Die diesjährige REHACARE, die weltweit bedeutendste Fachmesse für Rehabilitation, Pflege und Inklusion, hat am Mittwoch mit einem kraftvollen Signal eröffnet: Selbstbestimmtes Leben ist nur möglich, wenn technische Innovation und gesellschaftliche Haltung Hand in Hand gehen. Schon zum Auftakt der Messe wurde deutlich, dass es nicht allein um neue Produkte geht, sondern um ein gesellschaftspolitisches Versprechen – Teilhabe für alle.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Leo Dillikrath
Magazin/Düsseldorf – Im Zentrum der Eröffnungsveranstaltung stand das Leitmotiv „Selbstbestimmt leben: Innovation trifft Haltung“. Damit knüpft die Messe bewusst an eine zentrale Debatte unserer Zeit an: Wie gelingt eine inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen nicht nur unterstützt, sondern aktiv beteiligt werden? Innovation, so die Kernbotschaft, dürfe nicht als Selbstzweck verstanden werden. Sie müsse Antworten auf reale Herausforderungen bieten und sich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren.

Die Eröffnung selbst nahm eine unkonventionelle Form an. Statt auf klassische Ansprachen setzten die Organisatoren auf ein lebendiges Gespräch im Podcast-Stil. Die Aktivistin und Beraterin Sabrina Lorenz sowie der Journalist und Podcaster Moritz Brückner führten in der Manier ihres Formats „Inklusiv uns“ durch die Auftaktveranstaltung. Beide ordneten den aktuellen Stand der Inklusionsdebatte ein und entwickelten Perspektiven für die Zukunft.
Lorenz forderte, dass Selbstbestimmung nicht bloß Lippenbekenntnis bleiben dürfe, sondern Innovationen ihren Wert daran messen lassen müssten, ob sie den Alltag von Menschen tatsächlich erleichtern. Brückner ergänzte, dass Offenheit für Tabuthemen unverzichtbar sei, weil nur ein ehrlicher Umgang mit bestehenden Hürden echte Teilhabe ermögliche – sowohl im privaten als auch im politischen und wirtschaftlichen Leben.

An die Gesprächseröffnung schloss sich eine Diskussion mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Selbsthilfeorganisationen, Start-ups und Messeleitung an. Dr. Martin Danner von der BAG SELBSTHILFE betonte, dass ohne die konsequente Einbindung von Betroffenen in Entscheidungsprozesse zentrale Versprechen von Inklusion unerfüllt blieben. Dr. Urs Schneider vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung hob hervor, dass technologische Innovationen zwar einen Schlüssel zu mehr Autonomie darstellten, ihr Erfolg aber davon abhänge, ob sie Vertrauen erzeugten und tatsächlich genutzt würden.
Der Gründer des Start-ups inContAlert, Nico Koplanov, schilderte die Schwierigkeiten junger Unternehmen und kritisierte die langen Zulassungsverfahren, die derzeit bis zu acht Jahre dauern und damit den Markteintritt unnötig verzögern. Für Betroffene bedeute dies, dass dringend benötigte Hilfen zu spät verfügbar seien. Hannes Niemann, Direktor der REHACARE, stellte die Rolle der Messe als Plattform und Möglichmacher heraus. Er kündigte eine groß angelegte Community-Befragung an, die während der Messe und online durchgeführt wird. Unter dem Titel „Wie selbstbestimmt ist das Leben mit Hilfsmitteln wirklich?“ soll ein realistisches Bild von gelebter Inklusion gezeichnet werden – mit allen Hürden, aber auch positiven Beispielen aus dem Alltag. Die Ergebnisse sollen 2026 in einer repräsentativen Studie veröffentlicht werden.

Im Anschluss an die Diskussion führte eine Innovationstour durch die Messehallen. Dort präsentierten Ausstellerinnen und Aussteller ausgewählte Neuheiten, die Inklusion greifbar machen, darunter digitale Assistenzsysteme, intelligente Rollstühle, barrierefreie Smart-Home-Technologien und neue Pflegekonzepte. Die Tour machte anschaulich, wie technische Entwicklungen in konkrete Verbesserungen des Alltags übersetzt werden können.
Der Auftakt der REHACARE 2025 war von einem konstruktiven Grundton geprägt. Anstatt auf Defizite zu verweisen, lag der Schwerpunkt auf Impulsen, Lösungsansätzen und ermutigenden Beispielen. Schon am ersten Tag wurde deutlich, dass die Messe weit mehr ist als ein Branchentreffen: Mit rund 700 Ausstellern aus über 35 Ländern und erwarteten 50.000 Besucherinnen und Besuchern versteht sich die REHACARE als Forum für gesellschaftlichen Wandel. Sie verbindet Fachwissen mit politischen Botschaften und macht sichtbar, dass Inklusion keine Aufgabe für Einzelne, sondern eine gemeinsame Verantwortung ist. Innovation trifft Haltung – dieses Leitmotiv ist damit nicht nur ein Slogan, sondern der Anspruch, an dem sich die Messe messen lassen will. (cs)





