Im Strandhaus des SparkassenParks ist am Donnerstagabend eine Debatte geführt worden, die weit über die Grenzen des Sports hinausweist.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und RS-Redakteurin Inge Kroese
Mönchengladbach – Vertreter aus Politik, organisiertem Sport und Stadtgesellschaft kamen zusammen, um über die möglichen Folgen einer Olympiabewerbung der Rhein-Ruhr-Region zu sprechen – und über die Frage, welche Rolle Mönchengladbach dabei einnehmen könnte. Im Zentrum stand dabei nicht nur die Bewertung von Chancen und Risiken, sondern auch die anstehende Entscheidung der Bürgerschaft, deren Zustimmung als wesentliche Voraussetzung für den weiteren Verlauf gilt.

Schon der Rahmen ließ keinen Zweifel daran, dass es um mehr ging als um Sport. Auf dem Podium saßen Vertreter aus Politik, organisiertem Sport und Veranstaltungswirtschaft, flankiert von einer ehemaligen Spitzensportlerin, die den Glanz der Spiele aus eigener Erfahrung kennt. Oberbürgermeister Felix Heinrichs, Hockey-Olympiateilnehmerin Julia Sonntag, der Vorstand des Deutschen Hockey-Bundes Martin Schultze, der Chef des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, Dr. Christoph Niesen, sowie Friedhelm Lange als Initiator der lokalen Debatte und weitere Akteure wie Michael Hilgers, Geschäftsführer des Hockeyparks, und Hans-Wilhelm Reiners, Präsident des Stadtsportbundes Mönchengladbach, spannten ein Panorama, das von nüchternen Finanzfragen bis zu emotionalen Erinnerungen reichte.
Zu Beginn stellte Moderatorin Lena Sapper eine scheinbar einfache Frage in den Raum: Was bedeutet Olympia eigentlich? Die Antworten fielen so unterschiedlich aus wie die Biografien der Beteiligten. Für die einen ist es das Bild einer friedlichen Weltgemeinschaft, die sich im Wettbewerb misst, für andere ein gigantisches Fest, das Menschen jenseits aller Sprachbarrieren verbindet. Julia Sonntag sprach von einem Kindheitstraum, der sich nur selten erfüllt – und wenn, dann in einer Intensität, die kaum zu vergleichen sei. Reiners erinnerte sich an prägende Momente als Zuschauer und richtete den Blick zugleich auf die nächste Generation, für die solche Bilder oft der Anfang einer sportlichen Laufbahn sind.
Doch so schnell sich der Abend emotional auflud, so rasch kehrte er auch zur Realität zurück. Denn die Bewerbung, das wurde mehrfach betont, ist kein Selbstläufer. Entscheidend sei die Unterstützung der Bevölkerung – nicht als bloßes Stimmungsbild, sondern als politisches Signal im Wettbewerb mit anderen Regionen. Gerade der anstehende Ratsbürgerentscheid verleiht der Debatte ein Gewicht, das über symbolische Zustimmung hinausgeht.

