Wer Sardinien nur mit türkisblauem Meer und endlosen Stränden verbindet, übersieht leicht, dass die Insel eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Regionen Europas ist.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen/Sardinien – Ein Besuch im Museo Archeologico Nazionale di Cagliari eröffnet eine neue Perspektive auf das Eiland im Mittelmeer – fernab touristischer Klischees, tief verwurzelt in archaischer Geschichte und geprägt von einzigartiger kultureller Vielfalt. Das Museum, ein kultureller Leuchtturm auf dem Castello-Hügel, gilt als das bedeutendste archäologische Museum Sardiniens und als unverzichtbarer Schlüssel zum Verständnis der Insel.
Das Gebäude, in dem sich das Museum heute befindet, ist Teil der Cittadella dei Musei – einer ehemaligen Kaserne aus dem 19. Jahrhundert, die in den 1950er-Jahren zu einem Zentrum der Wissenschaft und Kunst umgestaltet wurde. Die nüchterne Fassade täuscht: Im Inneren eröffnet sich ein eindrucksvolles Panorama sardischer Geschichte, das von der Jungsteinzeit bis in die Spätantike reicht.
Im Zentrum der Ausstellung stehen die Relikte der nuraghischen Kultur, die Sardinien zu einem archäologischen Sonderfall im Mittelmeerraum machen. Besonders faszinierend sind die Ton- und Bronzefiguren, die einen unverstellten Blick auf das Weltbild und die Mythen dieser rätselhaften Gesellschaft ermöglichen. Anders als andere antike Zivilisationen hinterließen die Nuragher keine Schrift, doch ihre komplexen Bauten – die Nuraghen – und kunstvoll gearbeiteten Figuren sprechen eine ebenso beredte Sprache. Einzigartig sind die Darstellungen von Schiffen mit Ruderern, Kriegern mit Helmen und Hörnern, Priesterfiguren mit Kultobjekten – jedes Stück ein Puzzleteil aus einer verlorenen Welt.
Doch das Museum beschränkt sich nicht auf die nuraghische Epoche. Die Sammlung dokumentiert eindrucksvoll die Einflüsse der Phönizier, die im 8. Jahrhundert v. Chr. begannen, Handelsstützpunkte an der Küste zu errichten, und später der Karthager, die Sardinien in ihr Reich eingliederten. Zeugnisse dieser Zeit sind unter anderem Grabschmuck, Keramik und eindrucksvolle Masken – stille Zeugen einer blühenden Kultur mit engen Verbindungen zu Nordafrika.
Besonders atmosphärisch sind die Räume, in denen punische Sarkophage, römische Grabinschriften und filigrane Glasgefäße ausgestellt sind. Sie erzählen von Trauer und Transzendenz, von Handel und Handwerk, von Kulturen, die auf Sardinien nicht nur landeten, sondern sich tief ins kulturelle Gedächtnis der Insel eingruben. Römische Villenfunde mit kunstvollen Bodenmosaiken, Fragmente von Skulpturen und Alltagsgegenständen aus der Kaiserzeit illustrieren, wie eng Sardinien in das römische Verkehrs- und Versorgungssystem eingebunden war.
Auch das frühe Christentum hat im Museum einen Platz: Altäre, Amulette, kleine Kreuze und Grabinschriften zeugen von einer religiösen Transformation, die auch die Architektur und Lebensweise auf der Insel veränderte. Überall spürt man das Streben des Museums, nicht nur Dinge zu zeigen, sondern Geschichten zu erzählen – oft still, eindringlich, nie überladen.
Besucher erleben hier keine chronologisch starre Aneinanderreihung von Epochen, sondern eine Erzählung, die Sardinien als kulturelles Mosaik begreifbar macht – geprägt durch Migration, Eroberung, Austausch und Anpassung. Besonders für Reisende, die mehr über die Seele der Insel erfahren möchten, ist das Museo Archeologico Nazionale ein Muss. Seine Sammlung ist nicht nur eindrucksvoll, sondern auch tiefgründig kuratiert. Jeder Raum, jedes Objekt eröffnet neue Fragen und lädt dazu ein, Sardinien nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Geist zu bereisen. (dt)





