Jeck bis in die letzte Reihe: Die Soetelsche Galasitzung lief auf voller Drehzahl

Man hätte meinen können, die Uhren im Josefshaus hätten sich am Freitagabend rückwärts gedreht — so dicht war die Luft vor Vorfreude, so laut das Lachen, als wäre die fünfte Jahreszeit zur Turbo-Edition hochgefahren. Schon am Eingang blitzten Perlen auf Kostümen, roch es nach dem kleinen, unverkennbaren Duft von Luftschlangen: ein Abend, der keine Sekunde Stillstand kannte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Rita Stertz

Soetle – Das Josefshaus war bis auf den letzten Platz besetzt; lange Reihen voller Jecken, die sich gegenseitig zuprosteten, wild gestikulierend, die Stimmen über den Saal getragen. Sitzungspräsidenten Detlef Belk und Lara Böhmer traten mit routinierter Herzlichkeit ans Mikrofon und schütteten gleich zu Beginn eine Ladung anoyernder Energie in den Saal — Begrüßung, Dank, Scherze, und ein freudiges „Soetelsche Muure-Soat“-Ballett der Hände.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Punktgenau eröffnet wurde die Galasitzung mit dem festlichen Einmarsch der KG De Brook Müerkes. In einem Farbrausch zogen sie ein — die 57. Aufstellung des Kinderprinzenpaares ließ selbst die erfahrensten Karnevalisten entzückt schmunzeln: Kinderprinz Jonas II. und Kinderprinzessin Hannah II. schritten mit royaler Leichtigkeit, flankiert von der Garde der Brook Müerkes, begleitet vom Festausschuss Süchtelner Karneval und der Süchtelner Prinzengarde. Danach schob sich das beeindruckende Dreigestirn heran, begleitet von einem Meer aus Lächeln — ein Auftakt wie aus dem jecken Lehrbuch.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Kapellen-Garde und die Weber-Garde des Festausschusses Süchtelner Karneval 1960 e. V. folgten und zeigten eindrucksvoll, warum der Festausschuss stolz sein darf: seit der Gründung in der Session 2015/2016 haben sich beide Formationen prächtig entwickelt — nicht nur tänzerisch, sondern auch auf Wettbewerbsbühnen, wo sie Titel und vordere Platzierungen ergatterten.

Die Jüngsten waren ein Highlight für sich: ihr bunter Showauftritt war ein Kaleidoskop aus bekannten Geschichten und Genres — vom Dschungelbuch über Arielle, die Meerjungfrau, bis hin zu einem kecken Robin Hood — jedes Kostüm, jede Bewegung minutiös einstudiert, mit strahlenden Augen und choreografischem Ehrgeiz. Ein Jahr lang hatte die Kapellengarde für ihren Jubiläumstanz und diese Überraschung trainiert. Mit Erfolg! Das Publikum zückte die Handys, hielt die Augen feucht vor Rührung und grölte am Ende lauter als so mancher Rocksong.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Dann: die Rhienstädter. Schon der Name sorgte für ein kollektives Innehalten — und dann legten die sieben Musiker los wie ein Wirbelsturm. Bernd und Julia am Gesang, Jörg und Henrik an den Gitarren, Eric am Schlagzeug, Stefan am Keyboard und Ben am Bass. Sie lieferten 111% karnevalistisches Fieber.

Alte Klassiker trafen auf frische Arrangements, Rock, Pop und Schlager verschmolzen zu einem Cocktail, der die Menge zum Kochen brachte. Jeder Beat war ein Aufruf, jede Hookline eine Einladung, aufzustehen. In den Reihen wurde mitgesungen, mitgeklatscht, auf Stühle gesprungen — genau die Mischung, die Gala- und Kostümsitzungen brauchen: vertraut und doch neu.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Nach dieser brachialen musikalischen Explosion präsentierte die Süchtelner Prinzengarde ihren Tanz: eine kraftvolle Einheit, die in meist synchroner Harmonie glänzte. Ihr Mariechen Laura wirbelte wie ein Wirbelwind über die Bühne — akrobatisch, perfekt getimed, ein strahlender Fixpunkt in jeder Formation. Die landenden Sprünge, die ausgestreckten Arme, die straffen Linien, das Publikum atmete kollektiv ein und aus, applaudierte, ganz vorne dabei in der ersten Reihe Bürgermeister Christoph Hopp, dem sichtlich die närrische Freude anzusehen war.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Atmosphäre blieb würdig-feierlich, als die Ehrungen folgten. Für 25 Jahre Engagement im Festausschuss wurden Nicole Camps, Daniela Mackes und Markus Wartmann auf die Bühne gerufen. Es folgten die Auszeichnungen des Bundes Deutscher Karneval: Michelle Cremer, Kathrin Hünnekes und Lara Böhmer erhielten den Treueorden des BDK für ihre tänzerische Leistung; Gregor Mackes wurde mit dem BDK-Orden in Silber bedacht; und Markus Ophei durfte sich über die hohe Ehre des BDK-Ordens in Gold freuen. Gänsehaut, Schmeicheleien, Hände, die sich auf Schultern legten — Anerkennung, die man sehen konnte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Dann der Mann, der mit seinem schiefen Grinsen und messerscharfem Wortwitz das Publikum im Handumdrehen ums Eck brachte: Dä Tuppes vum Land, alias Jörg Runge. „Wenn es stimmt, dass Comedy Fastfood ist, dann bin ich Bio-Vollwert-Kost“, rief er in die Runde — und die Menge schmetterte ihm das Lachen zurück. Runge servierte Reimreden mit kölschem Charme, klassische Büttenkunst verquickt mit Kabarett, pointiert, rheinisch, manchmal brutal ehrlich, doch immer mit einem Augenzwinkern.

