Mahnmal gegen das Vergessen – Auf dem Dülkener Friedhof erinnert das „Kreuz des deutschen Ostens“

Schlicht gehalten erinnert das „Kreuz des deutschen Ostens“ auf dem Friedhof in Dülken als Ort der Trauer und als Mahnmal gegen das Vergessen an die Toten im deutschen Osten während des Zweiten Weltkrieges. Initiiert hatte die Aufstellung im Jahre 1951 die Ortsvereinigung der Ostvertriebenen und Flüchtlinge.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Jürgen Zauner

Viersen-Dülken – Weit über vierzigtausend Menschen haben in den ersten Nachkriegsjahren im heutigen Kreisgebiet Zuflucht und Aufenthalt gesucht und gefunden. Das Ende der Kampfhandlungen ab 8. Mai 1945 und die noch etwa fünf Jahre währenden Vertreibungen markieren einen unbestreitbar tiefen einschneidenden historischen Umbruch in Mitteleuropa der noch heute nicht wahrhaftig aufgearbeitet ist.

Das Protokollbuch der Ortsvereinigung der Ostvertriebenen und Flüchtlinge in Dülken erinnert mit einem Eintrag vom 17. März 1951 an einen Antrag zur Errichtung eines Kreuzes des Deutschen Ostens auf den Süchtelner Höhen. Mit der Stadt Viersen und der Verwaltung in Süchteln wurde Kontakt aufgenommen, bereits am 22. Mai wurde über zwei vorgeschlagene Orte diskutiert, die beide in Dülken lagen. Doch weder an der alten Stadtmauer noch auf dem Vorplatz des Dülkener Rathauses fand das geplante Kreuz seinen heutigen Standort, nachdem de Lehrer Herbert Hubatsch den Friedhof als Ausstellungsort ins Gespräch brachte.

Schlicht gehalten erinnert das „Kreuz des deutschen Ostens“ auf dem Friedhof in Dülken als Ort der Trauer und als Mahnmal gegen das Vergessen an die Toten im deutschen Osten während des Zweiten Weltkrieges. Foto: Rheinischer Spiegel

Erst am 30. Juli fand der Vorschlag Zustimmung und man bestellte unter Dr. Albrecht Krause einen Arbeitskreis, der sich mit den Vorbereitungen und der Aufstellung des Kreuzes befasste. Die geplante Höhe des Eichenkreuzes betrug 7,80 Meter und war mit 600 DM angeboten. Die Finanzierung sollte sich durch Firmenspenden und der Ausgabe von eintausendfünfhundert Bausteinen zum Preis von 0,50 DM/Stück rechnen. Die Stadt Dülken bezuschusste das Vorhaben mit 300 DM – im Oktober standen ca. 1.200 DM zur Verfügung.

Bei der Einweihungsfeier am Totensonntag, 25. November 1951, unter dem Geläut aller Dülkener Kirchenglocken versammelten sich über tausend Menschen – unter ihnen die Ausgebombten, die Heimkehrer, die Kriegsbeschädigten, die Kriegerwitwen, die Kriegswaisen, die Flüchtlinge und die vielen Heimatvertriebenen, die sich um das Kreuz scharten.

Bei der Einweihungsfeier am Totensonntag, 25. November 1951, unter dem Geläut aller Dülkener Kirchenglocken versammelten sich über tausend Menschen. Foto: Landsmannschaft Ost-, Westpreußen und Danzig in Dülken

Heute wissen nur noch wenige, dass die Gedenkstätte für viele Jahre das Ziel von Kundgebungen und Schweigemärschen der Vertriebenen wurde. Besonders im September, zum alljährlichen Tag der Heimat und im November zum Totengedenken, versammelten sich die Teilnehmer, legen Kränze nieder und zündeten Mahnlichter an. Als der durch den Witterungseinfluss hervorgerufene ständige Instandsetzungsbedarf zu hoch wurde, ersetzte man das Holzkreuz kurz entschlossen durch eine beständigere Stahlkonstruktion, die heute noch als Mahnmal auf dem Dülkener Friedhof gen Himmel ragt.

Mit den Jahren wurde es ruhiger um das Kreuz. Waren bei seiner Errichtung ganze fünf ostdeutsche Landsmannschaften in Dülken tätig, so nehmen die Mitglieder stetig ab. Die jährlichen Veranstaltungen zum Tag der Heimat werden seit Jahrzehnten zentral für den Kreis Viersen ausgerichtet.

Veranstaltung mit Hans-Werner Schicha und Adolf Bex. Foto: Landsmannschaft Ost-, Westpreußen und Danzig in Dülken

2005 wurde Anregung von Peter van Horrick und Hermann Pötter, beide Mitglieder des Verkehrs- und Verschönerungsverein Dülken e. V., der erfolgreich die Restaurierung der Anlage übernahm, der Vorplatz mit einer kreuzförmigen Kopfsteinpflasterung begrenzt. Als besonders aussagekräftig gilt die von Schmiedemeister Klaus Dommers geschaffene Stele mit den beiden Texttafeln aus Bronze. In einer Feierstunde übergab Peter Vogels, als Vorsitzender des VVV, das sichtlich aufgewertete Kreuz des Deutschen Ostens mit seiner historischen Bedeutung wieder der regionalen Öffentlichkeit.

Peter van Horrick, Vize-Bürgermeister Hans-Willy Bouren, am Rednerpult Peter Vogels, im Rollstuhl Hartmut Perseke und Jürgen Zauner am 3. Juli 2005. Foto: Landsmannschaft Ost-, Westpreußen und Danzig in Dülken

Erinnerungskultur, die mit der Zeit immer mehr verlöscht. Es haben dann im Schatten des Kreuzes die letzten Zeitzeugen, die Vertriebenen und die Heimatverbliebenen auf dem umgebenden Friedhof ihre endgültige gemeinsame Bleibe gefunden. So werden dann in Dülken nur noch das hohe Stahlkreuz und einige Straßennamen von dem Vertreibungsschicksal der 15 Millionen Deutschen Kunde geben. Das für die Vertriebenen und ihre Heimat in jeder Hinsicht so verhängnisvolle Kriegsende und seine völkerrechtswidrigen Folgen dürfte dann nur noch ein Betätigungsfeld für Historiker sein. (nb)

Ein Kommentar

  1. Zusätzliche Informationen zur Gedenkstätte:

    Video-Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=0qqjEMlnofc
    Kreuz des Deutschen Ostens – 65 Jahre Mahnmal gegen Vertreibung 1951-2016
    in Viersen-Dülken

    Heimatbuch des Kreises Viersen (2008, 59. Folge, Seite 252-261)
    „Mahnmal gegen Vertreibungen“
    55 Jahre Gedenkkreuz auf dem Friedhof in Dülken.

    Am 23. Juli 2014 wurde das Kreuz auf Antrag der Dülkener Ortsgruppe der Landsmannschaft Ost-, Westpreußen und Danzig in die Denkmalliste der Stadt Viersen aufgenommen, wenn auch der ursprüngliche Name verändert und das Adjektiv „deutsch“ unterschlagen wurde.

    Weniger erfolgreich war die am 10. September 2006 (Tag der Heimat in Willich-Anrath) nach vorheriger Absprache mit der Kreisverwaltung erfolgte Übergabe der neu gerahmten, bisherigen Gedenkplatte aus dem Sockelbereich des Kreuzes an Frau Vize-Landrätin Luise Fruhen. Erst auf Nachfrage und nach einem zusätzlichen Hinweis wurde die Kupferplatte dann, ca. ein Jahr später, im Kreishaus aufgehängt, war aber im Spätherbst 2018 bereits nicht mehr öffentlich präsent.

    Ebenfalls erfolglos blieb der Antrag vom 29. März 2012 an Politik und Verwaltung, etwa zehn im Viersener Stadtgebiet vorhandene Straßenschilder mit Bezug zum historischen Ostdeutschland jenseits von Oder und Neiße um Erklärungen zu ergänzen, wie es zum Beispiel in den Nachbarkommunen Nettetal und Mönchengladbach bereits der Fall ist. Es gab keinerlei Reaktion. Das Anliegen zur Stärkung des historischen Gedächtnisses in unserer Stadt Viersen ist einfach „versandet“.

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