Vietnam triumphiert in der Viersener Festhalle – Deutschland bleibt Rang zwei

Als am späten Sonntagnachmittag in der Viersener Festhalle die letzten Kugeln zur Ruhe kamen, war die Entscheidung gefallen: Deutschland ist Vize-Weltmeister im Dreiband. Nach vier Tagen auf höchstem spielerischen Niveau musste sich das deutsche Duo im Endspiel der 38. Dreiband-Team-Weltmeisterschaft dem Titelverteidiger aus Vietnam geschlagen geben.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker, Rita Stertz und Martin Häming

Viersen – Die Mannschaft mit Tran Thanh Tu Nguyen und Quyet Chien Tran entschied beide Finalpartien für sich und verteidigte damit ihren im Vorjahr errungenen Titel. Für Martin Horn und Amir Ibraimov blieb vor heimischem Publikum die Silbermedaille.

Schon Stunden vor Beginn des Endspiels hatte sich die Festhalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Viersen, seit Jahrzehnten ein Zentrum des internationalen Dreibands, verwandelte sich einmal mehr in eine Bühne für höchste Präzision und Nervenstärke. Dass die Gastgeber am Ende nicht ganz oben stehen würden, zeichnete sich im Finale früh ab; auch wenn der Widerstand insbesondere von Martin Horn beträchtlich war.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Horn traf parallel zu Ibraimov auf Quyet Chien Tran, während Nguyen am Nebentisch gegen Ibraimov spielte. Das Format der Team-Weltmeisterschaft sieht zwei gleichzeitig ausgetragene Einzel vor, deren addiertes Ergebnis über Sieg oder Niederlage entscheidet. Früh geriet Horn ins Hintertreffen. Tran nutzte mehrere sich bietende Einstiege, spielte Serien mit bemerkenswerter Sicherheit und baute seinen Vorsprung zeitweise auf rund ein Dutzend Punkte aus. Doch der Deutsche arbeitete sich zurück. Mit konzentriertem Positionsspiel verkürzte er bis zur Halbzeitpause auf 18:20 und stellte damit die Weichen auf ein offenes Match.

Nach dem Seitenwechsel schien das Momentum kurzzeitig zu kippen. Horn fand Zugriff auf das Spiel, zwang Tran in schwierigere Lagen und setzte selbst Akzente. Doch binnen zweier Aufnahmen wendete sich das Geschehen erneut. Tran antwortete mit einer Serie, ließ keine Zweifel an seiner Klasse aufkommen und steuerte zielstrebig der 40-Punkte-Marke entgegen. Als er diese erreichte, war das Spiel entschieden. Da Horn die Partie eröffnet hatte, stand ihm kein Nachstoß mehr zu.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Währenddessen kämpfte Amir Ibraimov am Nebentisch gegen Tran Thanh Tu Nguyen. Der junge Deutsche hatte im Turnierverlauf mehrfach seine Nervenstärke unter Beweis gestellt, geriet jedoch im Finale zunehmend ins Hintertreffen. Nguyen kontrollierte die Partie, hielt Ibraimov mit präzisem Sicherheitsspiel auf Distanz und baute seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Erst nachdem das Match zwischen Horn und Tran zugunsten Vietnams entschieden war, rückte das zweite Einzel in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Nguyen tat sich nun schwer, den letzten Schritt zu gehen. Mehrere vergebene Chancen eröffneten Ibraimov Möglichkeiten, die er zu einer Verkürzung nutzte. Doch die Aufholjagd kam zu spät. Mit dem Punkt zum 40:34 machte Nguyen den Titelgewinn perfekt. Das Endergebnis von 4:0 im Finale spiegelte die Entschlossenheit der Titelverteidiger wider.

Der Weg ins Endspiel war für beide Mannschaften anspruchsvoll gewesen. Bereits im Halbfinale hatte Vietnam gegen Schweden Schwerstarbeit leisten müssen. Quyet Chien Tran traf dort auf den erfahrenen Torbjörn Blomdahl. Nach ausgeglichener erster Phase setzte sich der Vietnamese zur Mitte der Partie ab und erreichte mit 40:30 als Erster das Ziel. Blomdahl nutzte seinen Nachstoß eindrucksvoll zu einer Serie von sechs Punkten, doch zur Wende reichte es nicht.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Im Parallelspiel zwischen David Pennor und Nguyen entwickelte sich ein enges Duell. Pennor behauptete eine knappe Führung bis zum 40:36. Nguyen gelangen im Nachstoß lediglich zwei Zähler, sodass es zum entscheidenden Scotch Double kam – jener Disziplin, in der beide Teammitglieder im Wechsel an einem Tisch agieren. Vietnam startete furios, erzielte eine Serie von elf Punkten und setzte damit früh ein Ausrufezeichen. Zwar kämpften sich die Schweden noch einmal heran, ehe eine Phase zahlreicher Safeties und vergebener Möglichkeiten das Spiel prägte, doch letztlich sicherten sich Tran und Nguyen mit 15:7 den Finaleinzug.

Auch das deutsche Halbfinale gegen Kolumbien war nichts für schwache Nerven. Amir Ibraimov setzte sich in einer bis zum Schluss offenen Partie mit 40:38 gegen Huberney Catano durch. Am Nebentisch steuerte Martin Horn auf ein Unentschieden gegen Pedro Gonzalez zu. Bei 39:40 erhielt er den Nachstoß; eine Standardposition, wie man sie von einem Spieler seines Formats verwandelt erwartet. Doch der Ball verfehlte sein Ziel. Entsetzen auf den Rängen, Fassungslosigkeit beim Protagonisten.

Es war Ibraimov, der unmittelbar zu seinem Teamkollegen trat, ihm Mut zusprach und den Blick auf das nun entscheidende Scotch Double richtete. Und tatsächlich: Das deutsche Duo begann entschlossen, erzielte gleich zu Beginn eine Serie von acht Punkten und verschaffte sich damit den notwendigen Vorsprung. Kolumbien hielt dagegen, doch das 15:7 für Horn und Ibraimov fiel am Ende deutlich aus und bescherte den Gastgebern den Einzug ins Finale.

So bleibt von diesen vier Tagen in Viersen ein Turnier in Erinnerung, das sportlich wie atmosphärisch Maßstäbe setzte. Die Festhalle erwies sich erneut als würdiger Austragungsort einer Weltmeisterschaft. Die Nähe zum Geschehen, das konzentrierte Schweigen während der Aufnahmen und der donnernde Applaus nach gelungenen Serien verliehen der Veranstaltung eine besondere Intensität. Deutschland präsentierte sich als hervorragender Gastgeber; und als Mannschaft, die sich mit spielerischer Klasse und mannschaftlicher Geschlossenheit bis ins Endspiel vorarbeitete. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz