Selbstbehauptung als gesellschaftlicher Auftrag: Der Budo-Club Viersen setzte ein Zeichen gegen Gewalt

Es war ein Samstag, der mehr sein wollte als eine sportliche Veranstaltung. In der Bebericher Sporthalle kamen rund 70 Frauen zusammen, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das längst über Turnmatten hinausreicht: Gewalt gegen Frauen – und die Frage, wie man ihr begegnen kann. Der „Ladies Day“, organisiert vom Budo-Club-Viersen e.V., geriet dabei zu einer Mischung aus praktischem Training, Aufklärung und gesellschaftlicher Mahnung.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Martin Häming

Viersen – Fünf Stunden dauerte der Workshop, getragen von einer seltenen Dichte an Expertise. Gleich mehrere hochgraduierte Kampfkunstmeister waren angereist, um ihr Wissen zu teilen: Christoph Lemm (10. Dan), Guido Sieverling (Sigung, Long Quan Kung Fu), Dirk Breinig (7. Dan) – Die Redaktion wünscht herzlichen Glückwunsch zum 50-jährigen Kampfsportjubiläum -, Zenon Poros (7. Dan), Jörg Etwein (8. Dan), Freddy Bär (7. Dan, zugleich Vereinsvorsitzender), Peter Meeser (8. Dan), ergänzt durch Christin Otto und Marion Gruteser. Dass sich eine derart große Zahl an Referenten an einem Ort versammelte, war kein Zufall, sondern Ausdruck eines gemeinsamen Anliegens.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der Verein selbst blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit 1979 ist der Budo-Club Viersen aktiv und hat sich mit Angeboten wie Tai Chi, Kung-Fu, Dju-Su Streetfight und Kinderkampfsport ab drei Jahren zu einer festen Größe im lokalen Vereinsleben entwickelt. Knapp 150 Mitglieder zählt der Club heute. Doch die sportliche Betätigung ist nur ein Teil seines Selbstverständnisses. Gemeinnützigkeit, Jugendarbeit und die Vermittlung von Werten nach dem Shaolin-Prinzip – Disziplin, Respekt und innere Stärke – bilden das Fundament.

Diese Haltung war auch in der Sporthalle spürbar. Die Teilnehmerinnen, unterschiedlich in Alter und Erfahrung, übten nicht nur Abwehrtechniken, sondern trainierten vor allem Wahrnehmung, Körpersprache und Selbstvertrauen. Es ging um Situationen des Alltags, um Grenzüberschreitungen, um das frühzeitige Erkennen von Gefahr. Immer wieder unterbrachen die Referenten die Übungen, um Hintergründe zu erläutern, Szenarien zu variieren oder Fragen zu beantworten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

„Ich hätte nicht gedacht, wie viel es ausmacht, allein die eigene Haltung zu verändern“, sagte eine Teilnehmerin in einer kurzen Pause. „Man merkt sofort, dass man anders wahrgenommen wird, wenn man sicher auftritt.“ Eine andere Teilnehmerin formulierte es noch deutlicher: „Es geht hier nicht darum, zu kämpfen. Es geht darum, sich nicht mehr ausgeliefert zu fühlen.“

Dass dieser Bedarf existiert, belegen aktuelle Zahlen. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes, veröffentlicht im November 2025, erreichte die Gewalt gegen Frauen in Deutschland im Jahr 2024 einen neuen Höchststand. Fast 266.000 Menschen wurden Opfer häuslicher Gewalt, über 70 Prozent von ihnen Frauen. Allein 187.128 Frauen wurden als Opfer registriert – ein Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch bei Sexualdelikten und digitaler Gewalt zeigen die Statistiken steigende Zahlen. Besonders alarmierend: Nahezu täglich wird in Deutschland eine Frau Opfer eines versuchten oder vollendeten Tötungsdelikts durch ihren Partner oder Ex-Partner. Diese Zahlen bilden lediglich das sogenannte Hellfeld ab – also jene Fälle, die zur Anzeige gebracht wurden. Fachleute gehen seit Jahren von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Gewalt im häuslichen Umfeld geschieht häufig im Verborgenen, geprägt von Abhängigkeit, Angst oder Scham.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Vor diesem Hintergrund erhielt der Workshop eine zusätzliche Dimension. Neben dem praktischen Training war auch Aufklärung Teil des Programms. Der „Weiße Ring“ war mit einem Informationsstand vertreten und bot Beratungsmöglichkeiten an, wie verschiedene weitere Organisationen. Auch aus der Kommunalpolitik kam Unterstützung. In einem Grußwort würdigte der Bürgermeister der Stadt die Initiative: Es sei von großer Bedeutung, auf ein solches gesellschaftliches Phänomen aufmerksam zu machen, Frauen zu ermutigen und insbesondere Kinder darin zu bestärken, sich gegen körperliche, verbale oder sexualisierte Gewalt zur Wehr zu setzen. Der Dank richtete sich ausdrücklich an die Organisatoren, die mit dem Workshop ein klares Zeichen setzten.

Finanziell getragen wurde die Veranstaltung auch durch Sponsoring und Spenden lokaler Unternehmen aus Viersen. Ohne diese Unterstützung, betonte der Verein, wäre ein Angebot in dieser Form kaum möglich gewesen. Der „Ladies Day“ steht zudem nicht isoliert, sondern reiht sich in eine Reihe von Projekten ein, die der Budo-Club seit Jahren verfolgt. Unter dem Motto „Kinder stark machen“ etwa wurden zuletzt im November 2025 mehr als 80 Kinder in einem Lehrgang geschult. Der Kampf gegen Gewalt – insbesondere gegen Frauen – ist ein weiterer Schwerpunkt, der angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend an Gewicht gewinnt.

Zum Abschluss des Tages änderte sich die Atmosphäre noch einmal. Wo zuvor dynamische Übungen und klare Kommandos den Ton bestimmt hatten, trat nun Ruhe ein. Zenon Poros und Jörg Etwein führten eine Tai-Chi-Darbietung vor – langsam, fließend, konzentriert. Es war ein Kontrast, der das Verständnis von Kampfkunst erweiterte: nicht nur als Mittel der Verteidigung, sondern auch als Weg zur inneren Balance. Während die Teilnehmerinnen die Halle verließen, war von Erschöpfung ebenso die Rede wie von neu gewonnener Sicherheit. Viele kündigten an, weitertrainieren zu wollen. Der Budo-Club Viersen hofft, dass der „Ladies Day“ nicht nur ein einmaliges Ereignis bleibt, sondern Impulse setzt – für mehr Aufmerksamkeit, mehr Prävention und mehr Selbstvertrauen im Alltag. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming