Gassan Diamonds – Ein funkelndes Kapitel Amsterdamer Geschichte zwischen Handwerkskunst, Innovation und Weltluxus

Wer Amsterdam wirklich verstehen will, muss sich nicht nur seinen Grachten, Museen und Kaufmannshäusern widmen, sondern auch jener Kunst, die die Stadt über Jahrhunderte zu einem globalen Zentrum des Luxus gemacht hat: dem Diamantschleifen.
Von RS-Redakteur Walter Henning

Reisen – Mitten im historischen Diamantenviertel steht ein Name exemplarisch für diese Tradition – Gassan Diamonds. Das Unternehmen, 1945 von Samuel Gassan gegründet, ist heute weit mehr als eine Diamantschleiferei: Es ist ein lebendiges Kulturdenkmal, ein Familienepos über vier Generationen hinweg und eine der faszinierendsten Sehenswürdigkeiten für Reisende mit Sinn für Geschichte, Ästhetik und Präzision.

Foto: Rheinischer Spiegel

Die Geschichte von Gassan Diamonds beginnt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit des Wiederaufbaus und der Neudefinition. Samuel Gassan, selbst ausgebildeter Diamantschleifer, gründete das Unternehmen im Oktober 1945 in der ehemaligen Diamantschleiferei der Gebrüder Boas in der Nieuwe Uilenburgerstraat – jenem Ort, an dem er vor dem Krieg sein Handwerk erlernt hatte. Bereits diese Wahl des Standorts war ein Bekenntnis zur Tradition des Amsterdamer Diamantenhandwerks, das seit dem 17. Jahrhundert Weltruf genießt. Anfangs lag der Fokus auf dem Polieren von Diamanten sowie dem Import und Export von Roh- und geschliffenen Steinen. Ergänzt wurde das Portfolio durch Farbedelsteine und Diamantschmuck, wobei Gassan von Beginn an sowohl als Groß- als auch als Einzelhändler agierte.

Der wirtschaftliche Aufschwung ließ nicht lange auf sich warten. Schon 1950 war das Unternehmen so stark gewachsen, dass der Umzug in größere Räumlichkeiten in der damaligen Zwanenburgerstraat notwendig wurde. Zu dieser Zeit beschäftigte Gassan Diamonds bereits 23 Mitarbeiter – eine beachtliche Größe für ein junges Unternehmen in der Nachkriegszeit. Fünf Jahre später folgte die Umbenennung in Samuel Gassan NV und, nach der Übernahme der Diamant Associatie BV, ein weiterer Standortwechsel an die Nieuwe Achtergracht, direkt gegenüber der Amsterdamer Diamantenbörse. Diese Nähe war kein Zufall, sondern Ausdruck des Anspruchs, im Zentrum des internationalen Diamantenhandels mitzuwirken.

Schon früh erkannte das Unternehmen etwas, das bis heute ein zentraler Bestandteil seiner DNA ist: Diamanten entfalten ihren wahren Wert erst durch Wissen. Gassan begann damit, Besucher systematisch in die Welt der Diamanten einzuführen – von der Herkunft der Rohsteine über die Kriterien von Qualität und Preis bis hin zur komplexen Kunst des Schleifens. Diamanten wurden nicht nur verkauft, sondern erklärt, gezeigt, erlebbar gemacht. Dieses Konzept, das Bildung, Transparenz und Verkauf miteinander verbindet, erwies sich als wegweisend und ist bis heute Grundlage des Erfolgs.

Das heutige Herzstück des Unternehmens ist das HOUSE OF GASSAN – eine prachtvoll restaurierte, ursprünglich dampfbetriebene Diamantenfabrik aus dem Jahr 1879. Bereits das Gebäude selbst erzählt Geschichte: Hohe Fenster, gusseiserne Konstruktionen und weite Hallen zeugen von der industriellen Blütezeit Amsterdams. Jährlich betreten mehr als 350.000 Besucher diese ehemalige Fabrikhalle und tauchen ein in eine Welt, in der jahrhundertealtes Handwerk auf moderne Luxusästhetik trifft. Während der rund einstündigen Führung beobachten Gäste echte Diamantschleifer bei der Arbeit – ein seltener Anblick in einer Zeit, in der viele Produktionsprozesse ausgelagert oder automatisiert wurden. Mehrsprachige Guides erläutern anschaulich, wo Diamanten gefunden werden, welche Reise sie hinter sich haben und wie aus unscheinbaren Rohsteinen funkelnde Brillanten entstehen.

Ein besonderes Highlight ist die Begegnung mit der Innovationskraft des Hauses. Seit über 400 Jahren perfektionieren Diamantschleifer die Kunst, Licht maximal zu brechen und Brillanz zu erzeugen. Gassan führt diese Tradition nicht nur fort, sondern erweitert sie mit dem weltweit patentierten Schliff GASSAN 121. Mit einhunderteinundzwanzig Facetten übertrifft er den klassischen Brillantschliff deutlich und erzeugt ein außergewöhnliches Feuer und eine bemerkenswerte Tiefe. Dieser Schliff steht sinnbildlich für den Anspruch des Unternehmens, Tradition nicht zu konservieren, sondern weiterzuentwickeln.

Neben der Schleiferei präsentiert Gassan Diamonds eine umfangreiche Schmuckkollektion, die klassische Eleganz mit zeitgemäßem Design verbindet. Lose Diamanten, feinste Gold- und Platinfassungen sowie individuell gestaltete Schmuckstücke machen den Besuch auch für Kenner und Sammler interessant.

Für Reisende ist eine Besichtigung von Gassan Diamonds weit mehr als ein klassischer Museumsbesuch. Sie ist eine Begegnung mit lebendiger Geschichte, mit Menschen, die ihr Handwerk lieben, und mit einem Luxusverständnis, das auf Transparenz, Qualität und Respekt vor der Materie basiert. In einer Stadt, die oft auf ihre großen Museen reduziert wird, bietet Gassan eine überraschend authentische Perspektive auf Amsterdams wirtschaftliche und kulturelle Identität. Wer die Tour verlässt, blickt nicht nur anders auf Diamanten, sondern auch auf die Stadt selbst – und trägt vielleicht ein kleines Stück dieses Funkelns mit sich hinaus in die Grachten. (mh)

Foto: Rheinischer Spiegel