Calasetta – Vom tunesischen Tabarka zum sardischen Sant’Antioco

Im äußersten Südwesten Sardiniens, dort wo das Meer in tiefem Blau gegen raue Klippen schlägt, liegt Calasetta – ein Fischerdorf, das auf geheimnisvolle Weise mediterrane Gelassenheit mit einem Hauch Exotik verbindet. Anders als die mondänen Badeorte der Costa Smeralda erzählt Calasetta keine Geschichte von Jetset und Luxus. Hier geht es um Herkunft, Identität und stille Schönheit.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Reisen – Calasetta ist das Produkt einer außergewöhnlichen Migrationsgeschichte. Mitte des 16. Jahrhunderts siedelten sich ligurische Fischer auf der nordafrikanischen Insel Tabarka an, um dort nach Korallen zu tauchen – eine gefragte Handelsware jener Zeit. Über zwei Jahrhunderte hinweg entwickelte sich auf Tabarka eine florierende, italienisch geprägte Enklave. Doch als die Insel von der Beylik von Tunis annektiert wurde, mussten die Tabarchini ihre Heimat verlassen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Ein Teil dieser Gemeinschaft fand Zuflucht auf der sardischen Insel Sant’Antioco, die damals zum Königreich Sardinien gehörte. Hier, am damals noch unbesiedelten Nordkap der Insel, wurde 1770 die Siedlung Calasetta gegründet. Der Ortsname erinnert an die geschützte „kleine Bucht“ („caletta“), die zur neuen Heimat wurde.

Calasetta unterscheidet sich architektonisch deutlich von anderen sardischen Dörfern. Die Siedlung wurde nicht organisch über Jahrhunderte gewachsen, sondern auf dem Reißbrett entworfen – mit einem geometrisch klaren Straßennetz im Schachbrettmuster. Die Häuser, oft weiß getüncht mit leichten Pastelltönen, reflektieren das grelle Licht des Südens und verleihen dem Ort seine charakteristische Helligkeit. Hier atmet man ligurische Klarheit in sardischer Landschaft.

Besucher staunen nicht selten, wenn sie im Ort eine Sprache hören, die sich stark vom sardischen oder italienischen Idiom unterscheidet: Tabarchino. Dieser alte ligurische Dialekt wird in Calasetta bis heute gepflegt und ist Teil eines lebendigen kulturellen Erbes. Straßenschilder sind oft zweisprachig beschriftet, Kinder lernen die Sprache in der Schule, und selbst Behörden erkennen Tabarchino als regionale Minderheitensprache an.

Foto: Rheinischer Spiegel

Musik und Gesang, besonders bei Dorffesten, sind geprägt von dieser kulturellen Identität. Das Sommerfestival „Settimana Tabarchina“ widmet sich jedes Jahr dem tabarchinischen Erbe mit Konzerten, traditionellen Gerichten und historischen Vorführungen.

Obwohl Calasetta weniger bekannt ist als viele sardische Badeorte, hat es für Entdecker viel zu bieten. Die Strände sind ein Traum: „Le Saline“ mit seinem feinen, weißen Sand, „Spiaggia Grande“ mit flachem Wasser für Familien oder „Sottotorre“, ein kleiner geschützter Strand direkt unter dem historischen Sarazenenturm, der früher der Piratenabwehr diente.

Wanderfreunde finden entlang der zerklüfteten Küste dramatische Aussichtspunkte. Ein Geheimtipp ist der Faro di Mangiabarche – ein Leuchtturm auf einem Felsen im Meer, der bei stürmischem Wetter dramatische Szenen bietet und Fotografen aus aller Welt anzieht.

Die Küche Calasettas ist ein Spiegelbild der bewegten Geschichte. Hier trifft ligurische Kochkunst auf afrikanische Gewürze und sardische Zutaten. Besonders hervorzuheben ist der „Couscous alla Tabarchina“ – mit Fisch, Gemüse und aromatischen Brühen zubereitet. Auch das ligurische „Pesto“ bekommt hier eine neue Dimension, oft serviert zu frischer Meeresfrüchtepasta. Lokale Weine, insbesondere aus der autochthonen Carignano-Rebe, runden das kulinarische Erlebnis ab. Die Cantina di Calasetta produziert kräftige, rubinrote Weine mit überraschender Eleganz – ideal zu Fisch, aber auch zu kräftigen Fleischgerichten.

Calasetta steht heute an einem Wendepunkt. Der Tourismus nimmt langsam zu, doch viele Einheimische setzen bewusst auf nachhaltige Entwicklung. Kleine Gästehäuser, familiengeführte Restaurants und kunsthandwerkliche Läden bestimmen das Bild. Der Ort ist kein Massenziel – und will es auch nicht sein. Stattdessen setzt Calasetta auf seine stille Stärke: Authentizität, Geschichte und einen Reichtum an Geschichten, der weit über das hinausgeht, was auf den ersten Blick sichtbar ist. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel