Unrundes Jubiläum, runde Sache: Wickraths meisterhafte Musikwoche

Frage: Was haben der FC Bayern München und die Wickrather Musikwoche gemeinsam? Antwort: Ein unrundes Jubiläum. Die Herren Profis in den kurzen Hosen bejubelten just an dem Tag ihre 35. Deutsche Meisterschaft, als in Wickrath der Startschuss für die 35. Musikwoche fiel.

Mönchengladbach-Wickrath – In München floss mehr Bier, aber den deutlich schöneren Gesang gab´s in Wickrath. Das hatte sich offenbar herumgesprochen: Der gewaltige Publikumszuspruch – und nicht zuletzt der Durst der Gäste – brachte den Heimat- und Verkehrsverein als Veranstalter zeitweise an die Grenzen seiner Getränkereserven.

Foto: Uli Schröders

Vom 19. bis 26. April 2026 führten insgesamt sechs Konzertveranstaltungen durch alle Schattierungen des musikalischen Spektrums. Am Sonntag stand das Instrument des Jahres 2026 im Mittelpunkt: das Akkordeon. Im ev. Gemeindezentrum präsentierten Kinder und Jugendliche der Musikschule Mönchengladbach unter Leitung ihrer Lehrerin Tanja Lutz ihre Fähigkeiten an der „Quetschkommode“, teilweise begleitet von Querflöte oder Oboe. Der Mut und das Können der Nachwuchskünstler, die teilweise erst seit einem Jahr Musikunterricht hatten, sorgte für Erstaunen. Zum Abschluss brillierten die Stars von morgen in einem schmissigen Akkordeon-Orchester. Anschließend übernahmen Daniel Vaaßen und Ali Ottmann, in und um Wickrath herum eher bekannt als „La Paz Music Duo“, das Kommando. An Gitarre und Bass heizten sie dem Publikum mit einer frischen Mischung aus Pop-/Rock-Klassikern, Bob Marley-Titeln und aktuellen Songs ordentlich ein. Mit spürbarer Spielfreude, mehrstimmigem Gesang und einem sicheren Gespür für bekannte Melodien sorgten sie für einen schwungvollen Ausklang des ersten Musikwoche-Tages.

Der Montag markierte den Auftakt der Konzerte im Nassauer Stall, zu dem das „Sabine Kühlich Trio“ antrat. Unter der Überschrift „Sehnsuchtsmusik“ wurde Fernweh nach der „Champs Élysées“ geweckt und die Zuhörer durften mitpfeifen. Das warme Timbre Sabine Kühlichs und die entfesselten Instrumentalsoli von Bassist Alex Morsey und Schlagzeuger André Spajic sorgten dafür, dass die Zuhörer ihr Kommen zu keinem Zeitpunkt bereuten: „Non, je ne regrette rien“. Schließlich ließen die drei Vollblutmusiker zum Abschluss als Hommage an Hildegard Knef noch „rote Rosen“ auf das begeisterte Publikum regnen. Ermöglicht wurde das Engagement des Trios für die Musikwoche durch die Stiftung Jürgen Kutsch. Sie fördert Bildung, Kunst und kulturellen Dialog sowie Jugendarbeit und hilft benachteiligten Menschen bei der Integration in die Gesellschaft.

Foto: Uli Schröders

Am Dienstag erweckte das Ensemble „Troika“ Tschaikowskis „Nussknacker“ musikalisch zum Leben. Im Wechsel mit der Erzählerin Gudrun Wangerin verliehen die russischen Instrumente Knopfakkordeon (Michael Lutz), Bass-Balalaika (Waldemar Michel) und Gusli (Tatjana Eihof) unter der Leitung von Jakob Eihof (Domra) der Handlung ihren unverkennbar russischen Charakter. Spätestens beim berühmten Blumenwalzer feierte das Publikum mit der kleinen Clara und ihrem Nussknacker den Sieg gegen den Mäusekönig. Russische Volksweisen rundeten den vergnüglichen Abend ab. Dabei erwies sich Waldemar Michel als regelrechter Magier: Aus seinem Beutel zauberte er immer kleinere XXS-Akkordeons hervor, denen er zum allgemeinen Erstaunen auch noch Töne zu entlocken wusste. Der stellvertretende HuVV-Vorsitzende Knut Jacobi fand passende Schlussworte: „Unabhängig von der aktuellen politischen Weltlage wird

die russische Musik und Kultur immer einen bedeutenden Platz in der Welt haben.“
Knapp 700 km liegen zwischen Berlin und Wien – und auch musikalisch sind es Welten. Das zeigte am Mittwochabend das Salonorchester „Die Ohrwürmchen“ unter der Interims-Leitung von Peter Fett. Im ersten Teil des Abends entführten die Musiker mit viel „Schmäh“ in die österreichische Hauptstadt. Walzerklänge und ein Spaziergang durch den Prater ließen die glorreichen k.u.k.-Zeiten wieder aufleben. Nach der Pause schnupperte die Reisegesellschaft „Berliner Luft“ und die Klänge wurden zackiger, bis als Zugabe schließlich „Der kleine Gardeoffizier“ marschierte. Als besonderer Höhepunkt bleiben Deli Kaumanns (Sopran) und Sebastian Nell (Tenor) in bester Erinnerung: Als moderne Version von Lilian Harvey und Willy Fritsch trugen sie das Duett „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ vor.

Jutta Koch & die JazzPeppers eroberten am Donnerstag das Publikum im Sturm. Dank vieler Jahrzehnte Bühnenerfahrung fand die charismatische Protagonistin sofort einen Draht zu ihren Zuhörern und ließ die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum zunehmend verschwimmen. Ihren Eröffnungssong „It‘s Wonderful“ hätte man als Motto über den gesamten Konzertabend stellen können. Neben Klassikern wie „Be-Bob-A-Lula“, dem „St. Louis Blues“ und „Blueberry Hill“ verblüffte die Band auch mit neuen Arrangements von Depeche Mode („Enjoy the Silence“ als Jazz) und Amy Winehouse („Our Day Will Come“ als Reggae). Den Blues-Klassiker „Please Send Me Someone to Love“ widmete sie mit kritischem Kommentar der aktuellen US-Regierung.

Mit dem traditionellen Singen der Chöre im evangelischen Gemeindezentrum fand die 35. Wickrather Musikwoche am Sonntag ihren stimmungsvollen Abschluss. Noch einmal zeigte sich, was diese Veranstaltungsreihe seit vielen Jahren ausmacht: musikalische Vielfalt, großes ehrenamtliches Engagement und ein Publikum, das sich gerne begeistern lässt.

Der TonArt-Chor unter der Leitung von Jens Ebmeyer setzte gleich zu Beginn ein musikalisches Ausrufezeichen. Mit einem anspruchsvollen Repertoire aus deutschen und internationalen Lobpreis-Liedern legte der Chor die Messlatte hoch. Vielschichtige Stimmführungen, sichere Einsätze und ein voller Chorklang zeigten eindrucksvoll, mit welcher Präzision und Hingabe hier gearbeitet wird.

Besonders charmant wurde es beim Auftritt des Kinderchores „Crescendos“. Das Publikum durfte bei der „Alten Moorhexe“ mit einem schaurig-schönen „Huhuhu“ mitwirken und bei „Un poquito cantas“ ein schwungvolles „Le lo la“ beisteuern. Die jungen Sängerinnen und Sänger präsentierten spanische wie englische Lieder mit großer Freude, erstaunlicher Sicherheit und viel Ausstrahlung. Die Solistinnen und der Solist meisterten ihre Auftritte bravourös und wurden dafür zu Recht mit herzlichem Applaus belohnt.

Russische Folklore für Auge und Ohr brachte anschließend das Ensemble „Katjuscha“ unter der Leitung von Tanja Lutz auf die Bühne. Mit farbenfroher Präsenz, lebendiger Gestaltung und klangvoller Unterstützung durch das Duo „Alla Breve“ mit Michael und Daniel Lutz entfaltete sich ein abwechslungsreicher musikalischer Bogen: vom Frauenchor aus „Eugen Onegin“ über Lieder der Sinti und Roma bis hin zum unvermeidlichen „Kalinka“, das längst auch hierzulande fast jeder mitsummen kann. Ein Auftritt, der nicht nur musikalisch, sondern auch atmosphärisch viel zu bieten hatte.

Der Gesangsverein „Eintracht“ Wickrathberg bekannte sich unter der Leitung von H. J. Fröschen eindrucksvoll zur Pflege des deutschen Liedgutes. Wie wertvoll diese Tradition sein kann, zeigte der Chor mit einem getragenen und stimmungsvollen Vortrag von Schuberts „Lindenbaum“. Zum Abschluss schlug die „Eintracht“ mit einer Hommage an Freddy Quinn noch einmal einen ganz anderen Ton an: „Heimweh“ und „Brennend heißer Wüstensand“ sorgten für Wiedererkennung, Schmunzeln und viel Zustimmung im Saal. So verband der Auftritt auf gelungene Weise musikalische Ernsthaftigkeit mit populärer Erinnerungskultur.

Schon fast zur schönen Tradition gehört es, dass der Frauenchor „Grenzland“ 1987 unter der Leitung von Gerd Faßbender mindestens einen Titel von Udo Jürgens im Gepäck hat. Diesmal war es das hoffnungsvolle „Ihr von morgen“, das mit seiner optimistischen Botschaft bestens in den Nachmittag passte. Mit dem harmonisch anspruchsvollen „Adiemus“ und Leonard Cohens bewegendem „Halleluja“ zeigte der Chor anschließend noch einmal seine ganze klangliche Bandbreite. Ein stimmungsvoller Abschluss eines Auftritts, der musikalische Wärme, Anspruch und Ausdruckskraft überzeugend miteinander verband.

Der Heimat- und Verkehrsverein Wickrath dankt allen Künstlerinnen und Künstlern, den beteiligten Chören, dem Kulturbüro der Stadt Mönchengladbach als Sponsor, den Gastgebern im evangelischen Gemeindezentrum sowie allen Helferinnen und Helfern vor und hinter den Kulissen.
Nach acht Tagen voller Musik bleibt vor allem eines festzuhalten: Auch ein unrundes Jubiläum kann eine runde Sache sein. (opm/Uli Schröders)

Foto: Uli Schröders