Die Parents for Future Kreis Viersen richten einen eindringlichen Appell an den neuen Bürgermeister.
Von RS-Redakteurin Sabrina Köhler
Viersen – Noch vor den ersten großen politischen Wegmarken seiner Amtszeit hat der neue Bürgermeister der Stadt Viersen Post bekommen, die es in sich hat. Die lokale Gruppe von Parents for Future hat sich mit einem ausführlichen offenen Brief an Stadtoberhaupt Christoph Hopp gewandt – nahezu wortgleich ging das Schreiben auch an die Vorsitzenden aller demokratischen Ratsfraktionen. Der Ton: respektvoll, anerkennend, zugleich aber klar und fordernd. Der Kern: Klimaschutz müsse vom ersten Tag an eine tragende Säule der Kommunalpolitik sein.
Zu Beginn des Schreibens gratulieren die Parents for Future dem neu gewählten Bürgermeister zur Wahl und danken ausdrücklich für sein bisheriges Engagement. Verbunden ist dies mit dem Wunsch nach Mut, Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein – Eigenschaften, die nach Ansicht der Klimaschutzinitiative in den kommenden Jahren dringend gebraucht werden. Denn die Herausforderungen seien enorm und längst nicht mehr abstrakt.
Die Initiative verweist auf den kurz vor der 30. Weltklimakonferenz in Brasilien veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen. Dieser prognostiziert eine globale Erderwärmung von rund 2,8 Grad Celsius. Was nach einer abstrakten Zahl klingen mag, hat nach Einschätzung der Parents for Future ganz konkrete Auswirkungen vor Ort. Europa erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt, Deutschland ist davon besonders betroffen – und Viersen bildet dabei keine Ausnahme.
Schon heute, so die Initiative, seien die Veränderungen messbar. Daten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen zeigen, dass die Durchschnittstemperatur in Viersen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits um 1,6 Grad gestiegen ist. Parallel dazu haben die Niederschlagsmengen deutlich zugenommen. Diese Entwicklung bedeute ein steigendes Risiko für Hochwasser, Hitzeperioden, Dürre, Wasserknappheit und weitere Extremereignisse, die nicht nur Menschen gefährden, sondern auch immense Kosten verursachen.
Aus Sicht der Parents for Future ist Klimaschutz deshalb nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Jeder Euro, der heute in vorbeugende Maßnahmen investiert werde, spare künftig ein Vielfaches an Ausgaben für Katastrophenbewältigung, Reparaturen und soziale Folgekosten. Vor diesem Hintergrund fordern sie den Bürgermeister auf, Nachhaltigkeit und Klimaschutz während seiner gesamten Amtszeit zentrale Bedeutung beizumessen und insbesondere das bereits beschlossene integrierte Klimaschutzkonzept der Stadt Viersen konsequent umzusetzen.
Konkret benennen die Parents for Future mehrere kommunale Handlungsfelder, in denen sie dringenden Nachholbedarf sehen. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Mobilität. Gefordert werden unter anderem ein konsequenter Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, ein lückenloses und sicheres Radwegenetz sowie Tempo 30 im innerstädtischen Bereich. Zudem plädiert die Initiative für autofreie und verkehrsberuhigte Zonen, sichere und barrierefreie Gehwege, zusätzliche Park-and-Ride-Angebote am Stadtrand und eine Stadtplanung, die durch kurze Wege Verkehr von vornherein vermeidet. Auch Liefer- und Serviceparkplätze im öffentlichen Raum werden als Baustein einer funktionierenden Innenstadt genannt.
Ein weiterer Fokus liegt auf dem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Die Parents for Future sprechen sich für eine Verpackungssteuer in der Gastronomie aus, fordern den nachhaltigen Schutz von Grund- und Oberflächenwasser und plädieren dafür, Regenwasserversickerung und -nutzung im Neubau zur Regel zu machen. Flächenversiegelung in Wasserschutzgebieten lehnen sie ausdrücklich ab.
Im Bereich Wohnen setzen die Unterzeichnenden auf nachhaltigen und genossenschaftlichen Wohnungsbau sowie auf das Leitbild der „Stadt der kurzen Wege“. Neubauprojekte sollten nur dort entstehen, wo eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr vorhanden ist. Funktions- und nutzergemischte Quartiere, Umbau vor Neubau, die Umwandlung von Gewerbe- in Wohnraum, Nachverdichtung sowie Entsiegelung und Begrünung zur Hitzevorsorge werden als zentrale Instrumente genannt. Auch ein konsequentes Vorgehen gegen sogenannte Schottergärten gehört aus ihrer Sicht dazu.
Beim Thema Energieversorgung fordern die Parents for Future eine verstärkte Förderung von Photovoltaikanlagen auf Dächern und Balkonen, Maßnahmen zur energetischen Gebäudesanierung sowie die konsequente Fortführung der kommunalen Wärmeplanung. Besonderes Augenmerk legen sie zudem auf die Unterstützung einer sich derzeit in Gründung befindlichen Bürger-Energie-Genossenschaft.
Auch Gewerbe und Industrie nimmt die Initiative in den Blick. Die Wirtschaftsförderung solle sich stärker auf Nachverdichtung, Brachflächen und Leerstände konzentrieren. Ein öffentlich zugängliches Gewerbeflächenkatasters, Gewerbegebiete in ÖPNV-Nähe, die Integration von Gewerbe in innerstädtische Quartiere und ein durchdachtes City-Logistik-Konzept werden als wichtige Stellschrauben benannt.
Abgerundet wird der Forderungskatalog durch den Natur- und Artenschutz. Der Erhalt der Artenvielfalt, der Schutz von Grünflächen und insbesondere des Baumbestandes in Viersen seien unverzichtbar – nicht nur für das Klima, sondern auch für die Lebensqualität der Menschen.
Die Parents for Future machen deutlich, dass all diese Maßnahmen zusammengenommen einen entscheidenden Beitrag zur angestrebten Klimaneutralität der Stadt leisten könnten. Gleichzeitig würden sie Viersen widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels machen und langfristig Kosten sparen. Vor allem aber, so die Initiative, eröffneten sie die Chance auf eine lebenswerte, gesunde und zukunftsfähige Stadt für alle Generationen.
Zum Abschluss erinnern die Parents for Future den Bürgermeister an eine seiner eigenen Aussagen aus dem kommunalen Klimawahlcheck. Darin hatte er betont, das Klimaschutzkonzept der Stadt vollumfänglich zu unterstützen und dessen konsequente Umsetzung einzufordern – inklusive politischer Führung, transparenter Fortschrittskontrolle und konkreter Maßnahmenpläne. Klimaneutralität sei kein Symbol, sondern eine Verpflichtung.
Genau daran, so der Tenor des offenen Briefes, werde sich die neue Amtszeit messen lassen. Ob Klimapolitik in Viersen ein wohlklingendes Versprechen bleibe oder zu einer verbindlichen kommunalen Aufgabe werde, liege nun maßgeblich in der Hand des Bürgermeisters. Gesprächsbereitschaft signalisieren die Parents for Future ausdrücklich: Gern seien sie bereit, ihre Vorschläge in einem persönlichen Austausch weiter zu erläutern. (sk)





