ADHS bei Frauen: Unsichtbar, aber lebensprägend – Selbsthilfevereine kämpfen für Aufklärung

ADHS ist längst nicht mehr nur ein Thema für Kinder oder Jungen. Doch noch immer wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Frauen übersehen.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Magazin – Betroffene Mädchen und Frauen leiden oft jahrelang, ohne eine Diagnose zu erhalten, und kämpfen mit den Folgen – von chronischem Stress über Burnout bis hin zu psychischen Begleitstörungen. In Deutschland nimmt der gemeinnützige Verein ADHS Deutschland e. V. eine zentrale Rolle ein, um diese „unsichtbare Erkrankung“ sichtbarer zu machen.

ADHS Deutschland e. V. arbeitet auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene ehrenamtlich und ist mit über 200 Selbsthilfegruppen im ganzen Land aktiv. Die Gruppen treffen sich sowohl persönlich als auch virtuell und bieten Betroffenen und Angehörigen die Möglichkeit zum Austausch. Ergänzt wird dieses Angebot durch ein Telefonberaternetz, das Menschen bundesweit vertraulich unterstützt. Über die Vereins-Homepage, soziale Medien und gedruckte Informationsmaterialien informiert ADHS Deutschland e. V. über ADHS, häufig auftretende Begleitstörungen sowie praktische Hilfen für den Alltag.

ADHS zeigt sich bei weiblichen Betroffenen oft anders als bei Jungen. Hyperaktivität ist weniger auffällig, innere Unruhe, emotionale Überforderung und Konzentrationsprobleme stehen stärker im Vordergrund. Viele Mädchen entwickeln früh Strategien, um den Alltag zu bewältigen, und erscheinen nach außen leistungsstark. Diese Kompensationsmechanismen führen jedoch häufig dazu, dass die ADHS erst im Erwachsenenalter erkannt wird – oft im Zusammenhang mit Burnout oder psychischen Problemen wie Angstzuständen, Depressionen, Ess- oder Schlafstörungen.

Die späte oder fehlende Diagnose hat gravierende Folgen. Frauen fühlen sich unverstanden, erleben wiederholt Überforderung und Frustration und suchen häufig medizinische Hilfe, ohne dass die zugrundeliegende ADHS identifiziert wird. Frühzeitige Diagnose und individuelle Behandlung sind entscheidend, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Doch dafür müssen Fachkräfte und Gesellschaft die Symptome bei Frauen besser erkennen und verstehen.

Um diese Herausforderung anzugehen, hat ADHS Deutschland e. V. gemeinsam mit europäischen Partnern die Initiative „ADHS und Frauen“ gestartet. Mit Unterstützung eines Grants der European Federation of Neurological Associations (EFNA) wurde die Internetseite adhd-women.eu
eingerichtet. Sie informiert umfassend über die typischen Erscheinungsformen von ADHS bei Frauen, beleuchtet die diagnostischen Schwierigkeiten und stellt Materialien zur Verfügung, die Betroffenen und Fachkräften helfen, die Störung frühzeitig zu erkennen.

Der Verein bringt seine langjährige Erfahrung aus der Selbsthilfearbeit in dieses Projekt ein. Er stellt sicher, dass Informationen praxisnah vermittelt werden und die Perspektiven von Betroffenen berücksichtigt werden. Ziel ist es, die bislang oft übersehene Belastung von Frauen mit ADHS sichtbar zu machen, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen und die medizinische Versorgung zu verbessern.

ADHS Deutschland e. V. versteht sich nicht nur als Informationsanbieter, sondern auch als Netzwerk für Begegnung und Unterstützung. Durch bundesweite Gruppen, Online-Angebote und Telefonberatung schafft der Verein Räume, in denen Frauen sich austauschen, Fragen stellen und konkrete Hilfe erhalten können. Dabei zeigt sich, wie wichtig ehrenamtliches Engagement ist, um die Lücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlicher Wahrnehmung zu schließen.

Die Sensibilisierung für ADHS bei Frauen ist mehr als ein Aufklärungsprojekt: Sie betrifft Bildung, Gesundheit, Arbeitswelt und gesellschaftliche Gleichstellung gleichermaßen. Mit seinen Projekten und Angeboten leistet ADHS Deutschland e. V. einen bedeutenden Beitrag, dass Betroffene die Unterstützung erhalten, die sie benötigen – und dass ihre Symptome und Herausforderungen endlich ernst genommen werden. (cs)

Foto: Lucija Rasonja/Pixabay