Der Duft von Benzin und altem Leder lag am gestrigen Samstag über dem Remigiusplatz. Wo sonst Einkaufstaschen den Ton angeben, dominierten diesmal Chrom, Patina und der unverwechselbare Klang alter Motoren. Die 36. Viersener OldtimerRallye hatte gerufen – und mehr als 120 liebevoll gepflegte Fahrzeuge folgten dem Ruf, ebenso wie Hunderte Schaulustige, die die Viersener Innenstadt in ein Freiluftmuseum verwandelten.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Bereits ab acht Uhr morgens trudelten die ersten Klassiker ein: vom ehrwürdigen Vorkriegsmodell bis zum kantigen Youngtimer aus den frühen Neunzigern. Geschichten wurden ausgetauscht, technische Details diskutiert, die Motorhauben geöffnet und bewundert. Während die zahlreichen Zuschauer durch die Reihen schlenderten, fanden sich die Teilnehmer zur obligatorischen Fahrerbesprechung ein, bei der letzte Hinweise, Streckenbesonderheiten und organisatorische Details in entspannter Atmosphäre vermittelt wurden, ehe schließlich der lang ersehnte Startschuss die motorisierte Zeitreise offiziell eröffnete und die Stimme von Moderator Daniel Gartz über den Platz wehte.

Die Fahrzeuge setzten sich gemächlich in Bewegung – nicht mit dem Ziel, schneller als die Konkurrenz zu sein, sondern um gemeinsam mit Gleichgesinnten einen besonderen Tag zu erleben. Genau das machte den Charme dieser Rallye aus – einer Veranstaltung, die ihren Namen zwar trägt, aber auf Hektik bewusst verzichtet.
Die Route blieb bis zuletzt geheim. Erst mit dem Bordbuch in der Hand, gefüllt mit sogenannten Chinesenzeichen – kleinen Symbolen, Pfeilen und Skizzen – begaben sich die Teams auf ihre motorisierte Schnitzeljagd durch den Niederrhein. Der Motorsportclub Süchteln hatte wieder ganze Arbeit geleistet und zwei abwechslungsreiche Etappen gestaltet, die über Viersen, Schwalmtal, Niederkrüchten und Brüggen zunächst nach Nettetal führten, bevor es am Nachmittag durch Grefrath, Geldern, Issum und Willich zurück nach Viersen ging.

Viele Zuschauer ließen es sich nicht nehmen, die Kolonne an verschiedenen Streckenpunkten zu bestaunen. „Man sieht ja sonst kaum noch solche Autos auf der Straße – und dann gleich so viele auf einmal“, meinte begeistert der 14-jährige Tim aus Dülken, der gemeinsam mit seinem Vater die Wagen erwartet hatte. Auch Marianne W. aus Krefeld, die mit ihrem Enkel anreiste, zeigte sich begeistert: „Das ist wie ein rollendes Museum – aber mit Leben drin!“
Am späten Nachmittag erreichten die ersten Fahrzeuge das Ziel an der Festhalle Viersen. Begleitet von Applaus und Blitzlichtgewitter endete ein Tag voller Nostalgie, Leidenschaft und Gemeinschaftsgefühl. Doch damit war die Veranstaltung noch nicht vorbei. Am Nachmittag begann die feierliche Siegerehrung. Pokale wurden nicht nur für die besten Teams in den jeweiligen Fahrzeugklassen vergeben, sondern auch für besondere Leistungen – etwa für das älteste Fahrzeug, die weiteste Anreise oder den letzten Platz, der traditionsgemäß mit einer stilechten Petroleumlampe, der „Roten Laterne“, geehrt wurde.

Veranstaltet wurde die Rallye vom Arbeitskreis „Viersener OldtimerRallye“, in dem das Citymanagement, der Motorsportclub Süchteln und die Volksbank Viersen eng zusammenarbeiteten. Hauptsponsor war die Volksbank, die mit Andreas Bach zugleich die digitale Organisation verantwortete. Auch zahlreiche lokale Unternehmen trugen mit Pokal- und Sachspenden zum Gelingen bei. Heinz N. aus Dülken, langjähriger Besucher der Veranstaltung, brachte die Stimmung des Tages auf den Punkt: „Ich komme jedes Jahr – weil es einfach Herz hat. Hier geht’s nicht um PS, sondern um Menschen, Geschichten und Leidenschaft.“ Eben eine Hommage an vergangene Zeiten, an mechanische Meisterwerke und das Miteinander auf vier Rädern. (cs)




