Cagliari entdecken: Die Stadt der Kontraste und lebendigen Geschichten

Cagliari, die charmante Hauptstadt Sardiniens, offenbart sich dem Reisenden nicht auf den ersten Blick – sie will entdeckt, durchstreift und gespürt werden.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Reisen/Sardinien – Vom Flugzeugfenster aus wirkt die Stadt wie eine Terrassenlandschaft aus Sandfarben und Ocker, durchzogen von tiefgrünen Parks, dahinter das endlose Blau des Mittelmeers. Doch wer sich die Zeit nimmt, den Rhythmus Cagliaris zu verinnerlichen, wird eine Stadt finden, die in Schichten erzählt – Schichten aus Zeit, Kulturen und Geheimnissen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Bereits in der Antike war dieser Ort von strategischer Bedeutung. Gegründet von den Phöniziern, diente die Siedlung als Handelsstützpunkt im westlichen Mittelmeer. Doch erst unter römischer Herrschaft erlebte Cagliari, damals Caralis genannt, seine erste Blüte. Die Stadt wurde Teil eines gewaltigen Reichs, erhielt gepflasterte Straßen, Thermalbäder und ein beeindruckendes Amphitheater, das bis heute in den Kalksteinfelsen eingebettet ist. Im Abendlicht wirft es Schatten, als flüstere es noch immer von Gladiatoren und jubelnden Massen.

Nach dem Fall Roms veränderte sich Cagliaris Gesicht immer wieder. Byzantiner, Pisaner, Aragonesen und schließlich Spanier prägten die Architektur und Sprache. Die spanische Zeit brachte nicht nur Barock und Paläste, sondern auch die Bastion San Remy – ein wuchtiges Bauwerk, das mit seinem großen Marmorportal bis heute als Aussichtspunkt über Stadt und Meer dient. Wer bei Sonnenuntergang hier verweilt, versteht, warum Dichter von Cagliari als Stadt des Lichts sprachen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Doch es ist nicht nur das historische Erbe, das Cagliari so besonders macht. Es ist das tägliche Leben in den Vierteln, das sie mit Seele erfüllt. Im Villanova-Viertel, einst Wohnort der Handwerker, wachsen Bougainvilleen an den Mauern hinauf, während sich ältere Damen auf Holzstühlen vor bunten Türen unterhalten. Im Marina-Viertel, dem alten Hafenbezirk, riecht es nach gebratenem Fisch und Meeresluft, und Kinder flitzen auf Rollern durch die Gassen. Die Stadt lebt nicht in einem Museum, sie pulsiert, modern und gleichzeitig traditionsbewusst.

Ein besonderer Zauber geht von der Natur rund um Cagliari aus. Die nahen Teiche von Molentargius – einst Salzgewinnungsanlagen – sind heute ein Schutzgebiet für Flamingos, die hier fast das ganze Jahr über zu sehen sind. Diese Tiere, die so fragil und doch majestätisch wirken, haben sich zum Wappenvogel der Stadt entwickelt – vielleicht weil auch Cagliari selbst zwischen Leichtigkeit und Größe schwebt.

Nur wenige Minuten vom Trubel entfernt beginnt die weite Linie des Poetto-Strandes, ein Ort, der tagsüber Badegäste, Jogger und Windsurfer anzieht, abends aber in einen sozialen Treffpunkt übergeht – ein Sardinien im Kleinen, bei Aperitifs, Musik und dem Rauschen der Wellen.

Cagliari ist keine Stadt für Eilige. Sie belohnt jene, die flanieren, beobachten, verweilen. Ihre Schönheit liegt nicht in Prachtbauten oder Monumenten allein, sondern im Zusammenspiel der Kontraste: zwischen Hügeln und Meer, Geschichte und Alltag, Schatten und Licht. Wer sich auf diese Vielschichtigkeit einlässt, nimmt mehr mit als nur Urlaubserinnerungen – er trägt ein Stück Sardinien im Herzen weiter. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel