder nicht?
Aber wenn man durch das Darüber-Reden andere Menschen dazu anstiften kann, sich ebenfalls zu engagieren, finde ich das gut. Das war bei einem Unternehmen aus der IT-Branche und ich fand das interessant. Die Amerikaner haben da ein anderes Verständnis als wir: Dort gibt es bescheidene Steuersätze, dafür erwartet man aber gesellschaftliches Engagement. Es wird von den Eltern erwartet, dass sie sich etwa beim Schulfest persönlich engagieren. In den USA ist vieles nur denkbar, weil es private Spenden gibt. Da subventioniert nicht der Staat, sondern es gibt eine Kultur des privaten Sponsorings.

Ich weiß nicht, inwiefern wir uns davon eine Scheibe abschneiden können, aber ich finde bei der Bewerbung die Frage nach dem sozialen Engagement einen guten Ansatz.

Herr Bosbach, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Wolfgang Bosbach

Der Rechtsanwalt und Politiker (CDU) ist 1952 in Bergisch Gladbach zur Welt gekommen. Nach der Mittleren Reife, 1968, absolvierte Wolfgang Bosbach eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei der Konsumgesellschaft Köln. Von 1972 bis 1974 leitete er einen Supermarkt der COOP West. 1979 holt er das Abitur nach und studierte an der Universität Köln Rechtswissenschaft. 1988 erlangte er das erste juristische Staatsexamen und 1991 das zweite.

Wolfgang Bosbach trat 1972 in die CDU ein. Von 1975 bis 1979 war er Mitglied des Kreistags im Rheinisch-Bergischen Kreis. 1979 bis 1999 war Wolfgang Bosbach Mitglied im Stadtrat seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach für die CDU. Von 1994 bis 2017 saß er als direkt gewählter Abgeordneter für die CDU im Deutschen Bundestag. Von 2000 bis 2009 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU / CSU-Bundestagsfraktion und innerhalb der Fraktion für die Bereiche Innen- und Rechtspolitik zuständig.

2010 machte Wolfgang Bosbach seine Krebserkrankung öffentlich. 2016 gab er bekannt, im darauf folgenden Jahr nicht mehr für den Deutschen Bundestag zu kandidieren. Er nannte als Grund dafür sowohl gesundheitliche als auch politische Entwicklungen. Der gläubige Katholik ist seit 1987 mit Sabine Bosbach verheiratet. Das Paar hat drei erwachsene Töchter.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!