Vom Bolzplatz in Viersen zum Hoffnungsträger am Borussia-Park – Eugen Polanski übernimmt die Fohlen

Der Kreis hat sich geschlossen. Was einst auf den Sportplätzen von Concordia Viersen begann, findet nun vor den Augen der Fußball-Republik eine neue Dimension: Eugen Polanski, einst ein kleiner Junge mit unbeirrbarem Ehrgeiz, trägt plötzlich die Verantwortung für Borussia Mönchengladbachs Profimannschaft. Nach der Trennung von Cheftrainer Gerardo Seoane ist der 38-Jährige der Mann der Stunde – zumindest vorerst.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Mönchengladbach/Viersen – Als zweijähriges Kind kam Polanski 1988 mit seinen Eltern aus Sosnowiec am Rande des oberschlesischen Industriegebiets nach Deutschland. In Viersen, wo sich die Familie niederließ, entdeckte er schnell den Fußball als Sprache, die keine Grenzen kennt. Bei Concordia Viersen, einem Verein mit Herz, erlernte er das, was ihn bis heute prägt: Disziplin, Leidenschaft und den Mut, sich gegen körperlich Überlegene durchzusetzen.

Schon damals, erinnern sich Weggefährten, war der Junge mit den wachen Augen mehr als nur ein talentierter Kicker. Er war einer, der führte, der auf dem Platz lauter dachte als andere – und dabei nicht selten den Unterschied ausmachte.

1994 wechselte Polanski zu Borussia Mönchengladbach. Zehn Jahre wuchs er im Nachwuchsleistungszentrum heran, ehe er 2004 den Sprung ins Profiteam schaffte. Sein erstes Bundesligator erzielte er 2005 gegen Bayer Leverkusen, da war er gerade einmal 19. Schnell galt er als Hoffnungsträger, als einer, der aus der eigenen Jugend kommend die Borussia prägen könnte. Doch wie so oft verlief der Weg nicht geradlinig. Verletzungen, Abstiege, interne Umbrüche – Polanski musste Umwege gehen: nach Spanien zu Getafe, später nach Mainz und Hoffenheim. Dort entwickelte er sich zu einem gestandenen Bundesligaprofi, robust im Zweikampf, verlässlich in der Defensive, nie der Lauteste, aber stets derjenige, der voranging, wenn es zählte.

Besonders bemerkenswert: Polanski trug nicht nur das Trikot deutscher U-Nationalmannschaften, sondern entschied sich später für die polnische A-Elf. Bei der Heim-Europameisterschaft 2012 stand er gegen Griechenland, Russland und Tschechien in der Startelf – ein Karrierehöhepunkt, der seine Identität zwischen zwei Ländern widerspiegelte.

Nach dem Ende seiner Spielerkarriere zog es ihn ins Trainerfach. Erste Schritte unternahm er beim FC St. Gallen in der Schweiz, ehe er 2019 zu seinem Jugendverein nach Mönchengladbach zurückkehrte. Dort war er zunächst „Talente-Trainer“, zuständig für die schwierige Schnittstelle zwischen Nachwuchsleistungszentrum und Profimannschaft. 2022 erhielt er schließlich die Verantwortung für die U23. Sein Ansatz dort: klare Strukturen, Teamgeist und das Vermitteln einer Mentalität, die nicht auf Schönspielerei, sondern auf Konsequenz beruht. Junge Spieler beschreiben ihn als anspruchsvoll, aber fair – als einen, der mit der Erfahrung von 200 Bundesligaspielen weiß, was nötig ist, um sich durchzusetzen.

Die aktuelle Entwicklung kam dagegen abrupt. Am Sonntagabend hatten Sportgeschäftsführer Roland Virkus und der Aufsichtsrat noch beraten, eine Nacht über die Lage geschlafen – am Montag dann die Entscheidung: Gerardo Seoane, seit Sommer 2023 im Amt, musste gehen. Zehn Spiele ohne Sieg, eine Mannschaft ohne zündende Idee – zu viel für einen Klub, der zwar um Geduld wirbt, aber keine Perspektivlosigkeit dulden kann.

„Nach einer intensiven Aufarbeitung unseres Saisonstarts sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass wir eine Änderung auf der Position des Cheftrainers vornehmen müssen“, so Roland Virkus, Borussias Geschäftsführer Sport. „Nach nun saisonübergreifend zehn Bundesligaspielen ohne Sieg ist bei uns der Glaube geschwunden, dass der Umschwung mit Gerardo gelingen kann.“

Präsident Rainer Bonhof: „Gerardo hat die Mannschaft in einer schwierigen Situation übernommen, ist den Weg des Klubs mitgegangen, hat den Entwicklungsprozess der Mannschaft angeschoben und hat sie stabilisiert. Allerdings war das Ende der Saison nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben und der Start in diese Spielzeit ebenfalls nicht. Der Schritt, nun einen neuen Impuls zu setzen, ist der richtige. Wir danken Gerardo für seine geleistete Arbeit und wünschen ihm beruflich und privat alles Gute.“

Ob der Interimstrainer längerfristig im Amt bleibt, ist ungewiss. Namen wie Urs Fischer, Pellegrino Matarazzo oder gar Edin Terzic kursieren bereits in den Medien. Doch die Geschichte hat ihren eigenen Reiz: Da steht nun ein Mann an der Seitenlinie, der einst bei Concordia Viersen die ersten Schritte tat, durch den Fohlenstall reifte und nach vielen Umwegen zurückkehrt – nicht als Spieler, sondern als Trainer. Für Polanski ist es eine Chance, für die Borussia ein Experiment – und für die Fans die Möglichkeit, einem alten Bekannten auf neuer Bühne zuzusehen. Am Ende könnte sich erweisen, dass manchmal gerade jene, die ihre Wurzeln nie vergessen haben, den größten Wandel bewirken. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming