Ein Erbe in Bewegung: Femi Kuti und die Kraft des Afrobeat in Maastricht

In der Muziekgieterij, gelegen im kulturell aufstrebenden Sphinx-Viertel, verwandelte Femi Kuti gemeinsam mit seiner Band The Positive Force die Bühne am Montag in ein vibrierendes Zentrum aus Rhythmus, politischer Botschaft und körperlicher Energie. Anlass war seine aktuelle „Journey Through Life“-Europatournee, die ihn im April durch mehrere Metropolen führt.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler

Kunst & Kultur – Bereits lange vor Konzertbeginn deutete sich an, dass dieser Abend kein gewöhnlicher werden würde. Das Publikum, eine Mischung aus eingefleischten Afrobeat-Anhängern, neugierigen Musikliebhabern und internationalen Gästen, füllte die Halle bis in die letzten Reihen. Die Erwartungen richteten sich nicht nur auf musikalische Virtuosität, sondern auch auf jene besondere Verbindung aus Klang und Haltung, die das Werk des 1962 in London geborenen Künstlers seit Jahrzehnten prägt.

Femi Kuti, Sohn des legendären Fela Kuti und Enkel der nigerianischen Frauenrechtlerin Funmilayo Ransome-Kuti, trat ein Erbe an, das kaum gewichtiger sein könnte. Früh in die Band seines Vaters, Egypt ’80, eingebunden, entwickelte er dort sein musikalisches Fundament – und zugleich ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater. Die künstlerische Emanzipation erfolgte schließlich mit der Gründung seiner eigenen Formation The Positive Force im Jahr 1986, deren unverwechselbarer Sound auch in Maastricht in voller Bandbreite zur Geltung kam.

Foto: Rheinischer Spiegel/Sabine Jandeleit

Der Konzertabend begann ohne große Inszenierung, doch mit unmittelbarer Intensität. Kaum hatte die Band die ersten Takte angestimmt, entwickelte sich jener typische Afrobeat-Sog, der sich aus komplexen Polyrhythmen, markanten Bläserlinien und treibenden Bassfiguren speist. Kuti selbst wechselte mühelos zwischen Saxophon, Trompete, Keyboard und Gesang, stets im Zentrum des Geschehens, ohne die kollektive Dynamik der Band zu dominieren. Was folgte, war ein über Stunden währender musikalischer Parcours, der klassische Elemente des Afrobeat mit Einflüssen aus Funk, Jazz, R&B, Rock und Hip-Hop verband. Die stilistische Offenheit, die Kuti über Jahre hinweg kultiviert hat, zeigte sich dabei nicht als Bruch, sondern als organische Weiterentwicklung eines Genres, das einst von seinem Vater als politisch-musikalische Revolution begründet worden war.

Besonders eindrucksvoll war die Integration von Tänzerinnen und Tänzern, deren präzise Choreografien die rhythmische Struktur der Musik visuell verstärkten. Die Bühne wurde zum Gesamtkunstwerk aus Bewegung und Klang, in dem jede Geste, jeder Schritt und jeder Ton aufeinander abgestimmt schien. Das Publikum reagierte mit sichtbarer Begeisterung, tanzte, klatschte und ließ sich von der Energie der Darbietung mitreißen.

Im Zentrum des Abends stand das aktuelle Album „Journey Through Life“, das 2025 erschienen ist und international große Beachtung fand. Mehrere Stücke daraus wurden in Maastricht präsentiert, darunter Songs, die sich durch eine persönlichere Tonlage auszeichnen. Neben den gewohnt scharfen politischen Kommentaren trat hier eine introspektive Dimension hervor, in der Kuti über Familie, Lebenswege und persönliche Entwicklung reflektiert.

Gleichwohl blieb die politische Stoßrichtung seiner Musik unüberhörbar. Seit seinem Debüt „No Cause For Alarm“ richtet Kuti seine Texte konsequent gegen Korruption, Ungleichheit und Machtmissbrauch. Auch in Maastricht scheute er nicht davor zurück, diese Themen offen anzusprechen. Zwischen den Songs wandte er sich mehrfach direkt an das Publikum, sprach über globale Ungerechtigkeiten und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Dabei unterscheidet sich seine Haltung in wesentlichen Punkten von jener seines Vaters. Während Fela Kuti einst auch durch Provokationen im persönlichen Lebensstil auffiel, positioniert sich Femi Kuti klar gegen Sexismus und Drogen. Seine Rolle als Goodwill-Botschafter für UNICEF und sein Engagement in der #ForEveryChild-Kampagne unterstreichen diesen Anspruch, gesellschaftlichen Wandel nicht nur zu besingen, sondern aktiv mitzugestalten.

Die internationale Resonanz auf sein jüngstes Werk spiegelt sich auch in seiner aktuellen Tour wider. Nach Stationen in Europa, Großbritannien und Nordamerika sowie viel beachteten Auftritten – darunter eine gefeierte Show in London und ein Gastauftritt mit seinem Sohn Mádé bei einem Konzert von Coldplay im Wembley-Stadion – markiert die Rückkehr auf die europäischen Bühnen im Frühjahr 2026 eine neue Phase seiner Karriere. In Maastricht wurde deutlich, dass Femi Kuti nicht allein als Bewahrer eines musikalischen Erbes auftritt, sondern als eigenständiger Künstler, der den Afrobeat in die Gegenwart überführt. Die Verbindung aus musikalischer Präzision, körperlicher Präsenz und politischem Anspruch verlieh dem Abend eine Dichte, die weit über den Moment hinauswirkte.

Das Sphinx-Viertel, einst industriell geprägt und heute ein Zentrum kreativer Entwicklung, erwies sich dabei als passender Rahmen. Die Muziekgieterij bot mit ihrer offenen, zugleich konzentrierten Atmosphäre ideale Bedingungen für ein Konzert, das auf unmittelbare Interaktion zwischen Bühne und Publikum angewiesen ist. Als die letzten Töne verklangen, hatte sich die anfängliche Erwartungshaltung längst in ein kollektives Erlebnis verwandelt. Der Abend zeigte, dass Afrobeat in seiner gegenwärtigen Form nichts von seiner ursprünglichen Kraft verloren hat – im Gegenteil: In den Händen von Femi Kuti wirkt er aktueller denn je. (sk)

Foto: Rheinischer Spiegel/Sabine Jandeleit