Mehr als Brandbekämpfung: Feuerwehr Viersen vor wachsenden Herausforderungen

In der Hauptfeuerwache an der Gerberstraße herrschte am Freitagabend eine Atmosphäre gespannter Aufmerksamkeit. Zwischen Einsatzfahrzeugen, Gerätschaften und den Fahnen der Einheiten trat Bürgermeister Christoph Hopp erstmals vor die versammelten Kräfte der Feuerwehr.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Rita Stertz

Viersen – Die Generalversammlung der Feuerwehr Viersen war mehr als eine formale Zusammenkunft; sie geriet zu einer eindringlichen Bestandsaufnahme eines Jahres, das die Organisation personell wie strukturell forderte und zugleich ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellte.

Neben dem Bürgermeister richteten die stellvertretende Bürgermeisterin Simone Gartz, Politiker sowie die Wehrführung das Wort an die anwesenden Kameradinnen und Kameraden. In seinem Beitrag sprach Christoph Hopp über die Rolle der Feuerwehr in einer sich wandelnden Welt. Das vergangene Jahr, so führte er aus, habe erneut gezeigt, wie vielfältig die Aufgaben seien: vom klassischen Löscheinsatz über die technische Hilfeleistung nach Verkehrsunfällen bis hin zur Bewältigung schwerer Unwetterlagen. Hinter nüchternen Einsatzstichworten verberge sich eine Realität, die Außenstehenden häufig verborgen bleibe; eine Realität aus Hitze, Rauch, zerstörten Existenzen, eingeklemmten Unfallopfern und psychischer Belastung.

Die Zahlen des Jahresberichts 2025 unterstreichen diese Einschätzung. Insgesamt 1.147 Feuerwehr-Einsätze wurden verzeichnet, darunter 315 Brandeinsätze unterschiedlichster Größenordnung. Sie reichten von kleineren Entstehungsbränden in Wohnungen oder Müllcontainern bis hin zu komplexen Schadenslagen, bei denen mehrere Einheiten koordiniert zusammenarbeiteten. Hinzu kamen 710 Einsätze der Technischen Hilfeleistung; etwa bei Verkehrsunfällen auf den Durchgangsstraßen der Stadt, bei Sturmschäden, überfluteten Kellern, Gefahrstoffaustritten oder zur Unterstützung anderer Behörden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Feuerwehr Viersen ist damit längst mehr als eine reine Brandbekämpfungseinheit. Sie ist integraler Bestandteil der kommunalen Sicherheitsarchitektur. 16.571 Alarmierungen wurden im Jahr 2025 insgesamt registriert. Der Rettungsdienst, den die Feuerwehr für die Stadtteile Viersen, Dülken, Boisheim und Süchteln sicherstellt, verzeichnete 7.616 Rettungswagen-Einsätze sowie 1.936 Notarzt-Einsätze. Hinzu kamen 5.872 Krankentransporte. Im Bedarfsfall rückten die Fahrzeuge auch in andere Teile des Kreises aus.

Die hauptamtliche Wache ist an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzt. Neun Beamte im Brandschutz sowie 13 Beamte und Angestellte im Rettungsdienst versehen kontinuierlich ihren Dienst. Kleinere Lagen, etwa eine Person hinter verschlossener Tür oder ein brennender Pkw, werden von ihnen eigenständig abgearbeitet. Bei größeren Schadensereignissen werden die freiwilligen Einheiten hinzualarmiert. Insgesamt umfasst die hauptamtliche Wache derzeit 131 Mitarbeitende in Brandschutz, Rettungsdienst und Verwaltung. Eine Einsatzgruppe in Stärke 1/8 steht permanent bereit. Ergänzt wird diese Struktur durch 438 Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr, die das Rückgrat der Gefahrenabwehr bilden.

Fünf Brandmeisteranwärter und sechs angehende Notfallsanitäter befinden sich derzeit in Ausbildung, ein deutliches Zeichen dafür, dass die Personalentwicklung angesichts wachsender Anforderungen systematisch vorangetrieben wird. Der Schwerpunkt der hauptamtlichen Kräfte liegt im Brandschutz und in der technischen Hilfeleistung, während der Rettungsdienst täglich mit 13 Kräften besetzt ist. Ein Krankentransportwagen wird von den Malteser Hilfsdienst gestellt, die als anerkannte Hilfsorganisation eingebunden sind.

In seiner Rede ging Hopp über die statistische Bilanz hinaus. Mit deutlichen Worten sprach er die zunehmende Bedrohung von Rettungskräften an. Es beunruhige ihn zutiefst, dass Einsatzkräfte nicht nur behindert, sondern teils massiv angegangen würden. Wer ausrücke, um zu helfen, dürfe nicht selbst zur Zielscheibe werden. Die Feuerwehrangehörigen setzten ihre körperliche und seelische Unversehrtheit aufs Spiel, oft für Menschen, die sie nie zuvor gesehen hätten. Diese Bereitschaft sei in einer Zeit wachsender Egozentrik keine Selbstverständlichkeit.

