Ein Wahlsonntag voller Stimmen, Stimmungen und Strahlkraft.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming
Viersen – Draußen wurden Stimmen gezählt, drinnen wurde hingeschaut: Am Wahlsonntag erlebte das Grüne Büro in Viersen nicht nur die Spannung der Kommunalwahlen, sondern auch die Eröffnung einer Ausstellung, die das kleine, oft Übersehene ins große Licht rückte. Mit der Vernissage „Zwischen Verfall und Strahlkraft“ stellte die Viersener Künstlerin Ilona Friedrich ihre Werke vor – und verwandelte die Parteizentrale für einen Nachmittag in eine Galerie, die Kunst und Politik, Alltag und Vision miteinander verband.

„Heute ist ein besonderer Tag“, begann Susanne Polzin, Sprecherin des Ortsverbands, ihre Begrüßung. „Während draußen über die Zukunft unserer Stadt Viersen entschieden wird, nehmen wir uns hier drinnen Zeit für Kunst. Danke, dass ihr gewählt habt, heute hier zu sein – bei der Vernissage von Ilona Friedrich.“ Polzin erinnerte daran, dass gerade im Wahlkampf oft die lauten, schrillen Stimmen den Ton angeben. Umso wertvoller sei ein Moment der Stille und des genauen Hinschauens – etwas, das Friedrichs Arbeiten auf eindringliche Weise ermöglichen.
Mit persönlicher Wärme schilderte Polzin auch den Entstehungsprozess der Ausstellung: das gemeinsame Hängen der Bilder, die Gespräche zwischen Wahlplakaten und Flyern, die Oasen im Getriebe des Wahlkampfs. „Für mich war das ein Stück Urlaub“, sagte sie lächelnd, „und deine Kunst, Ilona, ist eine Erinnerung daran, wie viel Wertvolles im Kleinen steckt.“
Doch was ist dieses „Kleine“, von dem die Künstlerin selbst sagt, es sei ihr eigentliches Thema? Ilona Friedrich richtet ihren Blick auf das, was leicht übersehen wird: Asseln, verwitterte Gläser, Pollen, verfallende Materialien. Dinge, die andere wegwischen, wegwerfen oder gar ekelhaft finden, erhebt sie zu Bildmotiven, zu Protagonisten ihrer Kunst.
Schon 2015 begann sie mit der Fotoserie „Konservierung und Zerfall“. Alte Einmachgläser, jahrzehntelang ungeöffnet, bildeten den Ausgangspunkt. Was auf den ersten Blick abstoßend wirken konnte, entfaltete in ihren Fotografien eine stille Würde – ein Sinnbild für die fragile Grenze zwischen Bewahren und Vergehen.
Bald rückte ein ganz anderes, unscheinbares Wesen ins Zentrum: die Assel. „Noch bevor ich ihre ökologische Bedeutung kannte, faszinierte mich ihre Form, ihre Unsichtbarkeit im Alltäglichen“, erzählt Friedrich. Aus Linoldrucken, Collagen und Ölbildern entstanden Arbeiten, die das Tierchen aus dem Dunkel des Komposts in die Strahlkraft der Galerie hoben. Papier, das im Kompost verrottet war, verwandelte sie in neue Werke. Selbst Humus wurde zum Material – vergoldet als Zeichen seines Werts.

