Deutschland steht vor einer Zäsur. 2026 wird der Glücksspielstaatsvertrag erstmals umfassend evaluiert. Seit seiner Einführung im Jahr 2021 sollte er Ordnung in einen zuvor zersplitterten Markt bringen, mit einheitlichen Regeln, Lizenzverfahren und der zentralen Datenbank LUGAS, die alle Spielaktivitäten überwacht. Fünf Jahre später stellt sich die Frage: Hat das System seine Ziele erreicht oder ist eine Reform unausweichlich?
Service – Die Diskussion betrifft nicht nur die großen Plattformen und Behörden, sondern auch lokale Strukturen. In Städten wie Viersen wird deutlich, wie eng die Regulierung von Glücksspiel mit wirtschaftlicher Entwicklung, Digitalisierung und Verbraucherschutz verflochten ist.
Ob stationäre Spielhallen, Online-Anbieter oder Freizeitangebote, sie alle spüren die Folgen eines Gesetzes, das ursprünglich Stabilität bringen sollte, aber nun selbst auf dem Prüfstand steht.

Viersen zwischen Wirtschaftsfaktor und Verantwortung
Auch in Viersen ist Glücksspiel längst mehr als nur Freizeitvergnügen. Zahlreiche Betriebe profitieren indirekt von den Effekten der Branche, etwa durch Gastronomie, Veranstaltungen oder den Werbemarkt. Gleichzeitig beobachten Behörden mit Sorge, dass die Regulierung im digitalen Raum oft nicht Schritt hält.
In der Stadt selbst gelten klare Regeln. Spielhallen müssen Abstände einhalten, Lizenzauflagen erfüllen und dürfen nur begrenzte Öffnungszeiten anbieten. Doch viele Bürger nutzen längst Online-Angebote, die sich außerhalb des deutschen Systems bewegen. Damit wird deutlich, wie schwierig es ist, lokale Kontrolle in einer globalisierten Digitalwelt durchzusetzen.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie stark sich die Landschaft verändert hat. Wer auf LUGAS verzichten will, also auf die verpflichtende Anbindung an die zentrale Sperrdatei und das Limit-System, greift zunehmend auf Anbieter aus dem europäischen Ausland zurück. Diese verfügen über Lizenzen aus Malta, Zypern oder Curaçao und umgehen damit den deutschen Kontrollmechanismus. Sie sind rechtlich erlaubt, solange sie außerhalb Deutschlands operieren, aber praktisch schwer zu überwachen.
Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) berichtet selbst, dass im Jahr 2024 rund 858 deutschsprachige nicht in Deutschland lizenzierte Glücksspielwebsites von 212 Anbietern identifiziert wurden.
Wirtschaftlich gesehen geht es um mehr als Verbote oder Genehmigungen. Das Glücksspielgesetz betrifft Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und den Wettbewerb innerhalb der Regionen. Während klassische Spielhallen in Viersen um Kundschaft kämpfen, verlagern sich die Umsätze zunehmend ins Netz. Für Kommunen bedeutet das eine sinkende Gewerbesteuerbasis, und die Frage, wie sie auf diesen Strukturwandel reagieren sollen.
Digitale Regulierung und die Grenzen des Systems
LUGAS, das Kernstück des deutschen Kontrollmodells, soll eigentlich Sicherheit gewährleisten. Spieler werden übergreifend erfasst, tägliche Einsatzlimits kontrolliert und Sperrlisten zentral verwaltet. Doch die Realität zeigt Schwachstellen. Nutzer erfahren technische Verzögerungen, unklare Zuständigkeiten und Datenschutzfragen, die die Umsetzung erschweren.
Zudem beklagen lizenzierte Anbieter den hohen Aufwand und die vergleichsweise restriktiven Bedingungen, während ausländische Plattformen durch flexiblere Systeme punkten. Diese Parallelwelt entsteht vor allem deshalb, weil Spieler auf eine modernere Benutzererfahrung und schnellere Transaktionen setzen.
So zeigt sich eine paradoxe Situation. Das Gesetz, das den Markt ordnen sollte, hat in Teilen zu dessen Fragmentierung beigetragen. Während die Behörden in Nordrhein-Westfalen weiter an der technischen Integration von LUGAS arbeiten, fordern Verbände längst eine Modernisierung.
Eine mögliche Lösung wäre ein abgestuftes Lizenzmodell mit europäischer Interoperabilität, das nationale Kontrollmechanismen beibehält, aber flexibler auf Marktveränderungen reagiert.
Ein Blick nach Europa
Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, wie unterschiedlich Europa mit dem Thema Glücksspiel umgeht. In Dänemark und den Niederlanden existieren zentrale Systeme ähnlich dem deutschen Modell, doch sie setzen stärker auf Eigenverantwortung der Spieler und digitale Prävention statt auf Sperrmechanismen.
Frankreich wiederum verfolgt einen restriktiveren Ansatz, während Malta seit Jahren als liberales Gegenbeispiel gilt, und europäische Online-Anbieter dorthin zieht. Diese Vielfalt verdeutlicht, dass ein einheitlicher europäischer Glücksspielrahmen derzeit kaum realistisch ist.
Dennoch diskutiert die EU-Kommission zunehmend über Transparenz- und Verbraucherschutzstandards, die zumindest gemeinsame Mindestanforderungen schaffen könnten.
Für Viersen und andere Städte in Nordrhein-Westfalen könnte das bedeuten, dass sie sich künftig auf europäische Richtlinien einstellen müssen, die nationale Gesetze ergänzen oder teilweise ersetzen. Damit würde sich auch die Verwaltungspraxis verändern, etwa bei der Überwachung lokaler Anbieter oder der Erfassung digitaler Spielströme.
Perspektiven zwischen Innovation und Regulierung
Die Glücksspielbranche in Deutschland befindet sich im Umbruch. Laut jüngsten Branchenzahlen wuchs der Online-Sektor 2024 um knapp 15 Prozent, während klassische Spielstätten leicht rückläufige Umsätze verzeichneten.
Hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein Trend. Digitalisierung als Wachstumstreiber, aber auch als Herausforderung für Recht und Politik. Und doch kann man von Wachstum ausgehen. Der Online-Glücksspielmarkt in Deutschland wird nach einer Prognose von 2024 bis 2035 mit einer jährlichen Wachstumsrate von etwa 9,39 % erwartet.
In Viersen könnten sich neue Chancen ergeben, wenn lokale Unternehmer oder Entwickler innovative Konzepte im Bereich Entertainment, Software oder Payment-Lösungen aufgreifen. Denn die Zukunft des Glücksspiels ist längst auch eine Frage der Technologie.
Künstliche Intelligenz, Blockchain-basierte Transaktionssysteme und automatisierte Sicherheitsprüfungen eröffnen neue Möglichkeiten, nicht nur für Betreiber, sondern auch für lokale IT-Firmen und Start-ups, die an solchen Schnittstellen arbeiten.
Gleichzeitig warnen Experten vor einer Überregulierung, die Innovation hemmen könnte. Ein modernes Glücksspielgesetz müsste daher zwei Ziele gleichzeitig erreichen, nämlich Spielerschutz gewährleisten und zugleich unternehmerische Dynamik zulassen.
Viersen und die Folgen einer möglichen Reform
Was also passiert 2026? Sollte der Evaluationsbericht gravierende Defizite aufzeigen, ist eine Anpassung des Glücksspielgesetzes wahrscheinlich. Diskutiert werden bereits Themen wie die Vereinfachung der Lizenzen, die Einführung einheitlicher digitaler Identitäten zur Spielererkennung und eine mögliche Lockerung der Limit-Systeme für verifizierte Nutzer.
Für Viersen und das Land Nordrhein-Westfalen könnte das mehrere Konsequenzen haben. Zum einen müssten Kommunen ihre Aufsichtspraxis anpassen und eng mit den Landesbehörden zusammenarbeiten. Zum anderen könnten neue digitale Geschäftsmodelle entstehen, die den Standort stärken.
In einer Region, die zunehmend auf Technologie, Dienstleistungen und nachhaltige Stadtentwicklung setzt, könnte eine moderne Glücksspielpolitik durchaus Impulse liefern, vorausgesetzt, sie wird nicht nur als Reglementierung, sondern als Chance verstanden.
Das Jahr 2026 wird somit zu einem Prüfstein für die Balance zwischen Kontrolle und Freiheit im deutschen Glücksspielsystem. Für Viersen, wo Tradition und Fortschritt oft nah beieinander liegen, dürfte diese Debatte weit über den Gesetzestext hinausreichen, sie betrifft die digitale Zukunft ganzer Städte. (opm)




