Fremdeingesetzt und fehl am Platz: Goldfische im Viersener Hochzeitsgarten

Mit dem langsamen Ablassen des Wassers im Becken des Viersener Stadtgartens wurde in diesen Tagen sichtbar, was sich darunter verbarg: zahlreiche Goldfische, die dort ausgesetzt worden waren. Während das Wasser sank, begann zugleich ihre Rettung – behutsam eingefangen und aus einem Lebensraum geborgen, der keiner ist.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen – Es ist ein vertrautes Bild für die Besucher des alten Stadtgartens, jenes stillen Rückzugsortes im Herzen der Stadt, der im Volksmund längst den Namen „Hochzeitsgarten“ trägt: das flache Betonbecken, dessen Wasseroberfläche je nach Jahreszeit von Lichtreflexen oder herabfallenden Blättern durchzogen ist. Was viele jedoch nicht sehen, ist der erhebliche Aufwand, der hinter der Pflege dieser Anlage steht; und die wiederkehrenden Probleme, die sich aus einer fehlgeleiteten Nutzung ergeben. In dichten Schwärmen zogen Goldfische ihre Bahnen, suchten Schutz in den letzten verbliebenen Wasserzonen und durchbrachen mit ihren orangefarbenen Körpern die trübe Ruhe des künstlichen Gewässers. Ihr Anblick mochte für flüchtige Beobachter reizvoll erscheinen, doch für die Mitarbeiter der Stadt und besorgte Anwohner wurde er zum sichtbaren Zeichen eines Problems, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholt.

Zwar wird das Becken alljährlich gereinigt, doch nur in größeren Abständen, zuletzt im Jahr 2022, wird das Wasser vollständig abgelassen, um eine grundlegende Säuberung des Betonuntergrunds zu ermöglichen. In den vergangenen zwei Tagen war es wieder so weit. Mitarbeiter der Stadt Viersen begannen in den frühen Morgenstunden damit, das Wasser schrittweise aus dem Becken zu pumpen. Zum Einsatz kamen drei kleinere Pumpen, eine davon bereitgestellt von der Feuerwehr Viersen. Vor die Ansaugöffnungen waren Filter montiert, um zu verhindern, dass Lebewesen unkontrolliert eingesogen werden.

Foto: Rheinischer Spiegel

Die Arbeiten gestalteten sich indes langwieriger als üblich. Der Grund dafür lag nicht in der Technik, sondern im Wasser selbst: Wieder einmal hatten Unbekannte Goldfische in das Becken eingesetzt. Was auf den ersten Blick als gut gemeinte Geste erscheinen mag, entpuppte sich bei näherer Betrachtung als gravierendes Problem.

Auf die Situation aufmerksam wurde eine Anwohnerin der Hauptstraße, die die ungewöhnliche Ansammlung von Fischen bemerkte und ihre Sorge um deren Wohl äußerte. Sie informierte sowohl den Tierschutz als auch Vertreter der Viersener Grünen, die den Reinigungsvorgang vor Ort ebenso verfolgten wie die Parents for Future, interessierte Anwohner und die bekannte Natur- und Tierschützerin Almut Grytzmann. Vor der Reinigung des Beckens wurde dann bekannt: Der Angelverein Petri Heil aus Wassenberg erklärte sich in Kooperation mit der Stadt Viersen erneut bereit, die Tiere fachgerecht zu bergen. Mit Keschern wurden die Goldfische behutsam eingefangen und sollen nun in geeignete Teichanlagen der Vereinsmitglieder umgesetzt werden.

Während der Wasserspiegel sank, trat nach und nach zutage, was sich über Monate hinweg am Grund angesammelt hatte. Zwischen Schlamm und verrottenden Blättern fanden sich Glasflaschen, Getränkedosen, Plastiktüten, benutzte Hundekotbeutel und weiterer Unrat; Hinterlassenschaften, die nicht nur das Erscheinungsbild trüben, sondern auch ein deutliches Zeugnis dafür ablegen, wie wenig dieses Becken als Lebensraum geeignet ist. Der Eindruck verdichtete sich mit jedem abgepumpten Zentimeter Wasser: Es handelt sich um eine rein gestalterische Anlage, nicht um ein ökologisches Gewässer.

Gerade darin liegt ein zentraler Aspekt, der immer wieder missverstanden wird. Das Betonbecken im Stadtgarten ist weder für Fische noch für andere Tiere wie Schildkröten konzipiert. Es fehlt an nahezu allen Voraussetzungen, die ein stabiles aquatisches Ökosystem ausmachen. Es gibt keine natürliche Bodenstruktur, keine Wasserpflanzen, die Sauerstoff produzieren oder Rückzugsräume bieten könnten, und keine Mikroorganismen, die für den Abbau organischer Stoffe notwendig wären. Die Wassertemperatur unterliegt starken Schwankungen, da das flache Becken sich im Sommer rasch aufheizt und im Winter schnell auskühlt. Ebenso fehlt eine kontinuierliche Wasserzufuhr, die für Sauerstoffeintrag und Verdünnung von Schadstoffen sorgen würde, denn die Wasserspeier sind nicht immer in Betrieb.

Für eingesetzte Tiere bedeutet dies erheblichen Stress. Goldfische etwa benötigen nicht nur ausreichend Platz, sondern auch eine stabile Wasserqualität und ein ausgewogenes Nahrungsangebot. In einem künstlichen, regelmäßig gereinigten Betonbecken finden sie weder das eine noch das andere. Stattdessen sind sie auf gelegentliche Fütterungen durch Besucher angewiesen, die oft ungeeignetes Futter einbringen und damit das Wasser zusätzlich belasten. Ähnliche Probleme gelten für Schildkröten, die neben Wasserflächen auch geeignete Sonnenplätze, Versteckmöglichkeiten und eine differenzierte Umgebung benötigen.

Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Aspekt: Das Aussetzen von Tieren in ungeeignete Gewässer stellt nicht nur eine Gefährdung für die Tiere selbst dar, sondern kann auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Es handelt sich um einen Eingriff in die Natur, der weder kontrolliert noch verantwortungsvoll erfolgt. In vielen Fällen geschieht dies aus falsch verstandener Tierliebe, etwa wenn Aquarien- oder Teichbesitzer ihre Tiere „in die Freiheit entlassen“ wollen. Tatsächlich jedoch werden die Tiere damit häufig ihrem Schicksal überlassen und verenden qualvoll.

Die Reinigung des Beckens im Viersener Stadtgarten ist somit mehr als eine routinemäßige Maßnahme der Grünflächenpflege. Sie legt Jahr für Jahr aufs Neue die Diskrepanz offen zwischen der intendierten Nutzung einer städtischen Anlage und den gut gemeinten, aber problematischen Eingriffen Einzelner. Während die Pumpen weiterarbeiten und das Wasser langsam verschwindet, bleibt die Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit für dieses Thema wächst, und mit ihr das Verständnis dafür, dass nicht jedes Gewässer ein geeigneter Lebensraum ist.

Das Aussetzen von Tieren im Stadtgarten ist kein Akt der Fürsorge, sondern bringt die Tiere in eine Umgebung, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Das Betonbecken ist kein geeigneter Lebensraum – weder für Fische noch für andere Wasserbewohner. Wer Tiere hält, trägt Verantwortung für ihr Wohlergehen und darf sie nicht sich selbst überlassen. Die Tierschützer appellieren daher eindringlich an alle Bürger, keine Tiere im Stadtgarten oder in anderen ungeeigneten Gewässern auszusetzen, sondern im Zweifel fachkundige Hilfe oder geeignete Alternativen zu suchen. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel