Fällung von historischen Eiben: Anwohner und Umweltgruppen appellieren an den Bürgermeister

In der Viersener Innenstadt hat sich in den vergangenen Tagen ein breites Bündnis aus Anwohnerinnen und Anwohnern, Umweltinitiativen und engagierten Bürgern formiert, um den Erhalt zweier etwa hundertjähriger Eiben zu erreichen.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Viersen – Die Bäume stehen in einem schmalen Grünstreifen zwischen einem Parkplatz an der Petersstraße und dem Durchgang zur Lambersartstraße. Als am Donnerstag auffällige rote Markierungen an den Stämmen angebracht wurden – ein unmissverständlicher Hinweis auf bevorstehende Fällmaßnahmen – sorgte dies für erheblichen Unmut und Alarm in der Nachbarschaft.

Die betroffene Familie, die an der Remigiusstraße wohnt und mit ihrem Grundstück direkt an den städtischen Weg grenzt, wandte sich unmittelbar an den neu gewählten Bürgermeister Christoph Hopp. In einem ausführlichen Schreiben schildert sie ihre Sorge, dass die Eiben allein deshalb weichen sollen, um eine alte, teils städtische, teils private Mauer abzureißen und durch Zäune zu ersetzen. Beide Bäume sind laut historischer Luftbildaufnahmen mindestens ein Jahrhundert alt und gelten als gesund. Genau diese Fakten machen die angekündigte Fällung für die Anwohner besonders unverständlich.

Am gestrigen Montag fand zu diesem Thema ein Ortstermin statt, an dem neben den Verfassern des Briefes auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Vertreter der Parents for Future Kreis Viersen sowie die Viersener Grünen teilnahmen. Unter ihnen war auch Almut Grytzmann-Meister, die sich seit vielen Jahren im Tier- und Naturschutz engagiert und sich frühzeitig gegen das Fällen ausgesprochen hatte. Die Beteiligten nutzten die Gelegenheit, um auf die ökologische, historische und stadtgestalterische Bedeutung der beiden alten Bäume hinzuweisen.

Die Diskussion drehte sich auch um die Eigentums- und Verantwortungsstruktur der angrenzenden Mauern. Nach Angaben der Anwohner gehört der Mauerabschnitt, der unmittelbar hinter den Eiben steht, nicht vollständig der Stadt. Laut den vorliegenden Unterlagen teilen sich die Stadt Viersen und zwei benachbarte Grundstückseigentümer das Eigentum – ein Umstand, der bedeutet, dass ein Abriss dieses Teils nicht einseitig beschlossen werden kann. Zudem seien an dieser historischen Mauer keine gravierenden Schäden festzustellen, sondern lediglich altersbedingte Spuren. Nach Erzählungen älterer Anwohner handelt es sich sogar um einen der wenigen Mauerreste, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in diesem Bereich überstanden haben.

Ganz anders verhält es sich mit dem Mauerabschnitt, der den Parkplatz begrenzt und vollständig im Eigentum der Stadt steht. Dieser sei baufällig und müsse möglicherweise ersetzt werden. Doch gerade die Frage, ob dafür zwei intakte, unter Schutz stehende Bäume geopfert werden müssen, sorgt für Kritik. Die Anwohner argumentieren, dass die Stadt über Jahre versäumt habe, notwendige Unterhaltungsarbeiten durchzuführen. Es könne nicht sein, dass nun ausgerechnet wertvolle Altbäume einem kostengünstigeren Abbruchverfahren weichen sollen.

Neben den rechtlichen Aspekten spielt vor allem die ökologische Rolle der Eiben eine zentrale Rolle. Beide Bäume fungieren als wichtiger Lebensraum in einem zunehmend ausgedünnten innerstädtischen Grün. Meisen, Amseln, Elstern und Tauben nutzen das dichte, immergrüne Nadelkleid als Schutz- und Nistplatz. Auch mehrere geschützte Eichhörnchen wurden dort beobachtet, die zwischen den Eiben und einer benachbarten Wildkirsche pendeln. Die roten Beeren der Eiben dienen vielen Vogelarten im Herbst und Winter als Nahrungsquelle. Nachbarn berichten, dass die Bäume am frühen Morgen voller Vogelgesang seien und sich in der kleinen Grünfläche ein reges ökologisches Miteinander entwickelt habe – gerade in einem Gebiet, in dem in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Bäume aufgrund von Hitze, Trockenheit und Baumaßnahmen verloren gegangen sind.

Die Familie schildert in ihrem Schreiben auch, wie sie selbst seit mehr als zwei Jahrzehnten in heißen Sommern Wasser für die beiden Eiben bereitstellt – neben der Versorgung anderer städtischer Bäume in unmittelbarer Umgebung. Dies sei stets im Sinne der Stadt geschehen, die Bürger regelmäßig dazu aufruft, Straßenbäume zu pflegen und zu wässern. Jetzt jedoch stehe die Frage im Raum, warum gepflegte und gesunde Stadtbäume gefällt werden sollen, obwohl die Bevölkerung zum Mithelfen beim Erhalt aufgerufen wird.

Viele Nachbarn teilen die Sorge um den drohenden Verlust der beiden alten Bäume. In der gesamten Straße, so berichtet Frau Grytzmann-Meister nach Gesprächen mit Eigentümerinnen und Eigentümern, spreche sich eine klare Mehrheit für den Erhalt der Eiben aus. Neben dem ökologischen Argument sehen viele darin auch eine Frage des Stadtbildes und der Lebensqualität. Alte Bäume seien prägende Elemente und sorgten in heißen Sommern für Schatten und Kühlung. Ihr Verlust ließe sich nicht innerhalb weniger Jahre kompensieren.

In ihrem Schreiben an den Bürgermeister Christoph Hopp betont die Familie, dass es durchaus Alternativen gebe. Ein kontrollierter Rückbau des städtischen Mauerabschnitts sei aus ihrer Sicht möglich, ohne die beiden alten Eiben zu gefährden. Zwar könne die Sanierung aufgrund jahrelanger Vernachlässigung komplexer und kostenintensiver werden – doch sei der Schutz historischer, ökologisch wertvoller Bäume ein gewichtiger Grund, diese Mehrarbeit auf sich zu nehmen. Zudem regen die Anwohner an, gemeinsam mit der Stadt das Beet unter den Eiben neu zu gestalten und damit den kleinen Grünbereich aufzuwerten.

Die Parents for Future Kreis Viersen betonen in ihrer Stellungnahme, wie wichtig es sei, dass Kommunen glaubwürdige Entscheidungen im Sinne von Klima- und Artenschutz treffen. Gerade innerstädtische Altbäume, die vielen Arten Lebensraum bieten und zugleich das Mikroklima verbessern, seien durch jüngere Ersatzpflanzungen nicht gleichwertig zu ersetzen. Sie unterstützen daher ausdrücklich das Anliegen der Anwohner und appellieren an Verwaltung und Bürgermeister die Entscheidung zu überdenken. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel