Literarisches im Advent – Advent im Knast

Der Gefängnispfarrer hatte gefragt, ob ich an einer Gesprächsrunde mit Häftlingen teilnehmen würde. Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hatte nie eine Haftanstalt von innen gesehen. Welchen Beitrag ich zu einer Gesprächsrunde mit Inhaftierten leisten konnte, war ich mir erst recht nicht klar.
Von Peter Josef Dickers

Literarisches – Ich hatte Kontakt mit einer Familie, deren problematische Lebenssituation ich kannte. Beziehungskrise, Alkoholabhängigkeit hatten zu Konflikten geführt, die sie allein nicht lösen konnten. Gelegentlich konnte ich vermittelnd eingreifen, ohne die Rolle eines Sozialarbeiters einnehmen zu können und zu wollen.
Was aber sollte ich im Gefängnis? Wenn jemand hinter Gittern saß, weil er einer Autoschieberbande angehört hatte, war er nicht wegen sozialer Probleme verurteilt worden. Was sollte ich ihm sagen, wenn er an der Gesprächsrunde teilnehmen würde? Der Pfarrer ließ nicht locker.

Seit mehr als zwanzig Jahren betreute er die Haftanstalt. Meine Bedenken sah er ein. Es gäbe Strafgefangene, die während der Haft Kontakte nach Draußen nicht verlieren möchten. Der Strafvollzug würde das zu wenig berücksichtigen. Es fehlten in der Haftanstalt Personen, die in der Lage waren, das Draußen in den Alltag der Gefangenen einzubeziehen. Draußen wären viele nur daran interessiert, dass jene drinnen blieben, um vor ihnen geschützt zu sein. In einer meiner Klassen hatte ich Gelegenheit, von meiner Begegnung mit dem Pfarrer zu berichten. Ich traf auf erstaunlich offene Ohren der Achtzehn- bis Zwanzigjährigen. Einer empörte sich über freiheitsentziehende Maßnahmen im Gefängnis, da sie weitere Straftaten nach der Entlassung nicht verhindern würden. Später erfuhr ich, dass er von seinem Vater sprach. Das motivierte mich, an dem Gespräch teilzunehmen.

Foto: Ichigo121212/Pixabay

Ich fühlte mich nicht wohl in der Runde. Sechzehn Gefangene saßen im Stuhlkreis mit uns zusammen. Sie wirkten gelassen und unbekümmert und nahmen zunächst kaum Notiz von mir. Der Gefängnispfarrer stellte mich als Gast vor. Das war es. Gesprächsthema war das bevorstehende Weihnachtsfest. Vorschläge zum Verlauf der Feiertage wurden diskutiert. Da einige Teilnehmer schon mehrmals Weihnachten hier verbracht hatten, kam schnell eine Diskussion in Gang. Um längere Freizeiten außerhalb der Zelle ging es, um individuellere Besuchsregelung, um großzügigere Regelung der Post- und Geschenke-Zustellung, um Sonderrationen von Zigaretten und Kaffee. Wichtig war der Umschluss an Heiligabend, der es mehreren Gefangenen gestattete, sich für ein paar Stunden gemeinsam einschließen zu lassen. Schließlich musste geklärt werden, wo der Weihnachtsbaum aufgestellt werden sollte.

Der Gefängnispfarrer war eine Vertrauensperson. Plötzlich hatten sie auch mich im Visier. Wie ich Weihnachten feiern würde. Ob ich Familie und Kinder hätte. Ob es mir egal sei, wie jemand im Knast Weihnachten feiere. Eingesperrt Weihnachten feiern. Anklage oder Sehnsucht? Anklage, weil die Atmosphäre im Gefängnis nicht leuchtender wird durch Weihnachtsbaum und besseres Essen an den Feiertagen? Sehnsucht danach, was Weihnachten auch bedeuten kann: Etwas Geborgenheit, mehr Freiheit, mehr Glück, mehr Vertrauen? Ich griff diese Gedanken auf und sprach von denen draußen, die anders eingesperrt waren in Rummel, Hektik, Stress und der Flut so genannter Weihnachtsfeiern. Das wäre zwar kein Trost für sie hier drinnen. Aber vielleicht wäre ihre unbefriedigende Situation empfänglicher für Weihnachten als die marktschreierischen Aktionen draußen.
„Die Sehnsucht bleibt“, sagte ein Häftling, als ich mich verabschiedete. (opm)


Aus: Peter Josef Dickers, Ein bisschen Sehnsucht – Zwischen Himmel und Erde

Foto: Privat

Peter Josef Dickers wurde 1938 in Büttgen geboren. Nach einem Studium der Katholischen Theologie sowie der Philosophie und Pädagogik in Bonn, Fribourg/Schweiz, Köln sowie Düsseldorf erhielt er 1965 die Priesterweihe. Anschließend  war er in der Seelsorge und im Schuldienst tätig, bis er sich 1977 in den Laienstand rückversetzen ließ und heiratete. Nach der Laisierung war er hauptamtlich tätig an den Beruflichen Schulen in Kempen (jetzt Rhein-Maas-Kolleg) mit den Fächern Kath. Religionslehre, Pädagogik, Soziallehre, Jugendhilfe/Jugendrecht.

„Seit der Pensionierung bin ich weiterhin engagiert durch meine Schreibtätigkeit, mein Vorlese-Engagement in diversen Einrichtungen und sonstige Initiativen. In den Sommermonaten lese ich zeitweise als „Lektor“ auf Flusskreuzfahrt-Schiffen aus meinen bisher erschienenen Büchern“, so Peter Josef Dickers, der mittlerweile in Mönchengladbach beheimatet ist.

Ein Kommentar

  1. Lieber Josef Dickers ich schätze ihre Person und Ihr gesamtes Engagement was sie tätigen.
    Ich spreche auch ihre Meinung bei kleine Übeltaten zu, wenn jemand dafür ins Gefängnis kommt.
    Aber ich möchte eins nur sagen, habe mehrere Haftanstalten mit Einsitzenden Besucht, meiner Meinung nach, sollen alle Täter die Einsitzen müssen, kein bisschen getröstet werden und auch noch Unterstützung wegen die dunkle Weihnachtszeit wo man Geschenke bekommt und besseres Essen und vieles mehr.
    Ich Plädiere dafür, das einer der eine Straftat vollbracht hat und Personen so geschädigt haben, das Sie Psychische Behandlungen benötigen oft ein leben lang, überhaupt bei ein Todesfall durch diese Tat des Täters, gehörte Wasser und Brot zu Weihnachten !!!!!
    Leute die jemand verloren hat durch eine Tat, oder Vergewaltigt hat ob Frau oder Kind, der müsste jeden Tag noch Ausgepeitscht werden.
    Wer das nicht versteht ist Sadistisch Veranlagt.
    Ich kenne mehrere die dieses durchgemacht haben und Leiden fürchterlich daran mit Ärzten und Medikamenten.
    Wer will solche Einsitzenden noch was gutes geben?
    Der andere ist nicht mehr der Alte , ob Angehöriger oder Geschädigter, er ist fast nicht mehr zurechnungsfähig.
    Er der diese Tat gemacht hat, handelte Vorsätzlich!

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