Die Serie „Randerscheinungen“ schließlich lenkt den Blick auf ein drängendes Thema unserer Zeit: die zunehmende Versiegelung der Böden. Friedrich fotografierte graue, betonierte Vorgärten – und setzte ihnen digital blühende Oasen entgegen. Zentral rückten hier die Bienen, insbesondere ihre Pollenhöschen, deren Vielfalt an Farben und Formen die Künstlerin in Aquarellen, Collagen und großformatigen Ölbildern nachspürte. „Es geht mir nicht um naturgetreue Wiedergabe“, erklärt Friedrich, „sondern um Energie, Materialität und Strahlkraft.“
Dass gerade die Grünen diesen Werken Raum geben, war kein Zufall. Maja Roth-Schmidt, Bürgermeisterkandidatin der Partei, stellte die Ausstellung in einen größeren Zusammenhang: „Mit der Grünen Galerie schaffen wir Raum für Begegnung, Inspiration und Austausch. Kunst eröffnet neue Blickwinkel – auch auf Themen, die uns in der Politik bewegen.“
Roth-Schmidt betonte, wie sehr Friedrichs Arbeiten dazu anregen, genauer hinzuschauen und die stillen Zusammenhänge im Ökosystem zu würdigen. „Gerade an einem Tag, an dem wir über die Zukunft unserer Stadt entscheiden, erinnert uns diese Kunst daran, dass wir Teil größerer Kreisläufe sind.“ Die Verbindung zwischen Wahlsonntag und Kunstnachmittag war dabei mehr als nur zufällig. Beides drehte sich um Fragen der Zukunft: Welche Stadt wollen wir? Welche Umwelt hinterlassen wir? Welche Stimmen zählen – nicht nur in der Urne, sondern auch im Kreislauf der Natur?
Und auch nach der Vernissage blieb das Grüne Büro nicht leer: Abends verwandelte es sich nahtlos zur Wahlparty. Wahlhelfer, Künstlerfreunde, Familien und Parteimitglieder wollten gemeinsam anstoßen – auf Wahlergebnisse, auf Kunstwerke, auf Begegnungen. Bei der Wahl zum Viersener Stadtrat haben die Grünen mit 14,2 Prozent zwar etwas schlechter abgeschnitten als vor fünf Jahren. Ihre Fraktion geht aber mit 9 Mandaten – gegenüber derzeit fünf – wieder deutlich gestärkt in die nächste Ratsperiode.
Dass es ihre Bürgermeisterkandidatin – und gegenwärtige Fraktionsvorsitzende Maja Roth-Schmidt nicht ins Amt des Stadtoberhaupt geschafft hat, sieht sie selbst gelassen: „Es war mir total wichtig, den Wählerinnen und Wählern bei der Wahl für das höchste Amt der Stadt ein gutes Angebot zu machen. Wer mich kennt, der weiß, wie sehr ich mich hier in den vergangenen fünf Jahren in die Details von Politik und Verwaltung reingekniet habe, was für eine ungeheure Arbeit hinter der gleichzeitigen Verantwortung als Ratsfrau und Fraktionsvorsitzende und der Kandidatur auf das Bürgermeisteramt steckt. Ich habe diese Verantwortung für die Mitglieder meiner Partei sehr gerne getragen, freue mich jetzt aber auch auf neue Verantwortung im Rat der neuen Wahlperiode – und sicher freut sich auch meine Familie, dass sie mich nach den langen Monaten des Wahlkampfs jetzt wieder öfter zu Hause hat. Ich bereue aber überhaupt nicht, dass ich es versucht habe. Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich gewählt haben.“
Wer den Raum betrat, spürte die eigentümliche Mischung: Noch standen die großformatigen Pollenbilder an den Wänden, während auf den Tischen die Wahlprognosen diskutiert wurden. Politik und Kunst teilten sich denselben Raum, denselben Tag – ein seltener Gleichklang.
Am Ende blieb der Eindruck, dass dieser Sonntag mehr war als ein Wahltag. Die Ausstellung „Zwischen Verfall und Strahlkraft“ erinnerte daran, dass Zukunft nicht nur in Zahlen und Mehrheiten entschieden wird, sondern auch im genauen Hinsehen auf das, was uns trägt: die kleinen, unscheinbaren Prozesse der Natur. „Ohne diese stillen Helden“, sagt Friedrich, „gäbe es uns nicht.“ Ein Satz, der an diesem Tag weit über die Kunst hinauswies – hinein in die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Fragen, die Viersen bewegen. (nb)





