Literarisches: Weihnachten. Krippengeschichten

Kind in der Krippe
du hast es gut
behütet
umsorgt
geborgen
Krippe im Stall
nicht Traumherberge
aber Herberge

Krippenkind
gestillt gewollt
keine heile Welt
offene Türen offene Fenster
kein Himmelbett
aber geliebt
Krippenkind
du hast es gut

Krippe in St. Cornelius, Dülken – Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath

Die sozialkritischen Krippen von Maria Kohnen aus Süchteln vergegenwärtigen, dass eine heillose Welt heil, gut werden kann. Das Motto eines Wettbewerbs „Uns kommt ein Schiff gefahren“ versetzte sie in die Gegenwart. Ungerechtigkeiten in unserer Welt, Menschen mit ihren Stärken und Fehlern projizierte sie in ihre Krippen. Das Gute und weniger Gute, das Helle und Dunkle, Licht und Schatten finden sich in ihnen wieder. Das Kind in der Krippe wird zum Kind der heutigen Zeit. Ihree Krippen wollen Brücken sein zwischen Himmel und Erde, Gott und Menschen einander nahebringen, miteinander versöhnen. „Lasst uns Brücken bauen über scheinbar unüberbrückbare Abgründe, über unüberbrückbar Scheinendes zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, zwischen den Religionen.“ So lautet das Anliegen und Krippenprogramm der Künstlerin.

Ochs und Esel als erste Zeugen der Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Daran erinnert die Krippe in St. Helena, Helenabrunn. „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Ein hell strahlender Stern zeigt den Weg zum Kind in der Krippe in Sankt Notburga und St. Peter. Der Stern hat Strahlkraft in unsere Welt und kann wahrgenommen werden. Heillose Welten, heillose Zeiten müsste es nicht geben.

Weihnachten. Krippengeschichten. Auch die Krippe „Gleis Eins“ der Bahnhofsmission im Kölner Hauptbahnhof erzählt Geschichten, weihnachtliche Bahnhofsgeschichten. Eine Krippe mit Sitzbank, Bahnhofsuhr, Anzeigetafel und Angestellten in Dienstuniform.
Die Krippe zeigt Menschen
die entgleist sind
die ihr Alleinsein nicht aushalten
die ungeduldig mit sich und andern sind
Wenn hungernde, durstende, kranke, schwache, wohnungslose, einsam gewordene Menschen in Not sind, kann „Gleis Eins“ Auffangstation, Zufluchtsort, Lebensraum werden.

Weihnachten. Krippengeschichten. „Ich steh‘ an deiner Krippe hier.“ Das Lied hatte der Mann als Kind gesungen. Er stand jetzt da und starrte auf das Kind. Die Frau, wohl seine Mutter, warf ihm einen kurzen Blick zu. Der Mann, anscheinend der Vater, registrierte ihn und wandte sich wieder ab. Den Bettler, so nannte man ihn abschätzig in einem Atemzug mit Herumtreibern, verunsicherte das. Sollte er bleiben oder gehen? Er hatte ein autistisches Desinteresse daran entwickelt, was andere von ihm hielten. Die Mehrheitsmeinung kannte er. Er gehörte zu den Störfaktoren einer auf Harmonie bedachten Gesellschaft. Weil er arm war und es zu nichts gebracht hatte, galt er auch moralisch als jemand, den man mied. Den Spruch aus Berthold Brechts „Drei Groschen“ – Oper hätte er auf sich beziehen können: „Die einen sind im Dunkeln, die anderen im Licht.“

Ein Franziskaner-Pater hatte ihn getauft. Bei ihm klingelte er gelegentlich, da er ein großes Herz und etwas zu essen und zu trinken für ihn hatte. Ihn faszinierte, dass der Pater einem Bettelorden angehörte. Auch er war Bettler, Gleichgesinnter, Gleichbetroffener. Er schien nicht besonders aufzufallen in dieser Welt. Er blieb obdachlos, besitzlos. Aber ein unzerstörbares Etwas hielt ihn am Leben.

Weihnachten. Krippengeschichten. Lebensgeschichten. Heillose Welten können gut werden. (opm)

Krippe in St. Notburga während der Krippenausstellung – Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Foto: Privat

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.