Zwölf Stunden Lesung vor der Chinesischen Botschaft in Berlin

Zwölf Stunden waren Texte und Briefe von Liu Xiaobo zu hören vor der Chinesischen Botschaft in Berlin. Am 21. Juni, an dem Tag an dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo nach zwölf Jahren aus seiner Haft entlassen worden wäre. Wäre er nicht im Juli 2017 gestorben.

Berlin/Kempen – Zwölf Stunden Lesung für zwölf Jahre Haft. „Ich habe sehr vieles von ihm gelesen, manches war mir gar nicht so präsent“, berichtet Kühne. Überraschend kam Liu Xia, die Witwe von Xiaobo, auf die  Jannowitzbrücke. Die Dichterin und Fotografin war 2018 nach fast achtjährigem Hausarrest in China entlassen worden und lebt heute in Berlin. „Liu Xia kam und hat sich vor den Sarg gesetzt“, sagt Kühne bewegt. „Sie hätte ihren Mann gerne beerdigt, doch das durfte sie nicht.“ Später habe sie sich immer wieder bedankt bei den Schülerinnen und Schülern des Rhein-Maas Berufskollegs. Dass sie jahrelang immer am 10. Dezember in Berlin für die Freilassung ihres Mannes demonstriert haben. Kühne nahm den Dank stellvertretend gerne an.

Foto: Robert Ingenhorst

Unterstützung beim Lesen bekam Menschenrechtler Kühne durch den in Berlin im Exil lebenden Schriftsteller Liao Yiwu, einen langjährigen Freund von Liu Xiaobo und Liu Xia. Ebenso unterstützten Chinesen, Exil-Chinesen und Dissidenten weltweit die Aktion per Zoom-Schaltungen. Nachdem die erste Schaltung am morgen kurz nach einem Statement von Pfarrer Kühne zu der Aktion zusammenbrach, konnte die zweite Zoom-Schaltung mittags konnte aufrecht erhalten werden. Die Mitwirkenden an dieser zweiten Konferenz leben in den USA und in Westeuropa: Schriftsteller, ehemalige Studentenführer, Kommentatoren. Tienchi Martin-Liao übersetzte die Worte von Kühne ins Chinesische. Sinologin und Autorin Martin-Liao hat lange mit Liu Xiaobo zusammengearbeitet, war Präsidentin der unabhängigen Schriftstellervereinigung Chinas und lebt im Exil in Köln. In der ersten Zoom-Konferenz wollten Teilnehmer aus Japan, Hongkong und Australien einen Beitrag leisten.

„Es sollte nicht beim Erinnern bleiben“, meint Kühne. „Wir haben auch Namen von gegenwärtig inhaftierten Menschen in China vorgelesen und fordern ihre Freilassung.“ Transparente machten zudem auf die Inhaftierten aufmerksam. „Es ist eine Erinnerung für die Zukunft“, fasst Kühne seine Aktion zusammen. „Wir denken an die Menschen, die jetzt inhaftiert sind. Aber wir versuchen, auch für die Zukunft etwas zu verändern.“
Pfarrer Roland Kühne, Religionslehrer am Rhein-Maas Berufskolleg, engagiert sich seit langem für Menschenrechte. Vor knapp zehn Jahren, am 10.12.2010 erhielt Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis. Doch bei der Verleihung in Stockholm blieb sein Stuhl leer. Denn er war in China inhaftiert. An diesem Tag demonstrierte Pfarrer Kühne das erste Mal mit Schülern und Lehrern des Rhein-Maas Berufskollegs vor der Chinesischen Botschaft in Berlin und forderte die Freilassung des Nobelpreisträgers. Seitdem demonstrieren die Kempener jedes Jahr am 10. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, vor der Botschaft in Berlin. Auch nach dem Tod von Liu Xiaobo im Juli 2017 gehen die Demonstrationen weiter. Für Freiheit, Menschenrechte und universale Werte.