Zugleich verwies der Bürgermeister auf die veränderten Rahmenbedingungen durch extreme Wetterlagen. Für die Region ungewöhnlich heftige Unwetter verlangten immer häufiger den Einsatz der Feuerwehr als Experten im Katastrophenschutz. Aufgabe der Stadt sei es, Ausrüstung, Infrastruktur und organisatorische Voraussetzungen bereitzustellen, damit sich die Wehr an neue Lagen anpassen könne. Über den reinen Einsatzdienst hinaus hob Hopp das langjährige Engagement der Feuerwehr in der Rumänien-Hilfe hervor. Dieses internationale Wirken sei ein Zeichen gelebter Solidarität und Nächstenliebe.

Besonders erfreut zeigte sich der Bürgermeister über die Entwicklung der Jugendfeuerwehr. Sie sei ein zentraler Baustein für die Zukunft des Brandschutzes in Viersen. Dass sich zahlreiche technikbegeisterte junge Menschen mit Enthusiasmus einbrächten, sende ein starkes Signal an die Stadtgesellschaft. In einer Welt, die von Egozentrik und Gleichgültigkeit geprägt erscheine, sei die Feuerwehr der Gegenentwurf. Eine Gemeinschaft, ohne die das Gemeinwesen nicht funktionieren könne. Mit dem traditionellen Leitspruch „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“ schloss Hopp seine Rede und verband ihn mit dem Wunsch, alle Einsatzkräfte mögen gesund von ihren Einsätzen zurückkehren.

Das Grußwort zur Jahreshauptversammlung richtete den Blick über das Einsatzgeschehen hinaus auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Zunehmende internationale Spannungen, wirtschaftliche Konflikte, gezielte Desinformation und ein verändertes sicherheitspolitisches Umfeld blieben nicht ohne Auswirkungen auf kommunale Haushalte und damit auf die Rahmenbedingungen der Gefahrenabwehr. Die Themen Bevölkerungsschutz und Zivilschutz rückten wieder stärker in den Fokus.

Dabei wird ausdrücklich betont, dass Resilienz nicht allein Aufgabe der Feuerwehr sei. Jede Bürgerin und jeder Bürger, ebenso wie Betreiber kritischer Infrastrukturen, seien gefordert, sich auf mögliche Krisenszenarien vorzubereiten. Die Feuerwehr müsse im Ernstfall handlungsfähig sein – doch sie könne nicht sämtliche Erwartungen erfüllen oder strukturelle Versäumnisse kompensieren. Sensibilisierung und Vorsorge seien daher zentrale Aufgaben der kommenden Jahre. Die Feuerwehr könne nicht eine ganze Stadt mit Strom versorgen … Krisenvorsorge sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Ein wesentlicher Baustein für die Zukunft ist die Jugendfeuerwehr. 43 Jugendliche legten erfolgreich die Jugendflamme Stufe eins ab. Das Ausbildungsprogramm umfasste feuerwehrtechnische Grundlagen in Theorie und Praxis, Objektübungen, Sporteinheiten, Erste-Hilfe-Training sowie Besichtigungen. Berufsfeuerwehrtage standen ebenso auf dem Programm wie der Besuch einer Reptilienstation.

Die Jugendfeuerwehr präsentierte sich im Stadtgebiet bei mehreren Veranstaltungen und organisierte in Boisheim auf dem Gelände der Firma ROPA ein Sommerlager mit Spielaktionen. In der ersten Sommerferienwoche führte das traditionelle Zeltlager gemeinsam mit der Jugendfeuerwehr Brüggen nach Hameln zum Zeltplatz Alpha One. Trotz durchwachsenen Wetters bot das Programm Stadtbesuche, Schwimmen, Orientierungsmärsche, eine Lagerolympiade und eine Schlauchboottour. Abends saß man am Lagerfeuer zusammen; in der improvisierten Lagerküche wurde täglich frisch gekocht.

Ein besonderer Höhepunkt war die Reise in die brandenburgische Partnerstadt Calau. Auf Einladung von Bürgermeister Marco Babenz nahm eine 20-köpfige Delegation am Kreiszeltlager teil. Nach elfstündiger Anfahrt wurden die Zelte mit Unterstützung der Gastgeber errichtet. Eine Geocaching-Tour durch die Stadt, ein Neptunfest im Schwimmbad und eine Disco gehörten zum Programm. Ein Flashmob mit über 300 Teilnehmenden zur „Annemarie Polka“ fand sogar Beachtung im regionalen Fernsehen. Der Besuch des Feuerwehrmuseums in Finsterwalde rundete den Aufenthalt ab.

Stadtjugendfeuerwehrwart Sven Maskos betonte in seinem Rückblick die Bedeutung der Nachwuchsarbeit für Kameradschaft, Verantwortungsbewusstsein und Teamfähigkeit. Die Jugendfeuerwehr sei nicht nur Freizeitangebot, sondern gezielte Vorbereitung auf den späteren Einsatzdienst.

Als die Versammlung sich dem Ende näherte, stand weniger das Feierliche als vielmehr das Bewusstsein für die anstehenden Aufgaben im Vordergrund. Globale Spannungen, wirtschaftliche Konflikte, Desinformation und Unsicherheiten wirkten sich mittelbar auch auf kommunale Haushalte und damit auf die Ausstattung der Gefahrenabwehr aus. Gleichwohl bleibe unstrittig, dass die Feuerwehr funktionieren müsse – im Alltag wie im Krisenfall. (cs)