Am Frankfurter Römerberg, dort, wo sich zwischen Dom, Main und Rathaus die historischen Schichten der Stadt besonders dicht überlagern, liegt das Historische Museum Frankfurt – nicht nur das älteste Museum der Mainmetropole, sondern auch eines ihrer klügsten.
Von RS-Redakteur Walter Henning
Reisen – Seit seiner Gründung im Jahr 1878 ist es ein Ort, an dem Geschichte nicht verstaubt, sondern verhandelt wird: kontrovers, vielstimmig, manchmal unbequem und immer eng verbunden mit der Frage, was diese Stadt war, ist und sein will. Entstanden ist das Museum aus bürgerschaftlichem Engagement in einer Zeit, in der Frankfurt noch stark mit dem Verlust seiner politischen Eigenständigkeit rang.
Die Erinnerung an die Freie Stadt Frankfurt, die 1866 ihre Souveränität eingebüßt hatte, sollte bewahrt werden – nicht nostalgisch, sondern als Bildungsauftrag. Von Beginn an verstand sich das Haus als Sammlung der materiellen Zeugnisse städtischer Kultur: Alltagsgegenstände, Kunstwerke, Urkunden und Bilder, die gemeinsam ein Panorama urbanen Lebens über Jahrhunderte hinweg ergeben. Diese Grundidee trägt das Museum bis heute, auch wenn sich seine Formen und Fragestellungen immer wieder verändert haben.

Schon der Ort selbst erzählt Geschichte. Das Museum liegt südlich des Römerbergs, eingerahmt von der Alten Nikolaikirche und dem Mainkai, und präsentiert sich weniger als monolithisches Gebäude denn als ein kleines Stadtquartier. Rund um einen öffentlichen Museumsplatz gruppieren sich historische und moderne Bauten, die zusammen fast 800 Jahre Frankfurter Baugeschichte abbilden. Herzstück ist der Saalhof, ein Ensemble aus fünf Gebäuden unterschiedlicher Epochen, von staufischen Fundamenten über Renaissance und Barock bis ins 19. Jahrhundert. Kaum ein anderer Ort in Frankfurt macht die bauliche Entwicklung der Stadt so anschaulich erfahrbar.
Die Geschichte des Museums ist jedoch alles andere als geradlinig. Nach dem Ersten Weltkrieg reduzierte es sich zeitweise auf die Rolle eines Heimatmuseums, trennte sich von bedeutenden Sammlungsstücken und lagerte ganze Abteilungen aus. Die Zäsur des Zweiten Weltkriegs traf das Haus besonders hart: Die Zerstörung der Frankfurter Altstadt 1944 vernichtete nicht nur Gebäude, sondern auch Akten, Bibliotheksbestände und fest installierte Exponate. Zwar waren viele Objekte ausgelagert worden, doch zahlreiche Kunstwerke gelten bis heute als verschollen. Die Verluste sind Mahnung und Motor zugleich – sie prägen das Bewusstsein des Museums für die Fragilität kulturellen Erbes.

Der Wiederaufbau nach 1945 markierte einen Neuanfang. Schrittweise kehrte das Museum in den Saalhof zurück, zunächst provisorisch, dann zunehmend selbstbewusst. Mit dem Erweiterungsbau von 1972 betrat das Historische Museum jedoch ästhetisches und politisches Neuland – und löste eine der heftigsten Museumskontroversen der Bundesrepublik aus. Der brutalistische Sichtbetonbau an der Saalgasse und die radikal neue Dauerausstellung stellten nicht mehr das Objekt, sondern gesellschaftspolitische Lernziele in den Mittelpunkt. Stadtgeschichte wurde als Geschichte von Klassen, Konflikten und Bewegungen erzählt. Für die einen war das ein überfälliger Perspektivwechsel, für die anderen ideologische Zumutung. Unbestritten ist: Das Museum wurde zum Labor für neue Formen historischer Vermittlung und prägte nachhaltig das Verständnis von Museen als Bildungs- und Diskussionsorte.
Die bauliche und konzeptionelle Erneuerung im 21. Jahrhundert führte diese Linie fort – diesmal mit größerem architektonischem Feingefühl. Der umstrittene Betonbau wurde abgerissen und 2017 durch einen Neubau ersetzt, dessen Sandsteinfassade und Proportionen sich an der historischen Altstadt orientieren, ohne historisierend zu wirken. Die neue Architektur öffnet das Museum zur Stadt und schafft großzügige Ausstellungsflächen, die Licht, Transparenz und Orientierung bieten. Geschichte wird hier nicht mehr hinter Mauern verwahrt, sondern sichtbar in den Stadtraum eingebunden.

Inhaltlich versteht sich das Historische Museum Frankfurt heute als Ort der Verständigung. Die Dauerausstellungen spannen den Bogen von der mittelalterlichen Handelsstadt über die bürgerliche Republik, die Industrialisierung und die Zerstörungen des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Dabei geht es weniger um lineare Erzählungen als um Zusammenhänge, Brüche und Perspektiven. Besonders prägend ist das Stadtlabor, ein partizipatives Format, in dem Frankfurterinnen und Frankfurter selbst zu Kuratoren werden. Hier entstehen Ausstellungen zu aktuellen Fragen des urbanen Lebens: Wohnen, Migration, Erinnerungskultur, Zukunftsvisionen. Geschichte wird zur gemeinsamen Aufgabe.
Ein einzigartiges Projekt ist die Bibliothek der Generationen, ein langfristig angelegtes künstlerisches Erinnerungsarchiv. Bis ins Jahr 2105 sammeln sich hier autobiografische Texte, künstlerische Arbeiten und wissenschaftliche Beiträge, die persönliche und kollektive Erfahrungen dokumentieren. Dieses Archiv ist weniger abgeschlossenes Wissen als offener Prozess – ein stilles, eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Erinnerung entsteht.
Zur Museumsfamilie gehören zudem das Junge Museum Frankfurt, das mit interaktiven Ausstellungen Kinder und Jugendliche an Geschichte heranführt, sowie das Porzellan Museum Frankfurt im Höchster Kronberger Haus, das die Tradition der Höchster Porzellanmanufaktur lebendig hält. Ergänzt wird das Ensemble durch historische Präsentationen wie im Haus zur Goldenen Waage, wo Wohnkultur des 17. und 18. Jahrhunderts anschaulich erfahrbar wird. Selbst die Karikatur, lange Teil des Museums, hat hier ihre Wurzeln – auch wenn das Caricatura Museum heute eigenständig ist.
So ist das Historische Museum Frankfurt weit mehr als eine Sammlung von Dingen. Es ist ein Spiegel urbaner Identität, ein Ort des Streitgesprächs und der Neugier, ein Museum, das sich seiner Vergangenheit bewusst ist und dennoch konsequent nach vorne blickt. Wer hier durch die Höfe und Säle geht, begegnet nicht nur der Geschichte Frankfurts, sondern auch den Fragen, die jede Stadt betreffen: Wie wollen wir zusammenleben? Was bewahren wir – und warum? Und wie erzählen wir unsere Geschichten weiter? (wh)