Er zog das Publikum aktiv mit hinein, spielte mit Erinnerungen, mit dem Lokalkolorit, mit einem Repertoire, das von Hürther Burgpark-Debüts bis zu großen Fernsehsitzungen reichte. Seine Stimme hatte das angenehme Kratzen eines Mannes, der weiß, wie man einen Saal fängt und wie man ihn nicht mehr loslässt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Süchtelner Tanzgarde hatte in dieser Session ein mitreißendes Motto gefunden und setzte es auch am Freitag mit einer Show um, die sich gewaschen hatte: eine Reise in den Central Park Zoo nach New York — komplett mit Freiheitsstatue und der MS C Süchteln als imaginärem Transportschiff. Es war ein visuelles Feuerwerk: New Yorker Skylines, Choreografien, die zwischen Broadway und karnevalistischer Präzision pendelten, silberne Kostüme, die Funken sprühten. Nicht nur die Füße wippten; die ganze Halle schien an Bord zu sein. Es war eben eine kleine Weltreise vom Niederrhein aus.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Kaum hatten die letzten Klänge der Tanzgarde verklungen, übernahm eine afrokölsche Gospelgruppe die Bühne: Na Mouléma. Frontfrau Marie Enganemben — ein Energiebündel mit einer Stimme, die tief in die Brust griff — war wieder da, nachdem sie im Vorjahr bereits Herzen gewonnen hatte. Ihre Präsenz war magnetisch; ihre Stimme, ein Mix aus Gospelpower, kölschem Schmelz und afrikanischer Seele.

Sie brachte Lieder, die zum Mittanzen einluden, kölsche Melodien mit afrikanischen Grooves verbanden und das Publikum in einen singenden Strom verwandelten. Marie, in 1980 in Ndikinimeki/Kamerun geboren, übersetzte ihren Namen mit einer charmanten Eselsbrücke ins Kölsche — „Eng am Bëijn“ — und ließ damit die Anwesenden schmunzeln und zugleich die Zungen lockern. Ihr Chor „Na Mouléma“ — gegründet 2011 als Herzensprojekt — stand wie eine Wand aus Stimmen hinter ihr: Gospel, Soul, Pop, Funk, alles war dabei, alles pulsierte, alles war mit Herz.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Dann KOMMANDO3: eine Formation, die vom ersten Takt an den Saal angriff — im besten Sinne. „Leev Jecke, se hann sich en Rakeet verdeent! Kommando eins…“ hallte es, und hundertfache Stimmen antworteten. Kommando zwei, dann drei — und plötzlich stampfte der ganze Saal. Die vier Kölner hatten ihre Mission klar: Mitreißen, animieren, keine Ruhe lassen. Ihr Programm: kölsche Hits, Mashups, Remixe, frische Eigenproduktionen. Eine wilde, aber perfekt dosierte Mischung. Technisch unkompliziert, inhaltlich explosiv. Genau die Zutaten, die das Publikum liebt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Rhythmussportgruppe setzte danach noch einen drauf: neunköpfig, tight, mit einem Sound, der Sport, Groove und Pop vereinte. Sänger Jeffrey Amankwa trieb die Melodien voran, Niklas Dahlheimer an der Gitarre ergänzte mit Gesang, Lukas Lohner am Keyboard, Jonas Scheler am Schlagzeug, Stephan Salgert am E-Bass, Thomas Gärtner und Nils Schmalenströr an den Trompeten, Jonas Geyersberger am Saxophon und Wilhelm Krätzig an der Posaune — ein Bläserkoloss, der den Saal durchpflügte.

Ihre Wurzeln: 2015 an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf geboren, von Prüfungsband zur Bühnenmaschine mutiert, mit Festivalauftritten, einer Zusammenarbeit mit Produzent Dieter Falk und Karnevals-Entrées seit 2019. Singles wie „Glanz & Gloria“ hatten bereits WDR- und Antenne-Durchschläge erlebt; Auftritte in großen Hallen waren keine Seltenheit, und mit Songs wie „Am Rhein Am Rhein“ (2025) oder „(Nicht mehr) Mein Karneval“ hatten sie erneut ihr Gespür für moderne wie traditionelle Töne bewiesen. Auf der Bühne wirbelten sie mit einem sportlichen, treibenden Funkrock, der die Beine forderte und die Hände zum Klatschen brachte. Ein Sound, der den Rhythmus nicht nur spielte, sondern körperlich einforderte.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Reihen des Josefshauses hatten längst ihre Stimmbänder erschöpft vom Mitsingen und Jubeln, doch die Künstler gaben weiter: die Lampen flammten, die Scheinwerfer zeichneten Gesichter in Gold, und die Luft war schwer von Applaus. In der Pause froren Gespräche nicht ein, sondern wuchsen: Stimmen beredeten Lieblingsnummern, jecker Nachwuchs wurden bejubelt, Pläne für die nächste Straßenbeleuchtung der Session geschmiedet. Man spürte überall die gleiche Energie: karnevalistischer Überschuss, gemeinschaftliche Ausgelassenheit und die leise, aber beständige Hoffnung, dass sich solche Nächte nicht so schnell wiederholen — und wenn, dann bitte genau so.

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz

Die Show endete nicht mit einem kleinen Wort, sondern mit einem Rausch: Musik, Tanz, stehende Ovationen, Hände in der Luft. Es war eine Aneinanderreihung von Augenblicken, die, einmal verschmolzen, zu einer einzigen großen Erinnerung wurden — laut, warm, bunt. Hach ja, so schön ist es in der Irmgardisstadt. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Rita Stertz