Schon lange vor Beginn hatte sich die St. Cornelius-Kirche gefüllt. Das gedämpfte Licht fiel durch die hohen Fenster auf die dicht besetzten Reihen, in denen sich erwartungsvolle Unruhe mit einer beinahe andächtigen Stille mischte.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Viersen-Dülken – Als die ersten Töne der Orgel erklangen, war es, als würde sich der Raum selbst verwandeln; in eine klangliche Architektur, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verband. In dieser Atmosphäre eröffnete Kantor Giovanni Solinas das 4. Internationale Orgelfestival und setzte zugleich den Ton für einen Abend, der ganz im Zeichen existenzieller Fragen stand.

Im Mittelpunkt stand ein Werk von außergewöhnlicher Geschlossenheit und Tiefe: die „Lagrime di San Pietro“ von Orlando di Lasso. Der WDR Rundfunkchor, geleitet von Philipp Ahmann, entfaltete diesen späten Zyklus der Renaissance mit einer Präzision und klanglichen Durchdringung, die den Kirchenraum bis in die letzten Winkel ausfüllte. Stimmen verschränkten sich zu einem dichten Geflecht, das weniger auf unmittelbare Wirkung als auf nachhaltige Eindringlichkeit zielte.
Das Werk selbst folgt keiner linearen Erzählung, sondern einer inneren Bewegung. Es beginnt mit der Szene des Verrats: Petrus, der in der Angst um sein eigenes Leben die Nähe zu Christus leugnet. Die Verse des Matthäusevangeliums bilden den Hintergrund, doch es ist die poetische Ausgestaltung durch Luigi Tansillo, die den Stoff in eine Folge von Reflexionen überführt. Seine Sprache, ursprünglich in der Tradition der Liebeslyrik verwurzelt, gewinnt hier eine geistliche Dimension. Orlando di Lasso greift diese Vorlage auf und gestaltet daraus 20 Madrigale, die er durch eine abschließende Motette ergänzt; ein Perspektivwechsel vom reuigen Menschen hin zu Christus selbst.

In Dülken wurde diese Anlage als ein musikalisches Triptychon erfahrbar. Die drei Abschnitte, jeweils aus sieben Teilen bestehend, zeichneten die Entwicklung von Schuld über Erkenntnis hin zur inneren Umkehr nach. Die symbolische Bedeutung der Zahl Sieben, tief verwurzelt in der christlichen Tradition, durchzieht das Werk ebenso wie die wechselnden Kirchentonarten, die den einzelnen Abschnitten ihre jeweilige Färbung verleihen.
Der Chor folgte dieser Dramaturgie mit bemerkenswerter Klarheit. Unter der Leitung von Philipp Ahmann entstand ein Klangbild, das nie ins Pathetische auswich, sondern sich aus der Struktur der Musik selbst entwickelte. Ahmann, seit der Saison 2025/26 Chefdirigent des Ensembles, gehört zu den prägenden Gestalten der aktuellen Chorszene. Seine Arbeit ist geprägt von stilistischer Genauigkeit und einem ausgeprägten Sinn für klangliche Balance, den er in Dülken eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Zwischen den Madrigalen setzte die Orgel Akzente. Werke von Girolamo Frescobaldi, darunter Toccaten und liturgische Stücke aus den „Fiori musicali“, strukturierten den Abend und schufen zugleich Räume der Reflexion. Giovanni Solinas verstand es, diese Passagen nicht als bloße Übergänge zu gestalten, sondern als eigenständige Kommentare zum Geschehen. Sein Spiel verband technische Präzision mit einem Gespür für die klanglichen Möglichkeiten des Instruments, das im Kirchenraum eine besondere Präsenz entfaltete. Die Wirkung dieses Zusammenspiels aus Chor und Orgel war unmittelbar. Der Raum selbst wurde zum Resonanzkörper eines Geschehens, das sich weniger auf der Bühne als vielmehr zwischen Klang und Stille vollzog. Jeder Einsatz, jede Pause schien Teil einer größeren Ordnung zu sein, die sich erst im Verlauf des Abends vollständig erschloss.
Unter den Zuhörern befand sich auch Bürgermeister Christoph Hopp, der die Bedeutung des Festivals für die Stadt Viersen unterstrich. Dass ein Ensemble wie der WDR Rundfunkchor in Dülken gastiert, ist Ausdruck einer kulturellen Selbstverständlichkeit, die große Kunst nicht allein den Metropolen vorbehält. Der Chor selbst zählt schließlich seit Jahren zu den führenden Klangkörpern seiner Art. Seine Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern und Auftritte bei internationalen Festivals haben ihm einen festen Platz im europäischen Musikleben gesichert. In Dülken zeigte sich diese Erfahrung in der souveränen Beherrschung eines Repertoires, das höchste Anforderungen an Intonation, Textverständlichkeit und klangliche Differenzierung stellt.

Über den Kirchenraum hinaus war das Konzert auch medial präsent. Eine Übertragung ermöglichte es, den Abend im Livestream zu verfolgen; zudem wird die Aufführung am 2. April 2026 um 20.03 Uhr im Programm von WDR 3 gesendet und anschließend für 30 Tage im Konzertplayer abrufbar sein. Mit diesem Auftakt hat das Internationale Orgelfestival in Dülken seinen Anspruch bekräftigt, einen Raum für anspruchsvolle Kirchenmusik zu schaffen, der weit über die Region hinausstrahlt. Die kommenden Konzerte, unter anderem mit David Franke und Ezequiel Menéndez, werden diesen Weg fortsetzen.
4. Internationales Orgelfestival
www.kirchenmusik-st-cornelius.de
26.04., 17:00 Uhr – Davis Franke (DE)
Prof. für Impro. Musikschule Freiburg
Orgelimprovationskonzert nach Publikumsthemen
24.05., 17:00 Uhr
Ezequiel Menéndes (USA)
Orgelprof. „College of the holy cross“, Werke von: Mendelssohn, Piazzolla, Ginastera, Rheinberger (sk)