Friedhelm Lange zeichnete in diesem Zusammenhang das Bild einer Stadt im Wandel, die nach Sichtbarkeit sucht. Mönchengladbach, geprägt von industriellen Transformationen, könne durch Olympia eine Bühne erhalten, die weit über den Sport hinausreiche. Die Bewerbung, so seine Überzeugung, sei nicht nur ein sportpolitisches Projekt, sondern auch ein wirtschaftliches Instrument: Aufmerksamkeit auf internationalen Messen, neue Kontakte, Impulse für Unternehmen und Beschäftigung. Der Gedanke dahinter ist ebenso einfach wie ambitioniert: Wer gesehen wird, hat bessere Chancen im globalen Wettbewerb.
Dass solche Visionen regelmäßig auf Skepsis stoßen, zeigte sich auch an diesem Abend. Immer wieder taucht in der öffentlichen Debatte die Frage auf, ob das Geld nicht an anderer Stelle besser eingesetzt wäre. Christoph Niesen widersprach dieser Logik entschieden. Die Vorstellung, dass Mittel für Olympia einfach in andere Projekte umgeleitet werden könnten, sei ein Trugschluss. Die Finanzierung der Spiele selbst erfolge größtenteils privat, über Einnahmen aus Vermarktung, Tickets und internationalen Beiträgen. Öffentliche Gelder flössen vor allem in Infrastruktur – allerdings nach denselben Mechanismen, wie sie auch für andere Großprojekte gelten.
Vor allem aber, so Niesen, habe die bloße Bewerbung bereits messbare Effekte ausgelöst. In Nordrhein-Westfalen seien Förderprogramme in dreistelliger Millionenhöhe für Sportstätten, kommunale Anlagen und Schwimmbäder angestoßen worden – Entwicklungen, die ohne die olympische Perspektive kaum denkbar gewesen wären. Hinzu kämen Initiativen im Breitensport, etwa zur Qualifizierung von Übungsleitern, die nach der Pandemie neue Dynamik erzeugen sollen. Olympia fungiere hier weniger als Ziel denn als Katalysator.
Während Niesen die strukturelle Ebene betonte, lenkte Michael Hilgers den Blick auf die konkrete Umsetzung. Seine Botschaft: Der Aufwand in Mönchengladbach wäre überschaubar. Ein zentrales Element, das Leichtathletikstadion, würde temporär errichtet und nach den Spielen wieder zurückgebaut – ein Konzept, das in dieser Form bislang kaum erprobt ist. Nachhaltigkeit sei dabei nicht nur ein Schlagwort, sondern Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg.
Die vorhandene Infrastruktur, insbesondere der SparkassenPark, biete bereits jetzt ein Niveau, das international konkurrenzfähig sei. Hier wurde auch die Feldhockey-Weltmeisterschaft der Herren 2006 ausgerichtet, und im August 2025 war der SparkassenPark bereits zum dritten Mal Austragungsstätte der größten Hockey-Veranstaltung des Kontinents, den Hockey-Europameisterschaften.
Foto: Rheinischer Spiegel/Maris Rietrums
Für den Hockeysport selbst hätte eine Austragung in Mönchengladbach eine besondere Bedeutung. Martin Schultze sprach von nahezu idealen Bedingungen und verwies auf laufende Investitionen in Nachwuchs- und Trainingsstrukturen. Eine olympische Nutzung wäre aus seiner Sicht mehr als nur ein Höhepunkt – sie könnte langfristig prägend wirken. Auch hier verband sich die nüchterne Perspektive mit einer emotionalen: die Vorstellung, Weltklasse-Sport im eigenen Umfeld zu erleben.
Diese emotionale Dimension durchzog den gesamten Abend. Immer wieder wurde deutlich, dass sich der Wert olympischer Spiele nicht allein in Zahlen fassen lässt. Schultze hob die motivierende Kraft für junge Menschen hervor, die sich an Vorbildern orientieren und eigene Ziele entwickeln. Reiners ergänzte diese Sicht um eine gesellschaftliche Perspektive: Sport im Kindes- und Jugendalter habe einen erheblichen ökonomischen Nutzen, etwa durch eingesparte Gesundheits- und Sozialkosten. Für Mönchengladbach bezifferte er diesen Effekt auf einen zweistelligen Millionenbetrag jährlich – eine Zahl, die zwar abstrakt bleibt, aber die Bedeutung des Themas unterstreicht.
Gleichzeitig blieb Raum für grundsätzliche Überlegungen. Heinrichs formulierte zugespitzt: Wer Olympia grundsätzlich ablehne, stelle letztlich internationale sportliche Begegnungen infrage. Dahinter steht ein Verständnis von Sport als verbindendes Element in einer zunehmend fragmentierten Welt. Gerade in Zeiten politischer Spannungen könne ein solches Ereignis eine selten gewordene Form des Miteinanders ermöglichen.

Interessant war dabei, dass sich die Diskussion im Verlauf zunehmend verdichtete. Je länger gesprochen wurde, desto stärker trat eine gemeinsame Linie hervor. Kritikpunkte wurden nicht ausgeblendet – etwa Fragen der Kosten, der Infrastruktur oder der öffentlichen Wahrnehmung –, doch sie führten nicht zu einer grundsätzlichen Ablehnung. Im Gegenteil: Am Ende überwog eine Haltung, die man als vorsichtigen Optimismus bezeichnen könnte, gespeist aus der Überzeugung, dass die Chancen die Risiken überwiegen.
Vielleicht war es gerade diese Mischung aus Rationalität und Emotion, die den Abend prägte. Die nüchternen Zahlen, die strategischen Überlegungen, die politischen Prozesse – all das blieb präsent. Doch ebenso spürbar war die Vorstellungskraft: die Idee, Teil eines globalen Ereignisses zu sein, die eigene Stadt im internationalen Kontext zu sehen, neue Perspektiven zu eröffnen. So endete die Diskussion nicht mit einem klaren Fazit, sondern mit einer offenen Frage, die sich nun an die Bürger richtet. Wollen wir diese Chance nutzen? Es ist eine Frage, die sich nicht allein mit Fakten beantworten lässt. Sie verlangt eine Entscheidung darüber, welches Bild eine Stadt von sich selbst entwerfen möchte – und welchen Platz sie in der Welt einzunehmen bereit ist. (sk)




